Worte von Bundespräsident Alexander Van der Bellen bei der Staatspreisverleihung für Europäische Literatur

»Ich kann nur sagen, für mich war das ein Erlebnis, dieses Buch zu lesen«

Worte von Alexander Van der Bellen zur Verleihung des Staatspreises für Europäische Literatur an Drago Jančar in Salzburg.

Lieber Drago Jančar!

Verehrte Festgäste!

Staatssekretärin Andrea Mayer hat es schon angedeutet: Ich bin ein Leser. Aber ich sage es gleich, ich kenne erst ein Buch von Drago Jančar.

Warum stehe ich hier?

Nicht nur, weil die Festspiele sind und wir schon die Freude hatten, die „Elektra“ zu sehen und die Uraufführung von Peter Handke gestern Abend. Und weil es sich halt ergibt, nehme ich auch an der Verleihung des Staatspreises teil.

Nein. Das hat einen anderen Hintergrund. Und ich habe mir gedacht, ich erzähle Ihnen das, wie das war.

Vor ungefähr zwei Jahren – denke ich – gab es das übliche halbjährliche Treffen des Bundespräsidenten mit den EU-Botschafterinnen und -Botschaftern. Das ist meistens sehr interessant. Man kann offen diskutieren und hofft, dass die Chatham Rules eingehalten werden. Also, dass man das nicht unbedingt weitererzählt.

Und gegen Ende dieses Meetings trifft mich unvermutet eine Frage Ihrer Exzellenz, Botschafterin SKRILEC aus Slowenien. Und sie sagte – eine ganz einfache Frage möchte man meinen – „Please, explain Austria to me.“

Ich meine, ich finde es ist ein kompliziertes Land? Die Landschaft wird ja nicht gemeint sein.

Ich kann mich nur an meinen ersten Satz erinnern. Mein erster Satz war: „The first thing you have to notice, is: Austria is not Germany.“

Ich weiß nicht, ob mir das berühmte Paradoxon von Karl Kraus noch eingefallen ist – über die gemeinsame Sprache. Ich finde Karl Kraus irrt in diesem Punkt. Wir haben nicht die gemeinsame Sprache – mit Deutschland, meine ich.

Und, jedenfalls ist mir das so im Gedächtnis geblieben: Ein Jahr später – oder so – bekomme ich ein Buch geschenkt – von einer Freundin, sage ich inzwischen, der slowenischen Botschafterin. Und ich habe mir gedacht, na endlich einmal was Nützliches. Was zum Lesen. Sie glauben nicht, was man manchmal geschenkt bekommt. Ich werde mich jetzt hüten, ein Beispiel zu nennen. Jedenfalls, der Keller der Hofburg ist groß.

Dieses Buch – ich habe es der Botschafterin, glaube ich, gleich gesagt: „Ok, ich werde es lesen, aber gekauft, hätte ich es mir nicht.“

Weil, ich meine, jeder hat seine Vorurteile, oder? Und ich habe halt das Vorurteil, wenn ich einen Buchtitel sehe, der heißt „Wenn die Liebe ruht“, denke ich mir, was ist denn das für eine Strandlektüre? Das ist ein unbegründetes Vorurteil. Es tut mir leid, ich musste schon wieder ein Vorurteil begraben.

Jedenfalls habe ich angefangen, dieses Buch zu lesen. Und wenn man es zu Ende gelesen hat, versteht man auch den Titel. Dann hat er nämlich was.

Ich werde jetzt nicht auf das Buch eingehen. Katja Gasser wird begründen, warum die Jury zu ihrem Urteil gekommen ist. Ich kann nur sagen: Lesen Sie es. Man lernt historisch auch etwas dazu – etwa über das Verhältnis zwischen Deutschland, Österreich und Slowenien.

Ich kann nur sagen, für mich war das ein Erlebnis, dieses Buch zu lesen. Wir – meine Frau und ich – haben es inzwischen mehrfach weiter verschenkt. Und in unserem Bücherregal stehen inzwischen noch ein paar andere, die darauf warten, gelesen zu werden. Und wir freuen uns schon darauf.

Ich freue mich, dass ich Sie kennengelernt habe, Herr Jančar. Wir haben inzwischen schon einen Kaffee in der Hofburg getrunken. Also, ich hoffe jedenfalls, dass es Kaffee war.

Für mich und meine Frau war das ein Erlebnis, Sie zu lesen und Sie kennenzulernen. Vielleicht spielt auch eine Rolle – wie Andrea Mayer schon angedeutet hat – dass wir unseren südlichen Nachbarn neben Italien – einen unserer südlichen Nachbarn noch besser kennengelernt haben.

 

Vielen herzlichen Dank!

Staatspreisverleihung für Europäische Literatur 3. August 2020
Staatspreisverleihung für Europäische Literatur 3. August 2020

Fotos: Peter Lechner/HBF