Alexander Van der Bellen überreichte Ehrenringe der Republik an Sub auspiciis-Doktorinnen und -Doktoren.
Es gilt das gesprochene Wort!
Herzlichen Dank für die musikalische Begleitung des Entheus-Quartetts.
Sehr geehrte Frau Bundesministerin!
Sehr geehrte Präsidentin der Universitätenkonferenz, sehr geehrte Rektorinnen und Rektoren!
Geschätzte Professorinnen und Professoren!
Meine Damen und Herren!
Vor allem aber: Liebe Auszuzeichnende!
Herzlich willkommen in der Wiener Hofburg!
Ich freue mich außerordentlich, dass Sie alle es geschafft haben, in unseren bescheidenen imperialen Hallen Ihre wohlverdiente Ehrung zu erhalten.
Heute geht es um Sie, um Ihre Arbeit, um Ihre Leistung. Die heute verliehene Ehrung würdigt diese Leistungen, die in der Tat außerordentlich sind.
Außerordentlich ist auch die Art dieser Ehrung.
Denn Promotionen sub-auspiciis gibt es nur hierzulande. Sie sind, wenn man so will, ein Relikt aus den Zeiten der Monarchie, als 1625 – also exakt von 400 Jahren - die erste derartige Promotion Erwähnung fand. Sub auspiciis Imperatoris freilich.
Es hat sich also doch etwas geändert. Dennoch wird diese Form der Promotion mitunter als „Curiosum Austriacum“ bezeichnet. Aber: Ist das tatsächlich so? Eine Kuriosität? Ein Relikt?
Meines Erachtens – nein.
Es war doch nicht zufällig, dass die gesetzliche Grundlage für Sub-auspiciis-Promotionen bereits 1952 geschaffen wurde – also drei Jahre bevor Österreich seine vollständige Souveränität wiedererlangte.
1952 war Österreich gezeichnet von den Zerstörungen durch den Nationalsozialismus. Zerstörungen, die der Krieg in den Gemeinden und Städten hinterlassen hat. Zerstörungen im österreichischen Denken, Forschen und der Wissenschaft. Wir wissen um viele Intellektuelle, auf die Österreich während und auch nach der Zeit des NS-Regimes verzichten musste.
Weil die Nationalsozialisten sie vertrieben - oder im schlimmsten Fall - ermordet hatten. Und so die deutsche wie österreichische Forschung aber auch Gedankenwelt ärmer gemacht haben. 1952 also entschloss sich der Gesetzgeber, die Würdigung der intellektuellen Spitzenleistungen festzuschreiben. Da erkenne ich den erstarkenden Willen zum geistigen Wiederaufbau Österreichs.
Seither ist viel geschehen. In Österreich, in der Wissenschaft, in der Forschung.
In etwas mehr als 70 Jahrzehnten haben über 1.200 Studierende die hohen Herausforderungen bewältigt, die mit einer Promotion sub-auspiciis-praesidentis-rei-Publicae einhergehen. Das ist eine beachtliche Zahl – und doch im Promille-Bereich angesiedelt, wenn wir die akademischen Abschlüsse hierzulande insgesamt betrachten.
In jedem Fall aber ist das eine heute genauso gültig wie vor 73 Jahren:
Dass die Republik Österreich Wert darauflegt, akademische Spitzenleistung anzuerkennen und in geeigneter Form zu würdigen.
Ehrenringe der Republik Österreich, überreicht von Bundespräsident Alexander Van der Bellen (Foto: Peter Lechner/HBF)
Meine Damen und Herren!
Die letzten Jahre haben die Wissenschaft in den Fokus einer breiteren Aufmerksamkeit gerückt. Und zwar in vielen Bereichen, besonders aber die technischen und die Lebenswissenschaften.
Pandemie und Klimakrise, die Suche nach Medikamenten und nach alternativen Energiequellen haben zu einer beachtlichen Sichtbarkeit dieser Forschungsfelder geführt. Von der Wissenschaft als einem Elfenbeinturm kann keine Rede mehr sein. Sie ist mitten in der Gesellschaft angekommen. Die Wissenschaft ist aber auch ein Zankapfel. Wahrscheinlich mehr, als noch vor Ausbruch der Corona-Pandemie.
In Österreich gibt es leider ein besonders ausgeprägtes Misstrauen gegen die Wissenschaft.
Was viele Menschen vielleicht irritiert, ist, dass sich wissenschaftliche Ansichten ändern, dass sich Wahrheiten von heute morgen schon als Irrtum herausstellen können. In unsicheren Zeiten sehnen sich einige nach Sicherheit, nach Unumstößlichkeit. Diese ist jedoch trügerisch.
Dass gestern etwas wahr gewesen ist, was heute nicht mehr gilt, ist ein Wert für sich.
Genau das, meine Damen und Herren, ist ein Qualitätsmerkmal von Wissenschaft. Das Streben nach neuen Erkenntnissen. Genau das macht ihren Erfolg aus. Dass sie nicht unfehlbar ist, ja, Fehler aber zu korrigieren imstande ist. Darin liegt die große Überzeugungskraft des wissenschaftlichen Denkens.
Sir Karl Popper, der große österreichische Philosoph und Wissenschaftstheoretiker, nannte dies „Falsifikationsprinzip“. Das bedeutet, dass etwas solange Gültigkeit besitzt, bis es sich als falsch erweist.
Dass sich die Sonne um die Erde dreht, war vor 1500 Jahren kein Unsinn. Die klügsten Köpfe dieser Zeit waren davon überzeugt. Heute aber ist es Unsinn.
Leider aber gewinne ich mitunter den Eindruck, dass zunehmend die bloße Behauptung einer Tatsache genügt, um als wahr angesehen zu werden. Mehr und mehr Menschen entziehen sich der – zugegebenerweise manchmal mühsamen – Arbeit, eigene Standpunkte infrage zu stellen und rational zu überprüfen. Und ja, das ist ein schmerzhafter, und mitunter auch langwieriger Prozess.
Sie, die Sie heute für außerordentliche Leistungen auf Ihrem Bildungsweg ausgezeichnet werden, Sie werden nur allzu genau wissen, wovon ich spreche.
Auch Sie haben über einen langen Zeitraum hinweg Thesen aufgestellt, überprüft und, da bin ich mir ganz sicher, auch korrigiert oder gar verworfen. Das hat Sie aber eben gerade nicht daran gehindert, exzellente Leistungen zu erbringen, - und das schon in sehr jungen Jahren. Genau genommen bereits in einem Alter, in dem Spitzenleistungen hauptsächlich auf dem Fußballfeld, beim Schauen vorn Serien oder auf Clubbings erbracht werden.
Gerade wegen Ihrer beeindruckenden Leistungen werden Sie auch das Gefühl kennen, wenn einen die Kraft zu verlassen droht, wenn Zweifel und vielleicht auch Selbstzweifel überhandnehmen. Dann braucht es Unterstützung – und auch die werden Sie erfahren haben. Zuspruch durch Freunde und Familie, und Hilfe von den Lehrenden, die – und das ist ein ganz wesentlicher Punkt – an Sie geglaubt haben und glauben.
Ich danke daher den Professorinnen und Professoren ganz ausdrücklich für ihre Tätigkeit. Meist sind Sie selbst auch international anerkannte und gefragte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Sie haben neben Ihren eigenen Forschungen aber auch die so wichtige Aufgabe übernommen, den wissenschaftlichen Nachwuchs nach Kräften zu unterstützen. Haben Sie dafür Dank, denn was Sie damit machen, ist eine grundlegende und unverzichtbare Arbeit zum Wohl unserer Gesellschaft, die mit jedem Tag mehr zu einer Wissensgesellschaft wird.
23 Sub auspiciis-Auszeichnungen in der Hofburg (Foto: Peter Lechner/HBF)
Ich danke auch allen Familienangehörigen und allen Freundinnen und Freunden der heute Ausgezeichneten. Da werden sicherlich viele von Ihnen mir beipflichten.
Es sind immer wieder unsere Nächsten, die mit Sorge, Zuspruch und Liebe uns bestärken, weiterzumachen. Auch die größte Leistung eines oder einer Einzelnen verlangt nach Einigen, die anfeuern und mitfiebern. Wir Menschen sind Teamspieler und Teamspielerinnen, wir müssen einander zur Seite stehen und für einander da sein. Im Großen wie im Kleinen.
Und dennoch: Geschätzte Sub-auspiciis-Doktorinnen und –Doktoren:
Heute ist Ihr Tag.
Feiern Sie – und lassen Sie sich feiern!
Ich darf Sie nun bitten, einzeln zu mir zu kommen, damit ich Ihnen den Ehrenring der Republik Österreich überreichen kann.
Vielen Dank!