Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen bei den Erdgesprächen im Wiener MuseumsQuartier.

Bundespräsident bei den ERDgesprächen: »Wir sind viele«

Alexander Van der Bellen erinnert an die gemeinsame, globale Verantwortung bei der Lösung dringender Klimafrage.

Meine Damen und Herren,

liebe Angie Rattay – hallo an alle!

„We are many!“, das ist der Fokus dieser Erdgespräche. Schauen Sie sich um: Ja, wir sind tatsächlich viele hier – um die 700, habe ich mir sagen lassen.

Ich habe mir das einmal angeschaut: Wissen Sie, wie groß die kritische Masse ist, die eine Gesellschaft braucht, um potenziell eine Veränderung auszulösen? Was schätzen Sie?

Ich habe in einer Studie gelesen, es sind – Pi mal Daumen – 3,5 bis 4 Prozent, die sich aktiv beteiligen müssen, damit eine breite gesellschaftliche Bewegung ins Rollen kommt. Mit 3,5 Prozent wurden bereits Regimes gestürzt. Das wären hier in dem Raum lediglich die ersten eineinhalb Reihen!

Und was glauben Sie, wie hoch ist diese Hürde für eine technische Innovation? Also z.B. von Videokassette zu DVD (wer sich noch erinnern kann) oder vom Tastenhandy zum Smartphone. 20 Prozent! Da nehmen wir hier in der Halle einfach noch ein einige Reihen dazu, und schon sind wir dort. 

Also historisch betrachtet muss ein Fünftel aller Menschen eine neue Technologie nutzen,  damit die Entwicklung nicht mehr (oder nur mehr schwer) aufzuhalten ist.

Mittlerweile sind ein Fünftel der weltweit verkauften Autos E-Autos. Wind- und Solarenergie sind in vielen Ländern günstiger als Fossile. Die Batterietechnik macht große Fortschritte. Wir investieren global immer mehr in Erneuerbare. Und wir nutzen diese Technologien immer mehr. Schlicht, weil sie sich rentieren!

Das bedeutet: Wir sind bereits mitten in einer unumgänglichen Wende. Jetzt brauchen wir nur noch eine Politik, die diese Wende nicht blockiert,  sondern anschiebt. Und eine Wirtschaft, die sie nicht als Hürde sieht, sondern als Sprungschanze nutzt. 

Meine Damen und Herren,

immer wieder hören wir von Kipppunkten, und wir kennen sie alle. Aber was ist mit den großen Wendepunkten, also jenen, die uns Mut machen? Verstehen Sie mich nicht falsch, es gibt Gründe, sich Sorgen zu machen: Wir sind jetzt bei einer Erderhitzung von 1,62 Grad. Also leider schon über dem 1,5 Grad-Ziel. Österreich erwärmt sich übrigens doppelt so stark wie der globale Durchschnitt – hierzulande verzeichnen wir eine Erwärmung um 3,1 Grad.

Aber es gibt ebenso viele Gründe, die zuversichtlich stimmen.

Zum Beispiel: 

Wir sind viele.

Wir sind ja hier bei den Erdgesprächen jedes Jahr mit demselben, naja, Problem konfrontiert: „Preaching to the converted.“

Aber ich habe das Gefühl, von Jahr zu Jahr werden es mehr, die „konvertiert“ sind. Und das ist etwas richtig Gutes!

Immer mehr Menschen erkennen: 

Die Klimabewegung ist keine ideologische Bewegung. Sie ist eine wirtschaftliche. Eine vernünftige.

Es ist vernünftig, dass wir etwas gegen die Erderhitzung tun. Weil wir damit etwas für unseren eigenen Fortbestand tun. Mit so einem Mindset wird Klimaschutz schnell zum Selbstläufer. Dann helfen wir zusammen, jede und jeder übernimmt einen Part dabei.

Und plötzlich haben wir in Summe doch eine Veränderung. Denken Sie nur an die ersten eineinhalb Reihen von vorhin, die ein Regime stürzen könnten, wenn sie nur beharrlich genug sind. Es ist ja keine Wissenschaft: Gemeinsam ist fast alles einfacher. Auch global.

Deshalb ist es auch sinnlos, in Kategorien zu denken  wie „die Guten“ und „die Bösen“; und es ist sinnlos, mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Ich habe vor kurzem mit dem chinesischen Außenminister gesprochen. China ist ganz vorne dabei – bei neuen Technologien, aber leider auch bei Emissionen. Ist China jetzt also Klimasünder? Oder der große Innovator? Oder ist das Ganze nicht doch komplexer?

Nun, bevor Sie Ihr Urteil fällen: China hat den Trend der erneuerbaren Energien für sich zu nutzen gewusst und baut mittlerweile jedes Jahr doppelt so viel an Wind- und Solarkraft aus wie der gesamte Rest der Welt. Nirgendwo anders werden so viele Patente für grüne Technologien eingereicht. Es ist also alles viel komplexer als man denkt.

Fest steht jedenfalls: So wie wir uns alle einen Planeten teilen, teilen wir auch die Verantwortung dafür. Wir alle.

Man kann nicht gegeneinander etwas verändern. Aber man kann miteinander etwas ändern. Darum brauchen wir dringend ein weltumspannendes „Wir-Gefühl“. Wir alle wohnen auf diesem Planeten, teilen uns seine Luft, sein Wasser, seine Ressourcen. Schauen wir also, dass alle ihn in gutem Zustand erhalten – und auch so weitervererben.

Ich bin guter Dinge, dass wir das hinkriegen.

Wenn es historisch gesehen den 3,5 Prozent gelingt, Systeme umzuwälzen, und um die 20 Prozent reichen, dass sich neue Technologien durchsetzen – dann stellen Sie sich nur mal vor, was wir alles schaffen können, wenn wir alle an einem Strang ziehen.

Und, frei nach Hannah Arendt, „Wann immer Menschen zusammenkommen, kann man mit Wundern rechnen.“

Oder eben: Mit einer Wende.

Vielen Dank!

ERDgespräche 2025 7. November 2025
ERDgespräche 2025 7. November 2025

Fotos: Daniel Trippolt/HBF