Alexander Van der Bellen mahnt bei den ERDgesprächen mehr Tempo bei Maßnahmen gegen die Erderhitzung ein.
Meine Damen und Herren!
Ich freue mich sehr, wieder hier zu sein und die 15. Erdgespräche formal eröffnen zu dürfen.
Ich möchte vorausschicken, hier eine inhaltliche Rede zu halten ist für mich nicht leicht. Warum?
Naja, bei einem Publikum wie Ihnen, was kann ich da Neues bieten? Welchen Blickwinkel könnte ich mit Ihnen teilen, den Sie nicht eh schon kennen?
Also, ich versuche es mal, nur ganz am Rande sozusagen, mit meinem früheren Leben zu verbinden. Jetzt bin ich Bundespräsident, aber in meinem früheren Leben war ich nicht Forstwirt, sondern schlichter Ökonom. Und der Ökonom in mir sieht natürlich in der Klimakrise neben den emotionalen Aspekten und den Umweltaspekten, im engeren Sinn, auch ein wirtschaftliches Thema.
Diese extremen Wetterereignisse mit denen wir konfrontiert sind, sind tragisch.
Wir haben es kürzlich erst gesehen: Orte, in denen hüfthoch braunes Wasser stand. Brücken, die weggerissen wurden. Kinderzimmer, die mit Schlamm gefüllt sind. Menschen, die verzweifeln.
Diese Extremwetter kosten viele Menschen ihr Hab und Gut, ihr Eigentum, ihre Lebensgrundlage. Und im schlimmsten Fall: ihr Leben.
Der Schaden, den solche Katastrophen bei den Menschen verursachen, den kann man nicht in Zahlen ausdrücken.
Aber die Schäden, die sie an Straßen, an der Infrastruktur, am Privateigentum, an Schienen und Strommasten verursachen, den kann man schon in Zahlen ausdrücken.
Das sind alles Daumenschätzungen.
Hochwasser neulich in Niederösterreich: 1,3 Milliarden Euro.
Juni-Hochwasser in Süddeutschland: 4,1 Milliarden Euro Schaden.
Hurricane „Helene“ in den USA: 110 Milliarden Dollar Schaden.
Ich habe auch höhere Zahlen gesehen. In der Financial Times war mal von 150 Milliarden Dollar die Rede. Da muss man immer aufpassen. Wenn da Zahlen genannt werden, ist der Schaden gemeint, den die Versicherungen auszahlen, oder ist der Schaden insgesamt gemeint. Der ist natürlich viel höher.
Und bei „Milton“, letzte Woche in Florida, werden es ebenfalls Summen in zweistelliger Milliardenhöhe sein.
Das sind hohe Summen. Für einzelne Menschen bedeutet das oft, dass sie vor dem Nichts stehen.
In den USA steigen mittlerweile viele Versicherungen in bestimmten Regionen, da, wo die Unwetterhäufigkeit besonders hoch ist, aus dem Geschäft aus. Das heißt, Sie können Ihr Haus nicht mehr gegen Unwetter versichern. Wenn Sie aber keine Unwetterversicherung haben, kriegen Sie auch keinen Hypothekarkredit. Das heißt die demographische Struktur der USA wird sich über kurz oder lang deutlich ändern.
Dass die Erde immer heißer wird, das kostet. Es kostet Geld. Und zwar richtig viel.
Da fragt man sich natürlich schon: Wäre es nicht günstiger gewesen, die Erderwärmung, die Erhitzung schon von vornherein zu bremsen?
Ja, sicher wäre das günstiger gewesen. Seit Jahrzehnten konnte man wissen, wenn man es wissen wollte, dass die Emission von Treibhausgasen negative Folgen haben wird.
In der Ökonomie wird seit 100 Jahren über dieses Phänomen der sogenannten negativen externen Effekte diskutiert. Das heißt Phänomene, die der Markt eben nicht löst. Probleme, die der Markt nicht löst, die man deswegen auch Marktversagen nennt.
Und es gibt gute Gründe den Treibhauseffekt als das größte Marktversagen aller Zeiten zu bezeichnen.
Also spätestens jetzt lohnt es sich, in Klimawende, Klimaschutz und die Energiewende zu investieren:
Die Vielfalt unserer Arten. Die Schönheit unserer Natur. Die Zukunft unserer Kinder. Unser eigenes Überleben auf diesem Planeten.
Für die, für die das alles noch nicht hinreichend ist, füge ich gern noch einen weiteren Grund hinzu:
Klimaschutz spart uns Geld.
Maßnahmen gegen die Erderwärmung sind ein gutes Investment. Sicher, diese Investments kosten etwas. Aber das Nichts tun ist auf Dauer mit Sicherheit viel teurer als das Investieren jetzt.
Und was wir dafür kriegen, das wissen Sie alle. Ich habe eine ganze Liste, aber mir gefällt gut: summende Wiesen.
Ist Ihnen schon aufgefallen, dass es mit der Biodiversität hapert, wenn man spazieren geht? In den ersten 5 Minuten ist man froh, wenn im Burgenland weniger Gelsen sind. Aber dann überlegt man sich: Wenn jetzt keine Gelsen mehr da sind, was fressen dann die Vögel?
Doris und ich waren letztes Jahr im Burgenland bei einem Freiluftkonzert. Keine einzige Gelse hat mich gestochen. Und nachher hat mich das nervös gemacht.
Es ist Eile geboten.
Das möchte ich schon betonen. Es ist Eile geboten, weil, wir kommen näher und näher an sogenannte Kipppunkte.
Kipppunkte, ohne darauf näher einzugehen, sind dynamische Prozesse die, wenn sie mal ins Rollen geraten sind, irreversibel und selbstverstärkend sind. Ein typisches Beispiel sind die Permafrostböden in Sibirien.
Aber es gibt aber auch eine gute Nachricht – und darauf möchte ich jetzt eingehen. Die gute Nachricht ist:
Es gibt nicht nur negative, es gibt auch positive Kipppunkte!
Das sind zum Beispiel Momente, ab denen erneuerbare Lösungen billiger sind, ökonomisch billiger, als die klassischen fossilen! Windenergie und Photovoltaik zum Beispiel. In vielen Teilen der Welt sind diese alternativen Energien mittlerweile günstiger als Gas oder Kohle.
Also da kommt auch etwas ins Rollen, so eine Art Dominoeffekt in Richtung einer guten Zukunft. Das kann uns schon zuversichtlich stimmen, nicht nur die Ökonomen, sondern uns alle.
Ich bin überzeugt, dass wir viel bewerkstelligen können. Dass es nicht nur apokalyptische Szenarien gibt, ja, die gibt es und die muss man sich genau anschauen, aber es gibt auch Kettenreaktionen, die in eine gute Zukunft wirken.
Wenn wir – global gesehen, nicht nur in Österreich, nicht nur in Europa– Zusammenhalten und zusammen tätig sind.