Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen anlässlich 40 Jahre Umweltbundesamt.

40 Jahre Umweltbundesamt

Bundespräsident Van der Bellen: »Umweltpolitik ist kluge Wirtschaftspolitik.«

Meine Damen und Herren,

liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Umweltbundesamtes! 

Zuerst einmal: Vielen Dank für die Einladung! Seit nun 40 Jahren sammelt das Umweltbundesamt, sammeln Sie, meine Damen und Herren, Fakten, Daten, Ergebnisse, Zahlen – kurz: Wissen. Und Sie leiten daraus ab, was wir tun und was wir besser lassen sollten, wenn wir am eigenen Fortbestand interessiert sind. 

Ich möchte heute mit Ihnen daher über Wissen reden – und darüber, was wir mit diesem Wissen machen. Halte ich z.B. ein Glas in der Hand und lasse es los, wissen wir alle, was passiert. Genau! Es landet auf dem Boden. Und ich weiß, ich muss mich als nächstes nach einem Wischmob umschauen. In diesem Fall kennen wir alle die Auswirkungen: Scherben. Eine Wasserlacke. Mühevolles Wegwischen. Und vielleicht auch ein paar schiefe Blicke.

Darum geben wir auch Acht, dass uns das Glas besser nicht hinunterfällt. Solche kleinen und auch viel größere Experimente machen wir Menschen immer schon, um uns die Welt rundherum zu erklären. So füllte beispielsweise eine amerikanische Erfinderin eine Glasröhre mit Luft – und eine zweite mit CO2. Sie stellte die beiden Röhren in die Sonne und notierte: Aha! Das CO2-Reagenzglas wird viel heißer und bleibt auch länger heiß. 170 Jahre ist das her. So lange schon wissen wir: „Eine Atmosphäre aus diesem Gas würde unserer Erde eine höhere Temperatur verleihen.“

Natürlich besteht unsere Atmosphäre zu einem bestimmten Teil diesem Gas – und noch aus einigen anderen. Aber zu viel davon darf es nicht sein. Bis zum heutigen Tag probieren wir Dinge aus, stellen Thesen auf, suchen Beweise und Gegenbeweise und forschen empirisch nach Antworten auf die vielen Fragen, die wir uns stellen.

Und wir versuchen, die Antworten, die wir gefunden haben, möglichst vielen Menschen weiterzuerzählen. Genau so erklärte der Physiker Edward Teller bei einer großen Erdölkonferenz: „Sollte die Welt weiterhin fossile Brennstoffe verwenden, würden die Eiskappen zu schmelzen beginnen und der Meeresspiegel steigen.“ Das war im Jahr 1959. Also vor der Mondlandung. Vor dem ersten Rolling Stones Album. Wenn ich mich so umschaue, bevor die meisten von Ihnen geboren wurden! Schon lange wissen wir von der Erderwärmung. Schon lange wissen wir, wie gefährlich sie für uns Menschen werden kann. 

Wissen allein bringt aber wenig. Man muss schon auch danach handeln. 

Meine Damen und Herren, 

das Umweltbundesamt leistet unglaublich gute und unglaublich wichtige Arbeit. Nicht nur sammeln Sie Wissen, Sie leiten daraus auch gleich konkrete Anleitungen ab, die man umsetzen kann. Sie empfehlen, was wir am besten tun sollten, wenn uns etwas an unserer Zukunft liegt.

Etwas zu tun, dafür tragen die Politik, aber auch die Industrie und die Wirtschaft die Verantwortung. 

Wir alle. Wir alle müssen hier an Tempo zulegen. 

Wir brauchen Unternehmen, an denen sich andere orientieren können – weil sie sich was trauen. Weil sie an morgen und übermorgen denken. Es zahlt sich aus: Umweltpolitik ist kluge Wirtschaftspolitik. Wir brauchen eine starke, in die Zukunft gerichtete Industrie, die alles daran setzt, dass wir nicht den Anschluss verlieren. Und wir brauchen eine Politik mit mutigen Zielen, mit einem richtigen Zug nach vorne. Ich bin froh, dass mehr und immer mehr Menschen das bereits erkannt haben. Leider aber gibt es auch viele Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, die weiterhin mit aller Kraft bremsen – oder schlimmer noch – den Rückwärtsgang eingelegt haben. 

Meine Damen und Herren, 

im Rückwärtsgang werden wir keine Klimaziele erreichen. Und auch keine Zukunft, wie wir sie uns wünschen. 

Wir haben doch bereits einen recht erfolgreichen Weg eingeschlagen: Die EU hat sinkende CO2 Emissionen. Auch unsere Treibhausgasemissionen – die ja durch Sie, das Umweltbundesamt, berechnet werden – sind in den letzten drei Jahren um 14 Prozent gesunken. Wir haben einen Green Deal, ein Pariser Klimaabkommen, den Plan, bis 2040 klimaneutral zu werden. Wir haben all das.

Wir sind so weit gekommen, drehen wir nicht unterwegs um! Die Entscheidungsgrundlagen sind alle da, das Wissen ist da. Wir tragen die Verantwortung dafür, auch danach zu handeln. Im Kleinen, ja, besonders aber im Großen.

Genau wie wir das Wasserglas nicht fallen lassen, weil wir es besser wissen, dürfen wir auch den Klimaschutz nicht fallen lassen – eben: Weil wir es besser wissen! Und weil es in unserem Interesse ist. Wir schützen ja nicht das Klima, sondern uns selbst. Schauen wir also voraus, nutzen wir, was wir wissen, und handeln wir so, dass unsere Kinder und Enkel auch auf einer schönen Welt leben können. 

Vielen Dank.

40 Jahre Umweltbundesamt 4. Oktober 2025
40 Jahre Umweltbundesamt 4. Oktober 2025

Fotos: Peter Lechner/HBF