In welchem Land wollen wir leben? Mit dieser Frage beschäftigt sich Bundespräsident Alexander Van der Bellen in seinem Essay in der Jubiläumsausgabe der Presse am Sonntag.

In so einem Österreich will ich leben

In welcher Welt, in welchem Land wollen wir leben? Mit dieser Frage beschäftigt sich Bundespräsident Alexander Van der Bellen in seinem Essay in der Jubiläumsausgabe der »Die Presse am Sonntag«.

DU GLÜCKLICHES ÖSTERREICH

Auf der Venus regnet es giftige Säure. Und auf dem Mars hat es durchschnittlich lebensfeindliche minus 68 Grad Celsius. Und dazwischen? Auf einem einzigartigen blaugrünen Gesteinsbrocken, den wir unser Zuhause nennen, ist etwas ganz Außergewöhnliches entstanden: Leben!

Es ist ein absoluter, äußerst unwahrscheinlicher Glücksfall, dass gerade wir gerade jetzt gerade hier leben. 

Auf dem wunderschönen Planeten Erde. Zugegeben: im täglichen Getöse geht dieser romantische Gedanke sofort unter. Viel Belastendes bestimmt derzeit die täglichen Nachrichten. Unsere langjährige verlässliche Beziehung zu den USA kriselt und Europa muss wieder verstärkt über Sicherheit reden. Despoten auf der ganzen Welt sägen an den Sesselbeinen der liberalen Demokratie. Tech-Oligarchen schreiben ihre eigenen Gesetze, Wahlkämpfe werden mit schamlosen Lügen geführt und damit immer wieder auch gewonnen. Wissenschaftsfeinde drängen in die Politik und ganz nebenbei werden KIs gezielt mit Falschinformation trainiert. Außerdem ist der Nahostkonflikt neu aufgeflammt und auch der brutale russische Angriffskrieg auf die Ukraine wütet noch immer. 

War noch etwas? Ach ja. Die Klimakrise. 

Steht die Welt wirklich „auf kein’ Fall mehr lang“, wie es Nestroys Knieriem im Wissen um den herannahenden Kometen formulierte? Nein, so schlimm ist es nun auch nicht. Wir sind nur mehr gefordert als gewohnt – aber das ist keinerlei Grund zur Beunruhigung. Denn immer, wenn wir gefordert waren, sind wir Menschen über uns hinausgewachsen. Das liegt in unserer Natur. Stetige Weiterentwicklung ist uns in die Wiege gelegt. Und sie steckt nach wie vor in uns allen. 

Wir suchen nach alternativen Energieträgern. Wir optimieren Wege und züchten resistenteres Saatgut. Wir erforschen neue Produktionsarten. Wir entdecken nachhaltige, bessere Materialien. Und im besten Fall tun wir uns zusammen, wenn wir alleine nicht mehr weiterkommen. Wir Menschen werden uns immer weiterentwickeln, auch angesichts von Krisen – oder gerade dann. Nicht etwa, weil uns Veränderung besonders leichtfällt, sondern einfach, weil sie unser Überleben sichert.

Apropos Überleben. 

Denken Sie nochmals an den Planeten Erde zwischen Venus und Mars. Er ist unser Zuhause. Wir haben keinen anderen Lebensraum. Es tut weh, dass gerade die Klimakrise so in den Schatten der vielen anderen Probleme gerückt ist, die wir alle lösen müssen. Das Wort multipel ist nun untrennbar mit dem Wort Krisen verschmolzen, die eine ist ebenso wichtig wie die nächste, die um die Ecke biegt. 

Vielleicht hätten wir doch noch länger über ein schlagkräftigeres Wording für die Klimakrise nachdenken müssen. Klimanotstand, so hat es mir ein Wissenschaftler in Belgien vor ein paar Jahren vorgeschlagen. Aber es hätte nichts daran geändert, dass wir nun mal an mehreren Fronten kämpfen. Wenn wir an unseren Überlebenstrieb denken, muss man von einem ausgehen: Wir alle wollen die Welt retten. Nur wie genau, darüber sind wir uns nicht einig. 

Und welche Welt überhaupt?

Vielleicht fehlt uns ein gemeinsames Bild davon, wie die Welt aussehen könnte, die wir da zu retten versuchen. Was wir Wunderbares und Schönes aus dem Material machen können, das vor uns liegt. Eine dunkelgraue Welt, eine Dystopie mit Hitzewellen und Naturkatastrophen, Dürre und Trinkwasserknappheit wünscht sich niemand, so viel sollte hoffentlich klar sein. 

Also stelle ich die Gegenfrage: In welcher Welt wollen wir denn leben? 

Oder – weil die Welt ein allzu großer Ort und die Zeichenanzahl in diesem Text begrenzt ist: In welchem Land? In welchem Österreich wollen wir leben? 

Was müssen wir tun, damit wir sagen können: Du glückliches Österreich? 

Wir brauchen eine Vorstellung davon, was unser Österreich sein kann, dann finden wir bestimmt Freude daran, es gemeinsam zu gestalten. 

Wenn Sie mich fragen – und da fragen Sie einen Tiroler – dann ist das ein Land, das einen unfassbaren Reichtum an Naturschätzen besitzt. Von Wiesen und Mooren und wilden Bachläufen bis zum quakenden Frosch und zirpenden Heuschreck. Unsere Berge, unsere Gletscher, unsere Seen und Wälder, aber auch unsere wunderbaren Städte und Dörfer sind einzigartig. Ich würde mir ein Land wünschen, das sorgsam mit diesen Schätzen umgeht. 

Es soll ein kulturell reiches Österreich sein, ein Land des Kabaretts, der Musik, der Kunst, von Mozart über Lassnig und Jelinek bis hin zu Falco, Wanda und Gabalier. Ein Land, in dem „größer, weiter, besser“ nicht im Sinne von unendlich viel Profit verstanden wird, sondern unendlich vielen Möglichkeiten. Ein Land, das Kraft aus all den Gegensätzen schöpft, die aus allen Himmelsrichtungen bei uns zusammentreffen. Ein Land, das wir zu einem der lebenswertesten der Welt machen, indem wir Ressourcen und Biodiversität schützen. Indem wir unsere Natur mit einer blühenden Wirtschaft verbinden und eine gerechte Gesellschaft aufbauen, in der alle Menschen gleiche Chancen haben. Und indem wir Inklusion und Fairness leben sowie Armut bekämpfen. 

Ein Land voll Neugier und Wissensdurst. Ein Land, das Forschung und Technologie fördert und erstklassige Bildung ermöglicht – vom ersten Lebensjahr an. Wie schön wäre so ein Österreich, in dem Menschen sich freudvoll anstrengen, weil sie wissen, dass sie aus eigener Kraft etwas erreichen können.

Gerade wenn man sich das aktuelle Weltgeschehen vor Augen führt, ist das auch ein Österreich, das sich vor inneren und äußeren Bedrohungen schützt. Das Lebensweise, Freiheit, Frieden und Wohlstand auch verteidigen kann. Ein Österreich, das sich – als gestaltendes Mitglied einer starken Europäischen Union – der Vorteile eines Bündnisses von 450 Millionen Menschen bewusst ist.

Ich glaube an ein respektvolles Österreich. An ein Österreich als liberale Demokratie, in der die rechtsstaatlichen Institutionen geachtet werden und die Justiz unabhängig arbeitet. An ein Land ohne Hass, Häme und Vorurteile. Ein Land, in dem Hilfesuchenden geholfen wird und gleichzeitig unsere Art, zu leben, respektiert wird.

In so einem Österreich will ich leben. 

Ein berühmter Philosoph hat es recht treffend formuliert: Es gibt vielleicht schönere Zeiten. Aber diese hier ist unsere. Hier leben und denken und handeln wir. Wir selber gestalten mit, wie unsere Welt aussehen soll. Wir selber müssen uns überlegen, was wir tun und was wir lassen müssen, damit sie noch lange Zeit unser Zuhause sein wird. Und ich bin guter Dinge, dass wir das hinbekommen. 

Warum? 

Nun ja, wir finden immer Wege zueinander. In Europa werden zum Beispiel gerade enorme gemeinsame Anstrengungen im Hinblick auf die Verteidigung unternommen, da wir für eine Bedrohung von außen gewappnet sein wollen. Das zeigt, wie schnell wir etwas erreichen können, wenn wir unsere Kräfte bündeln. Die Erderhitzung ist auch so eine gemeinsame Bedrohung von außen, allerdings eine, die den gesamten Planeten gleichermaßen betrifft. Es muss – besser früher als später – unser aller Ziel sein, mindestens genauso große gemeinsame Anstrengungen zu unternehmen, um uns vor den fatalen Konsequenzen zu schützen, die ohne Zweifel über uns hereinbrechen, wenn wir nichts oder zu wenig tun. 

Und wenn Knieriem davon redet, dass diese Welt nicht mehr lange steht – ein Gefühl, das man gerade nachvollziehen kann –, dann heißt es ja nicht unbedingt, dass sie untergeht. Sondern dass sie sich stetig wandelt. Die Welt von gestern hat mit der von heute schon nichts mehr gemeinsam, die von morgen können wir uns überhaupt neu ausdenken, Kraft unserer Vorstellung. Und dann in die Realität umsetzen, Kraft unserer Gemeinschaft. 

Ich habe es ernst gemeint, was ich zu Beginn gesagt habe. 

Es ist ein absoluter Glücksfall, dass gerade wir gerade jetzt gerade hier leben.

In unserem wunderbaren Österreich. Nutzen wir unsere Chance, arbeiten wir gemeinsam auf so ein Land hin, wie wir es uns wünschen. Damit wir alle sagen können: Du glückliches Österreich.