Rede von Alexander Van der Bellen bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele 2024: "Es ist ein gutes Land"

Bundespräsident: »Es ist ein gutes Land«

Rede von Alexander Van der Bellen bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele 2024.

Vielen Dank an das Mozarteum Orchester! 

Mrs. Chruschtschowa, thank you for sharing these insightful thoughts. We are very honored to have you here in Salzburg.

 

Meine Damen und Herren!

Manche erwarten, dass ich bei Anlässen wie diesen ordentlich austeile. Aber wissen Sie was? Es wird schon genug geschimpft.

Probieren wir stattdessen etwas aus. Ein kleines Gedankenexperiment: Wenn Sie Ihre Augen schließen nein wirklich, machen Sie ruhig mit, trauen Sie sich und sich unser schönes Österreich vorstellen, was kommt Ihnen da in den Sinn?

Möglicherweise sehen Sie ein malerisches Dorf in den Alpen mit einer Schützenkompanie. Einen Fiaker auf Kopfsteinpflaster. Oder angezuckerte Berge und grüne Wiesen. Vielleicht auch Falco mit Mozart-Perücke. Eine historische Festung auf einem Hügel.

Sind das wirklich wir?

Oder sind wir nicht doch mehr als das?

Ich weiß, Österreich ist mehr als das. Als ich einmal gesagt habe: „So sind wir nicht“, haben mir viele Menschen in Österreich zugestimmt.

Ich würde Sie gern einladen, das Ganze umzudrehen. Wer sagt, was er nicht will, sollte auch immer eine Antwort darauf haben, was er will.

Also fragen wir uns doch:

Wie sind wir denn? Wie wollen wir sein?

Wie schaffen wir es – mit all unseren typisch österreichischen Stärken –, dass wir kein bedrohliches Bild von der Zukunft haben, sondern ein schönes?

Dass sie zu einem Ort wird, vor dem wir uns nicht fürchten müssen, weil wir wissen: Wir machen das schon.

Selbstverständlich ist Österreich auch schöne Landschaften und alles, was Ihnen sonst mit geschlossenen Augen einfällt.

 

Ich finde, da ist noch mehr.

Da wäre zum Beispiel unsere Neugier.

Klar, ab und zu sind wir ein bisschen zu neugierig, wollen wissen, was bei den Nachbarn gerade los ist.

Aber wir hinterfragen eben, was andere antreibt. Woher etwas kommt. Wie etwas funktioniert. Warum etwas ist, wie es ist. Nicht umsonst gibt es so viele Österreichische Nobelpreisträger:innen.

Oder nehmen Sie unsere Geselligkeit.

Wir müssen gut aufpassen, dass wir es nicht übertreiben damit. Stichwort Freunderlwirtschaft. Da fällt mir auch die oft zu geringe Distanz zwischen Politik und Medien ein.

Aber es ist auch unsere Geselligkeit, durch die wir zusammenkommen. Ob beim Fußballverein oder bei den Festspielen.

Wir wissen, zusammen bringen wir mehr weiter. Und amüsanter ist es auch.

Und wenn es Streit gibt, lassen wir das ungern so stehen. Lieber reden wir miteinander. Wir raufen uns immer irgendwie zusammen und finden einen guten Kompromiss. Manchmal sogar noch bevor überhaupt die Streitfrage geklärt ist.

Was uns auch auszeichnet, ist ein gewisser Pragmatismus.

Oder wie er in Österreich noch genannt wird: Durchwurschteln.

Man kann das jetzt belächeln, aber es bedeutet auch, dass wir nicht trotzig beharren, sondern flexibel sind, wenn etwas Neues um die Ecke kommt.

Und, dass wir praktische Lösungen suchen, die gut umsetzbar sind – und am Ende für alle passen.

Und – hier in Salzburg liegt das ja auf der Hand – wir mögen das Schöne, mit oder ohne große Inszenierung.

Das liegt aber auch daran, dass wir das Schöne einfach überall sehen.

Wir sehen es in der Musik, in der Kunst, in der Wissenschaft und in Menschen selbst.

Ja, wir finden das Schöne sogar im vermeintlich Schiachen.

Darum sind wir auf unseren Grant mindestens genauso stolz wie auf unsere Gastfreundschaft.

Meine Damen und Herren!

Vor genau einem Jahr an genau diesem Ort habe ich Sie eingeladen, Ihre Augen zu öffnen und Ihren Blick zu schärfen für die vielen guten Beispiele, die es in unserem Land gibt.

Ich sehe Freiwillige, die Tag und Nacht den Schlamm aus überfluteten Kellern ihrer Nachbarn schaufeln.

Ich sehe, wie sich eine ganze Ortschaft zusammentut, entgegen aller Erfolgswahrscheinlichkeit, um ein Gasthaus zu retten.

Ich sehe Erwachsene, die ehrenamtlich Kindern einen besseren Start ins Leben ermöglichen.

 

Meine Damen und Herren,

wir alle sehen es Tag für Tag: Das alles ist Österreich auch. Das alles können wir auch. So sind wir auch.

Wenn ich heute von all unseren Österreichischen Eigenschaften spreche, hat das einen Grund:

Wir stehen vor vielen großen Entscheidungen. Und da meine ich nicht nur die Nationalratswahl im September.

Klima.

Energie.

Migration.

Sicherheit.

Friede.

Freiheit.

Das sind die Themen, über die wir entscheiden müssen.

Entscheiden wir nicht voll Angst. Sondern voll Zuversicht.

In den letzten Jahren ist viel auf uns eingeprasselt. Ich verstehe, dass einem unwohl ist bei dem Gedanken, was noch alles kommen könnte.

Aber ich versichere Ihnen:

Wir brauchen uns nicht zu fürchten. Die Zukunft ist für uns ein schöner Ort. Weil wir so viel mitbringen.

Wir brauchen auch keine Angst haben vor großen Gedanken oder großen Reformen oder großen Ideen. Setzen wir uns ruhig hohe Ziele! Wir halten alle Trümpfe in der Hand, sie auch zu erreichen.

Wir brauchen auch keine Angst davor haben, dass wir Teil von etwas Größerem sind: Der EU. Wir können sie selbstbewusst mitgestalten – und auch konstruktiv kritisieren. Wie es in einer guten Nachbarschaft üblich ist.

Wir brauchen keine Angst haben. Wir können uns auf die Zukunft freuen.

Denn:

Wir sind Österreich. Wir machen das schon.

So.

Das, worüber ich jetzt zwölf Minuten gesprochen habe, hat Franz Grillparzer in einem Satz auf den Punkt gebracht. Er lautet:

Es ist ein gutes Land.“ [1]

Ich wollte Sie nur daran erinnern. Und damit sind die Salzburger Festspiele auch schon eröffnet.

 


[1] König Ottokars Glück und Ende, Monolog "Ottokar von Horneck"

Eröffnung der Salzburger Festspiele  26. Juli 2024
Eröffnung der Salzburger Festspiele 26. Juli 2024

Fotos: Peter Lechner/HBF