Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2026.
Excellencies,
liebe Festgäste,
vielen Dank für die Einladung nach Salzburg. Es ist schön, wieder hier zu sein. Hier zu sein und dem begnadeten Mozarteum Orchester zu lauschen. Vielen Dank!
Gerade haben wir die bewegende Rede von Maria Kalesnikava gehört. Sie setzte sich friedlich für mehr Demokratie in Belarus ein, allerdings in aller Öffentlichkeit. Das nennt man Zivilcourage. Dafür sperrten die dortigen Behörden sie für Jahre in eine winzige Gefängniszelle. Frei kam Maria Kalesnikava durch diplomatische Interventionen – frei, aber nicht für ein weiteres Leben in ihrer Heimat Belarus, sondern für ein Leben anderswo. Unfreiwillige Migration könnte man das nennen.
Ich hoffe, Frau Kalesnikava, Sie finden bald eine neue, eine zweite Heimat, in Berlin oder anderswo, die dann neben ihrer ersten Heimat weiterbestehen wird.
Ich selbst denke in letzter Zeit auch wieder mehr über Migration und den Begriff „Heimat“ nach.
Nicht nur, weil meine eigene Familienbiographie seit 300 Jahren auch eine Geschichte von Migration und „Immer-wieder-Heimkommen“ ist.
Wie Sie vielleicht wissen, bin ich 1944 in Wien geboren. Meine Eltern – sie eine Estin, er ein Russe –, also mit Sicherheit mit Migrationshintergrund, hatten aus dem heutigen Estland emigrieren müssen, aus begründeter Angst vor den sowjetischen Behörden. Und gelandet sind wir schlussendlich dann im Tiroler Kaunertal, das ich sehr liebe und das meinem Herzen am nächsten ist. Dort bin ich aufgewachsen, dort bin ich in allen Ferien wieder zurückgekehrt. Dort spreche ich heute noch meine erste deutsche Fremdsprache. Österreich ist berühmt für seine vielen Zweitsprachen.
„Bisch als Flichtlingskchind kcheïma, und iatz, iatz bisch uanr vo ins“ hat Pepi Raich, der Kaunertaler Bürgermeister zu mir gesagt.
Sie können sich kaum vorstellen, wie bewegend dieser Satz auch heute noch für mich ist.
Also Sie sehen, ich denke über den Begriff „Heimat“ nach. Nicht nur, weil Kunst, auch wie sie hier im wunderschönen Rahmen der Festspiele stattfindet, vielen Menschen Heimat ist.
Sondern weil mit dem Begriff „Heimat“ viel gefährlicher Blödsinn getrieben wurde und wird. Weil dieser wichtige Begriff politisch missbraucht wird. Und das gefällt mir gar nicht.
Heimat ist zunächst einmal eine Gnade, oder um es trockener zu sagen, sie ist ein Glück. Glück in der Geburtslotterie. Kein Mensch sucht sich aus, wo genau und bei wem er diesen Erdball betritt.
So gesehen haben wir alle hier in der EU den Jackpot geknackt, denn wir leben auf einem freien, demokratischen und wohlhabenden Kontinent.
Das war nicht immer so, aber dass es heute so ist, verdanken wir einer einzigartigen zivilisatorischen Leistung. Die Menschen Europas hatten sich bis aufs Blut bekämpft, hatten einander umgebracht und massakriert, bis zum tiefsten Nullpunkt des Menschseins.
Die sogenannte völkische Idee hat sie in den Wahn getrieben, es gäbe so etwas wie einen „Volkskörper“ und man müsse diesen „rein“ halten. Und man müsse alle, die nicht zu diesem sogenannten „Volkskörper“ gehören, deportieren. Egal wohin.
Wer dazugehört und wer nicht, bestimmte die Willkür und ihre Schergen. All das sollte zur Genüge bekannt sein. Oder?
Und dann haben wir erkannt:
Wenn wir möchten, dass Hass, Mord und Vernichtung nie wieder geschehen in Europa, dann müssen wir zusammenarbeiten.
Aufeinander zugehen, bei allen Unterschieden und vorherigen Feindschaften, und lernen, einander zu verstehen. Das ist das, was wir heute in Österreich den „Geist der Lagerstraße“ nennen. In diesem Geist wurde unsere Heimat Österreich nach 1945 errichtet.
Wir wussten, wir müssen Kompromisse finden, über große Schatten springen, ob das nun leicht ist oder nicht.
Wir hatten zu lernen, dass Kompromisse nicht gleich als Verrat an bestimmten Gesinnungsdogmen gelten dürfen, sondern auch Zeichen von demokratischer Reife und politischer Verantwortung sein können. Das ist ein uralter Konflikt zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Freilich, was man einmal gelernt hat, kann man auch wieder verlernen. Ich hoffe, das ist nicht der Fall.
Das Innenleben jeder funktionierenden freien, liberalen Demokratie, besteht nolens volens auf Kompromissen, insbesondere in Koalitionsregierungen.
Und wer das kleinredet und geringschätzt, missachtet den Kern des Aufblühens unserer Heimat.
Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2026 in der Felsenreitschule (Foto: Peter Lechner/HBF).
Meine Damen und Herren,
Heimat ist etwas, auf das man in der Regel stolz ist und auch sein möchte.
Ich bin stolz darauf, ohne deshalb arrogant zu werden, welch weiten Weg wir gekommen sind in Österreich und in Europa.
Und ich denke, dass wir auch jeden Grund haben, stolz auf unser Europa zu sein, europapatriotisch zu sein.
Denn viele der großen Errungenschaften der Zivilisation nahmen hier ihren Ursprung. Die freie, liberale Demokratie ist nur eine davon, nicht die unwichtigste.
Sie garantiert Meinungsfreiheit.
Gleichberechtigung.
Sie garantiert Gewaltenteilung.
Sie garantiert Freiheit der Kunst.
Sie garantiert Menschenrechte und Minderheitenrechte.
Und fordert Menschenpflichten.
Das ist Heimat: Nehmen und Geben.
Heimat ist da für uns. Sie kann aber nur da sein für uns, wenn wir für sie da sind.
Das bedeutet, dass alle, die diese Heimat teilen, ob Inländer oder Ausländer, die Grundregeln einhalten, die hier gelten und die das Zusammenleben überhaupt erst ermöglichen.
Und Heimat verlangt von uns auch, dass wir nach außen für sie einstehen.
Denn Europa und der europäische Zusammenhalt werden gerade getestet. Angriffe kommen nicht gerade aus allen Himmelsrichtungen, aber zumindest aus Ost und West. Wir müssen alles tun, um unabhängiger von der Willkür fremder Regierungen zu werden. Unabhängig in der Energieversorgung, unabhängig in der digitalen Welt. Und souverän auch in unserer Verteidigungsfähigkeit.
Wir müssen unsere Köpfe nutzen – und wir haben sehr gute Köpfe – und handeln:
Weitblickend.
Mutig.
Friedvoll.
Konsequent.
Gemeinschaftlich.
Heimat ist so vieles. Und selbstverständlich wird diese Aufzählung nicht vollständig sein können. Aber es ist mir wichtig, dass der Heimatbegriff nicht eng geführt und politisch einseitig instrumentalisiert wird.
Nur eines noch:
Die schönste Heimat wird unbewohnbar ab 40 Grad Celsius.
Also hören wir auf uns darüber zu streiten, ob wir uns die Klimakrise einbilden oder nicht. Ob Windräder schick aussehen oder nicht, ob echter Schnee überbewertet ist oder nicht. Handeln wir. Gehen wir nach vorn. Packen wir’s an.
Für unsere Heimat.
Sie warten auf den letzten Satz: Die Salzburger Festspiele sind eröffnet.