Festveranstaltung 40 Jahre Islamische Glaubensgemeinschaft Österreich im Wiener Rathaus

»Gutes Zusammenleben gelingt nur im Dialog miteinander«

40 Jahre Islamische Glaubensgemeinschaft Österreich.

Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen anlässlich 40 Jahre Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich

„Zusammen sind wir eine Gesellschaft“

 

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

sehr geehrter Herr Präsident Ümit Vural!

Hohe Geistlichkeit!

Exzellenzen!

Sehr geehrte Mitglieder der Islamischen Glaubensgemeinschaft!

Meine Damen und Herren!

 

Islam und Österreich

 

Österreich hat bereits 1912 mit dem sogennanten „Islamgesetz“  eine wichtige europäische Pionierrolle übernommen.

Heute sind viele Musliminnen und Muslime Österreichinnen und Österreicher.

Sie gestalten Österreich Tag für Tag mit. Sie leisten wichtige Beiträge in ihren verschiedenen Berufen und sie tragen Verantwortung für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft.

 

IGGÖ - Geschichte

 

Bis in die 60er Jahre – ich kann mich gut erinnern – des vergangenen Jahrhunderts war die Zahl der Musliminnen und Muslime in Österreich noch sehr klein.

Erst in den 60er und 70er-Jahren hat sich das schrittweise verändert:

Mit der Anwerbung der – damals so genannten –  „Gastarbeiter“ wuchs ihre Zahl.

Damals nach der ersten Welle des Zuzugs war eine erste Stütze der Verein „Moslemischer Sozialdienst“. Er verfolgte religiöse und soziale Aufgaben, leistete aber auch humanitäre Hilfe.

1979, also vor 40 Jahren, erkannte das Kultusministerium die erste islamische Religionsgemeinde an. Das war die Geburtsstunde von Ihnen, der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich,

Heute feiern wir gemeinsam Ihr 40-jähriges Bestehen.

 

Staat und Religion

 

Meine Damen und Herren!

Uns alle, ob wir nun Musliminnen und Muslime sind,  Jüdinnen und Juden, oder Christinnen und Christen,  oder Menschen, die anderen Religionen und Weltanschauungen zugehören, uns alle eint,  dass wir gemeinsam als Grundlage des Zusammenlebens unsere Verfassung und unseren liberalen Rechtsstaat haben.

Das ist eine Grundlage, aber das genügt noch nicht für ein gutes Zusammenleben.

Gutes Zusammenleben – davon bin ich überzeugt – gelingt nur im Dialog miteinander, im Reden miteinander, im Verhandeln miteinander. Aber das setzt auch voraus, dass es unterschiedliche Meinungen und Positionen gibt.

Das Wesen der liberalen Demokratie ist ja die Vorstellung, dass man gegensätzliche Meinungen austauscht, das widerstreitende Argumente abwägt und dann einen Konsens sucht. Daher stehen Meinungs- und Medienfreiheit bei uns im Verfassungsrang.

Zusammenarbeit von Religionsgemeinschaften

 

Meine Damen und Herren!

Religionsgemeinschaften wie die Ihre sind eine wichtige Stimme im öffentlichen Diskurs. Gemeinsam mit Parteien, zivilgesellschaftlichen Organisationen oder Menschen, die eine andere Weltanschauung haben, sind Sie ein wichtiger Teil der Vielfalt der Stimmen unserer liberalen Demokratie.

Zusammen sind wir eine Gesellschaft!

Auch der Islam selbst ist keine monolithische Religion. Es gibt mehrere Religionsgemeinschaften. Es gibt unterschiedliche Riten, es gibt unterschiedliche Ausprägungen. Diese innere Vielfalt ist jeder Religion zu eigen.

ch habe den Eindruck, dass in Österreich der Dialog der Religionsgemeinschaften mit dem Staat und  der Dialog der Religionsgemeinschaften untereinander, miteinander gut funktionieren. Nicht immer kommt es auch zu einem für alle zufriedenstellendem Ergebnis. Ich erinnere nur an die Karfreitagsdebatte oder die Kopftuchdebatte.

Aber es gibt auch ein bemerkenswertes Beispiel  für spontane gegenseitige Unterstützung, und eines möchte ich erzählen.

Im Mai dieses Jahres wurden Bilder der Ausstellung „Gegen das Vergessen“ von Luigi Toscano entlang der Wiener Ringstrasse aufgehängt. Sie zeigte große Porträts von Überlebenden der NS-Verfolgung. Die Ausstellung stand unter meinem Ehrenschutz und ich habe sie auch eröffnet. Doch eines nachts wurden einige dieser Portraits mutwillig beschädigt oder zerstört. Spontan bildete sich eine Mahnwache, vor allem von jungen Leuten und ich habe diese auch besucht.

Welche Menschen beteiligten sich an der Mahnwache?

Bei meinem Besuch traf ich  Jüdinnen und Juden,  Christinnen und Christen aber auch muslimische Jugendliche. Gemeinsam haben sie die Portraits bewacht und beschützt.

Dieses Zeichen des Miteinander, dieses Zeichen gegen Hass und Ausgrenzung hat mich tief beeindruckt.

 

Abwertung

 

Meine Damen und Herren!

Die Erfahrung, die „Minderheiten“ in unseren Gesellschaften miteinander teilen, ist leider oft die der Ablehnung, der Abwertung der Diskriminierung.

Diese Erfahrung ist wohl auch Ihnen nicht fremd. Es ist unser aller gemeinsame Aufgabe, dass keiner Minderheit Abwertung, Ablehnung und Diskriminierung entgegenschlägt.

Dem müssen wir uns gemeinsam, als Gesellschaft mit aller Kraft entgegenstellen.

Und 107 Jahre nach dem „Islamgesetz“ ist es wohl an der Zeit, den Islam und die Musliminnen und Muslime nicht als „das ewig Fremde“ anzusehen.

 

In diesem Sinne wünschen ich Ihnen alles Gute zu Ihrem 40 Geburtstag  und für die weitere Zukunft.

 

Danke schön.

40 Jahre Islamische Glaubensgemeinschaft Österreich 17. November 2019

Copyright: Peter Lechner/HBF