»Wir leben heute in einem anderen Österreich und einem anderen Europa«

Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen bei der Gedenkfeier im ehemaligen Konzentrationslager Gusen.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Mein Gruß gilt ganz speziell anwesenden Überlebenden der NS-Verfolgung, den Überlebenden des KZ-Gusen und deren Nachkommen.

Es beeindruckt mich, wenn Menschen, denen so viel Leid angetan wurde, an die Stätten der Verfolgung, der Folter und der Morde zurückkehren.

Es ist dies ein Gedenken an Schicksalsgenossinnen und -genossen, Bekenntnis und Mahnung für uns alle.

Ich begrüße ganz herzlich auch all diejenigen, die sich heute in Gusen um das Erinnern, Gedenken und um die Vermittlung engagieren.

Ich finde es äußerst bedeutsam, dass hier zahlreiche Projekte realisiert wurden, die an Gedenk-Initiativen der ehemaligen Häftlinge anschließen und die Erinnerung an die unvorstellbare Unmenschlichkeit, die hier stattfand, wachhalten.

So beherbergt das 2004 errichtete Besucherzentrum eine beeindruckende Dauerausstellung zur Geschichte des KZ Gusen. Ebenso wurde unlängst eine weitere Freiluftausstellung zur Geschichte der Stollenanlage Bergkristall für BesucherInnen errichtet.

Vielfältige weitere Angebote ergänzen die Ausstellungen.

Diese Entwicklungen werden sowohl von Seiten der Republik Österreich als auch durch regionale Initiativen und internationale Partner unter Einbindung der Zivilgesellschaft getragen.

Wir stehen heute 72 Jahre und einen Tag nach der Befreiung dieses Lagers an diesem Ort. Mehr als 70.000 Menschen aus ganz Europa wurden aus dem Kreis ihrer Nächsten, aus ihrem Leben gerissen und mussten hier in Gusen die nationalsozialistische Ideologie, des Prinzips der „Vernichtung durch Arbeit“, am eigenen Leib erleiden.

Mehr als die Hälfte der hierher Deportierten überlebte das Lager Gusen nicht, fiel der Gewalt, der Folter, der Unterernährung, der mangelhaften medizinischen Versorgung, der rücksichtslosen Ausbeutung ihrer Arbeitskraft zum Opfer.

Es waren Morde auf unterschiedliche und sadistische Weise. Es sind unfassbare Zahlen und unfassbare Schicksale.

Gusen I, II und III waren Nebenlager des Hauptlagers Mauthausen. Aber alleine Gusen I war wesentlich größer als das Hauptlager. Mauthausen wurde zum Synonym der NS-Vernichtungsmaschinerie in Österreich.

Mir geht eine Schilderung eines Schicksals nicht aus dem Sinn, die ich unlängst gelesen habe. Sie ist für mich ein Beispiel von vielen Tausenden: 

Während der Arbeiten an seiner Wohnung in Amsterdam fand vor einiger Zeit ein Elektriker in einer Zwischendecke einen in Zeitungspapier gewickelten Koffer.

Der Inhalt waren Dokumente und Visa-Anträge an US-Behörden, die Verfolgte vor 76 Jahren stellten. Der Elektriker übergab den Koffer dem Jüdischen Museum in Amsterdam, das die Hintergründe recherchierte.

1938 flüchtete die Familie Redlich, der der Koffer gehörte, aus Hamburg. Die Eltern und deren zwei Söhne Peter und Gunther gelangten nach Amsterdam. Peter wurde in Amsterdam verhaftet und schlussendlich nach Mauthausen deportiert. Ich las, dass er in Mauthausen ermordet wurde, wobei nicht klar ist, ob dies nicht in einem der Nebenlager, also vielleicht hier geschah.

Die Eltern wurden nach Westerbork deportiert und von dort nach Auschwitz, wo auch sie 1944 ermordet wurden. Es wird vermutet, dass auch der Sohn Gunther

wenige Wochen nach den Eltern in Auschwitz ermordet wurde.

Eine Familie wurde ausgelöscht! Was blieb ist ein Koffer.

Darin fanden sich Schulzeugnisse von Peter und ein Foto von ihm. In einem Zeugnis steht, dass er seine Schulaufgaben penibel erfüllte. Es sind darin auch Geschenke, die er den Eltern in besseren Zeiten machte: Ein Bleistift für die Mutter und ein Feuerzeug für den Vater. Und es war ein Brief von Peter im Koffer, den er aus Mauthausen an seine Eltern schrieb: „Mir geht es gut, macht euch keine Sorgen.“

Eine Nachricht in dem Koffer teilt den Tod des 19jährigen mit.

Eine Antwort auf die Visa-Anträge der Familie ist in dem Koffer nicht enthalten, wir wissen nicht, ob es je eine gab. Peter Redlich ist ein Schicksal von vielen.

Wir können daran erahnen, welches Leid, welche Qualen die Vernichtungsmaschinierie der NAZIS von diesem Ort aus über ganz Europa brachte. Für mich bedeutet die Erinnerung und das Gedenken an die Schrecken der NS-Herrschaft Warnung vor Nationalismus, vor Hetze, vor egoistischer Ausgrenzung „der Anderen“ und vor Entsolidarisierung.

Wir leben heute in einem anderen Österreich und einem anderen Europa.

Heute hat der Begriff „Menschenrechte“ eine Bedeutung, die er 1945 und davor noch nicht hatte. Bei allen Problemen denen wir uns stellen müssen: Die Zeiten sind nicht vergleichbar mit den 30er und 40er Jahren. Vergleichbar ist aber die Gefahr, dass wir die Sensibilität, die Empathie für unseren Nachbarn, Arbeitskollegen oder Hilfesuchende verlieren.

In diesem Sinne halte ich das Gedenken für eine in die Gegenwart und Zukunft wirkende und reichende Notwendigkeit. 

Daher danke ich dem Gedenkdienstkomitee Gusen und allen ehrenamtlichen engagierten Mitgliedern für ihr unermüdliches Wirken!

Herzlichen Dank!

Teilnahme von Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Frau Doris Schmidauer an der Gedenkveranstaltung anlässlich 72 Jahre Befreiung des KZ Gusen