Alexander Van der Bellen: »Überall, wo wir Frauen ausklammern, verlieren wir«

Bundespräsident ruft in der Hofburg zum »Miteinander« anlässlich des Internationalen Frauentags auf.

Meine Damen und Herren,

hallo und herzlich willkommen!

Wir alle verfolgen gerade aufmerksam die Nachrichten. Wie so oft: mit gemischten Gefühlen. 

Einige hier im Publikum haben Familien im Iran – und in den Gebieten, die rundum erschüttert werden.

Fest steht: Die Menschen im Iran müssen frei und selbstbestimmt leben können. Ohne Unterdrückung, ohne Gewalt. Dafür kämpfen sie schon lange – und wir haben erst im Jänner bei den Protesten gesehen, welch hohen Preis sie dafür zahlen. 

Viele Menschen sind jetzt erleichtert, weil sie darauf hoffen,  dass dieses brutale Regime endlich verschwindet. Egal wie. Aber es darf uns niemals egal sein, wie.

Schon gar nicht, wenn dabei Menschen zwischen die Fronten geraten.

Bleiben wir also aufmerksam. Bleiben wir aber auch zuversichtlich.

Und: Werden wir laut, wenn wir Ungerechtigkeiten erleben.

Auch, wenn es um Gleichberechtigung geht.

„Lauter Frauen!“ – so steht es ja auf unserer Einladung. Aber was heißt das? Naja, erstens: Schauen Sie sich um!

Zweitens meinen Doris und ich aber auch, dass wir alle – auch die Männer – lauter sein müssen, um etwas zu bewegen.

Aber lauter wofür, lauter wogegen? Was tut sich in der Welt gerade?

Da sehen wir zum Beispiel, dass Elon Musks GROK millionenfach benutzt wird,  um existierende Fotos von Frauen und Mädchen  in Bikinifotos umzuwandeln.

Wir sehen, wie das Land der – vermeintlich – unbegrenzten Möglichkeiten sämtliche Gleichstellungsprogramme streicht.

Wir sehen, wie sich reiche und mächtige Männer vernetzen, um Frauen – und Kinder – zu missbrauchen. Und wie sie ungeschoren davonkommen. 

Wir sehen, dass Länder Frauenrechte einschränken. Dass liberale Demokratien wackeln.

Wir sehen hasserfüllte Kommentare, wütende Emojis, verdrehte Wahrheiten.

Sehen Gewalt im Umgang miteinander. Und Gleichgültigkeit im Umgang mit der Natur.

Wir sehen immer mehr „Freund oder Feind“-Denke. Und immer weniger gute Kompromisse. Immer mehr Empörung, immer weniger Verständnis.

Wir sehen – und erleben – tiefe Risse durch Familien, Freundeskreise.  Eine Welt, die zunehmend in kleine Fragmente zerfällt. 

Man merkt, vom „Doomscrolling“ wird zurecht abgeraten.

Vieles von dem, was gerade in der Welt geschieht, ist nicht das, was wir uns wünschen.

Wir haben doch lieber Verbündete als Gegner.  Lieber Freunde als Feinde. Wir schmieden lieber Allianzen als Waffen. Und feiern lieber Feste miteinander als Siege übereinander.

Nun können wir von Österreich aus an der Weltlage kaum rütteln. Wo also ist es sinnvoll, „laut“ zu sein? Wo beginnt man?

Der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel hat es einmal so formuliert: „Die Welt ist so groß.  Ich werde also mit dem Land beginnen, das ich am besten kenne, mit meinem eigenen. Aber mein Land ist so groß. Ich fange doch lieber mit meiner Stadt an. Aber auch meine Stadt ist so groß. Am besten beginne ich mit meiner Straße. Nein, mit meinem Haus. Nein, mit meiner Familie. Ach was, ich beginne bei mir.“

Bei mir beginnen.

Für uns Männer bedeutet das: Verantwortung übernehmen. Wenn wir Ungerechtigkeiten miterleben, müssen wir Männer lauter werden.

Das heißt: Wenn eine Frau in der Straßenbahn bedrängt wird, wenn in der Kantine ein sexistischer Witz gemacht wird, wenn KIs Vorurteile und Stereotype ausspucken, einmischen, korrigieren.

 

Liebe Männer,

verstecken wir uns nicht hinter dem Satz „Not all men“.

Stärken wir stattdessen unseren Kolleginnen den Rücken. Holen wir Frauen auf die Podien und in die Gremien dieser Welt. Und tragen wir auch im Alltag unseren Teil mit.

Mal ehrlich, an die Männer, die heute da sind: Wann habt ihr zuletzt ein Geschenk verpackt? Liebe Väter, wisst ihr die Schuhgrößen eurer Kinder?

Ja, genau da müssen wir beginnen. Bei uns.

Aber ziehen wir den Kreis doch gleich ein bisschen größer, wo wir schon dabei sind. Und schauen wir uns unsere Traditionen an: Warum um alles in der Welt darf eine Frau nicht das Neujahrskonzert dirigieren? 

Wo steht eigentlich, dass es keine Schützinnen geben darf? 

Bei Männerbünden, an Stammtischen, in Vorstandsetagen, in der Politik, Wirtschaft, Kunst, Kultur, Technik, in unseren Bräuchen:

Überall, wo wir Frauen ausklammern, verlieren wir.

Wir verlieren 50 Prozent unserer Leistung, 50 Prozent unserer Kraft, unserer Ideen. Das können wir uns schlicht nicht leisten.

Eine Welt, die auseinanderdriftet, können wir nur mit der Kraft aller zusammenhalten. Wir brauchen das Gemeinsame, die Allianzen, die Verbündeten. Eben: Lauter Frauen, lauter Männer, lauter Menschen, die zusammenhalten.

Und wenn wir den Kreis – von uns selbst ausgehend – schrittweise größer und größer ziehen, können wir sie vielleicht doch bewegen, diese Welt.

Auch wenn es manchmal anstrengend oder unbequem ist, „laut“ zu sein: Lassen wir uns nicht entmutigen.

Und nicht vergessen: Ab und zu Pausen einlegen beim Doomscrollen!

Vielen Dank.

"Lauter! Frauen!" - Veranstaltung zum Internationalen Frauentag 3. März 2026

Fotos: Carina Karlovits & Peter Lechner/HBF