Alexander Van der Bellen appellierte bei Frauentag-Veranstaltung, darauf zu achten, dass auch soziale Medien das Frauenbild prägen.
Zu allererst einmal: Danke an Katia Ledoux und Aramis Pöll für die beeindruckende Musik!
Und dann muss ich noch etwas loswerden:
Liebe Denice Bourbon, als wir einander das letzte Mal gesehen haben - das war beim „Elevate“ in Graz – da habe ich spontan meine Rede umformulieren müssen! Das Problem war die erste Zeile: Die Begrüßung „Meine Damen und Herren“ sei ein bisschen verstaubt, hat es geheißen. Und da war ich quasi schon auf dem Weg auf die Bühne! Na ja, das passiert mir kein zweites Mal.
Also – diesmal: Hallo alle zusammen, herzlich willkommen! Danke, dass Sie heute hergekommen sind, um gemeinsam für Frauenrechte aufzustehen.
Ja, wo genau befinden wir uns denn, wenn es um Frauenrechte geht? Wenn es um Rollenbilder geht?
Schauen wir mal dort nach, wo man am besten nachschaut, wenn man so etwas wissen will: Auf Instagram!
Das erste Bild: Eine Frau mit perfektem Lidstrich und gestylten Haaren in einer makellosen Küche. Sie trägt einen weiten Rock mit Küchenschürze und stellt Käse her.
Das ist kein Vintage-Bild aus den 50er Jahren. Es ist eine von vielen „Trad Wives“, also traditionellen Hausfrauen, wie sie auf Tiktok und Instagram jetzt gerade – im Jahr 2025 – trenden.
Scrollen wir weiter.
Ein selbsternannter „Pick-Up-Artist“ verrät Dating-Tricks, Manipulationsstrategien, mit denen er Frauen zu Trophäen degradiert.
Und wieder weiter gescrollt.
Ein muskulöser Mann verrät Übungen für den perfekten Body. Eine Frau zeigt ihr 5-Minuten-Make-Up. Ein Mann erklärt uns etwas über Bitcoins. Eine Frau richtet ein Kinderzimmer ein. Ein Mann diskutiert in seinem Podcast.
Wir müssen gar nicht weit schauen, da offenbart sich ein Muster:
Frauen auf sozialen Medien kochen, basteln, schminken.
Und Männer trainieren, erklären, politisieren.[1]
Podiumsdiskussion bei der Veranstaltung "RISE & SHINE" anlässlich des Internationalen Frauentages in der Hofburg. (Foto: Peter Lechner/HBP)
Was da gezeigt wird, hat freilich mit der Wirklichkeit wenig zu tun, aber Studien zeigen: Soziale Medien verstärken traditionelle Geschlechterrollen und Schönheitsideale. Sie prägen unser Frauenbild und mindern emanzipierte Ansichten.[2]
Was unsere Kinder, unsere Jugendlichen auf ihren Handyscreens sehen, formt ihr Bild von dieser Welt.
Und das sind leider nicht nur Katzenvideos. Die Algorithmen auf Tiktok, X, Instagram und so weiter pushen Inhalte, die polarisieren – ohne dass man vorher danach gesucht hat.
Sie zeigen keine Nuancen. Sondern eine binäre Welt, eine Welt der entgegengesetzten Kräfte.
So stolpert man beim Weiterscrollen nicht nur über veraltete Rollenbilder, problematische Männlichkeitsvorstellungen und aggressive Frauenfeindlichkeit. Man trifft auch auf Hassprediger, die unsere freie Lebensweise als „westlich“ und sündhaft darstellen.
Auf Rechtsextremisten, die mit Lipsync-Videos[3]rassistische und menschenverachtende Inhalte propagieren.[4] Und natürlich auf eine ganze Menge Verschwörungen, Lügen und Desinformation.
Das alles passiert nicht laut, nicht mit dem Vorschlaghammer. Sondern ganz subtil. Oft, ohne dass man es merkt.
Und je öfter man diese Inhalte schaut, sei es auch nur aus Neugier, umso öfter werden sie einem angezeigt. Und schon sitzt man in der Falle.
Daher mein Appell an alle, die Kinder und Jugendliche in Ihrem Umfeld haben, alle Tanten, Onkeln, großen Geschwister, Omas, Opas, Elternteile:
Schauen wir genau hin.
Wir dürfen nicht blind dafür sein, was unsere Kids und Teens auf ihren Handys sehen. Interessieren wir uns dafür, reden wir mit ihnen darüber.
Tech-Konzerne gewinnen immer mehr Macht und nutzen die Bildschirme unserer Kinder dazu, um Meinungen zu lenken, um Stimmung zu machen, um Wahlen zu manipulieren.
Diese Einflussnahme ist Gift für unsere liberale Demokratie.
Für Frauenrechte. Für Menschenrechte. Und für unser Miteinander.
Wissen Sie, was mich trotz allem beruhigt und positiv stimmt? Sie! Denn ich weiß: Sie tun etwas.
Mit Protesten, Initiativen, Kampagnen, und indem Sie durch Politik Veränderung erwirken.
Viele von Ihnen posten über Ihre Jobs und sind damit Karriere-Vorbilder. Viele von Ihnen zeigen, dass Schönheit keine Filter braucht und sprengen damit „normschöne“ Vorstellungen.
Viele von Ihnen zeigen, dass das Leben mit Kindern chaotisch ist und viele zeigen wiederum, dass „kinderfrei“ eine valide Lebensentscheidung ist.
Viele von Ihnen teilen feministische Inhalte oder machen auf Mehrfachdiskriminierung aufmerksam und geben damit Gleichberechtigung eine Bühne.
Viele von Ihnen stellen sich mit Wort und Tat gegen von Hass und Hetze und bieten damit Sexismus die Stirn.
Kurz gesagt: Durch Sie alle werden die Bilder auf den Handys unserer Kinder Stück für Stück – oder sollte ich sagen „Swipe für Swipe“ – feministischer, ermutigender und gerechter. Und die Wirklichkeit ebenfalls.
Vielen Dank.
[1] Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk
[2] „Die Auswirkungen von Social Media auf das Frauenbild“, Christin Helen Niehus, 2020
[3] Lipsync = lippensynchrones stummes Mitsingen von Liedern (früher: Playback)
[4] Social Media ist für die Verbreitung rechtsextremistischer Ideologie mittlerweile das bevorzugte Mittel. TikTok steht besonders im Fokus, weil die Propaganda hier schnell in ein modernes Format gebracht werden kann.