Kurt Vorhofer- und Robert Hochner-Preisverleihung

»Nur guter Journalismus wird bestehen können.«

Vorhofer- und Hochner-Preis-Verleihung: Bundespräsident Alexander Van der Bellen mahnt journalistische Verantwortung ein.

Meine Damen und Herren,

liebe Preisträgerinnen und Preisträger, Journalistinnen und Journalisten.

Herzlich willkommen in der Hofburg.

Nur ein paar Räume weiter von hier hat der Historiker Sir Christopher Clark Ende April (Staatsakt 80 Jahre Republik) eine Rede gehalten. Vielleicht haben Sie sie ja auch gehört oder gelesen.

Sir Christopher Clark hat u.a. darüber gesprochen, wie wir Information weiterreichen:

Früher wanderte eine Neuigkeit von Mensch zu Mensch, von Mund zu Ohr. Alles, was wir über diese Neuigkeit wussten,  wussten wir durch Erzählungen und Hörensagen. Durch Gerüchte. Bis irgendwann, Stichwort Moderne, Ihr Berufsstand, also Journalistinnen und Journalisten, auf den Plan trat. Das war ein radikaler Wechsel von der Gerüchteebene auf die Sachebene. Weg vom Weitersagen, was man hört – hin zum Beschreiben, was wirklich ist.

Was für eine Errungenschaft!

Erlauben Sie mir eine Nebenbemerkung: Vorausgesetzt, dass hinreichend viele Menschen lesen können. Und: Verstehen, was sie lesen.

So. Und jetzt schauen wir uns einmal an, wie heute Neuigkeiten gelesen und gesehen werden. Nämlich nicht mehr nur in den klassischen Medien. Sondern in den sogenannten „sozialen“.

Fällt jemand ein besserer Name ein? Namen sind wichtig. „Klimawandel“ zum Beispiel – ein analoges Problem. Der Begriff geht scheinbar auf einen konservativen Republikaner zurück. Ein belgischer Professor des IPCC schlägt vor, vielmehr von „emergency“ zu sprechen. Denn wer ist schon gegen Wandel?

In den neuen Sozialen Medien ködern fette Clickbait-Brocken mit „dem größten Geheimnis aller Zeiten“, reißerische Headlines geifern nach Klicks und ein „Paukenschlag“ übertönt den anderen, dass es nur so tuscht.

Kurz gesagt: Willkommen zurück auf der Gerüchte-Ebene!

Viele Medien – und auch mitunter Qualitätsmedien – sehen in ihrem Überlebenskampf oder weniger pathetisch – im Markt und Wettbewerb – keine andere Möglichkeit, als sich der Logik sozialer Medien zu beugen. Ich kann das durchaus verstehen. Sie wollen ja – mit gutem Recht – gelesen, gesehen, angeklickt werden. Und wenn man nur im Markt bleibt mit mehr Paukenschlägen, mehr Skandalen, mehr Lärm um Nichts, na dann spielt man das Spiel eben mit.

Das heißt, wenn man es sich leicht macht. Jeden Aufreger zu bringen, ohne zu prüfen, ob er die Aufregung überhaupt wert ist, das zum Beispiel wäre leicht. Jeden Mini-Skandal zu veröffentlichen, und ihn zum Skandal aufzublasen, ebenfalls: leicht.

Aber, meine Damen und Herren Sie wären alle nicht hier, wenn Sie es sich leicht machen wollten! Sie wissen: Journalismus und die Logik sozialer Medien vertragen sich gar nicht. Sie stehen eigentlich im Widerspruch.

Klar: Journalismus sucht nach Wahrheit. Nach Carl Bernstein „the best obtainable version of the truth“. Soziale Medien suchen nach Aufmerksamkeit. Und sei es nur für ein paar Sekunden. Läuft der Journalismus der Logik dieses ganz neuen Mediums hinterher,  dann schafft sich der Journalismus selbst ab.

Warum?

Denn Gerüchte im Sinne von Christopher Clark, also das „Aufregende“, die verbreiten sich mittlerweile von allein. Dafür brauchen wir keine Journalistinnen und Journalisten. Nein, nicht für die Gerüchte, für die Sachebene, dafür brauchen wir Sie.

Für die Qualität, die Fakten, die Tatsachen und deren Interpretation, die Wahrheitssuche.

Und zwar wirklich dringend. Als Gegengewicht zu all dem anderen sogenannten „Content“.

Sie haben da eine schwierige Balance zu halten. So ein Umfeld verleitet natürlich, zu überhöhen, sich zu empören, sich zu beeilen. Und schon ist etwas in Gang gebracht, das schwer wieder aufzuhalten ist. 

Es ist dann eine Art Choreographie, die einsetzt: Macht der eine diesen Schritt, springt die nächste dorthin. Schreibt die eine dieses, greift der nächste jenes auf.  Gibt es hier ein aufregendes Bild, wird es auch da veröffentlicht. Ein Tanz im Takt sozialer Medien.

Wissen Sie, wer in dieser Choreographie positiv auffällt? Wer heraussticht? Alle, die aus der Reihe tanzen. Die Kritik nicht reflexartig, sondern reflektiert üben. Nicht mit Gerüchten.  Sondern mit Fakten. Mit Argumenten. Alle, die sich Zeit nehmen, die erklären, die gewichten. Im Wissen: Nicht die Algorithmen sind die Gatekeeper, sondern wir Menschen.

Sie alle tragen doppelt Verantwortung – Erstens dafür, was Sie schreiben. Aber auch dafür, was die Menschen herauslesen. Was Sie in den Köpfen der Leute bewegen. Und was die – in Konsequenz – tun. Also, was Sie auslösen.

Natürlich wollen und müssen Sie kritisch sein, Missstände aufdecken. Aber Sie müssen dabei auch immer im Auge behalten, was daraus folgt. Konkret zum Beispiel:

Macht man sich über die Politik lustig, wundert es nicht, dass sie für viele ein Witz ist. Macht man die Justiz verächtlich, wundert es nicht, dass Anklagen und Urteile verachtet werden. Ist jedes Entgegenkommen gleich ein „Umfaller“, jede Diskussion gleich ein übler Streit, dann wundert es nicht, dass der Kompromiss so einen schlechten Ruf hat.

Stellt man demokratische Prozesse als immer zu langsam und zäh dar, wundert es nicht, dass sich viele wieder nach autoritärer Führung sehnen.

Meine Damen und Herren,

Sie haben Macht. (Noch!)

Aber: „With great power comes great responsibility”, wie es so schön heißt.

 

Verantwortung.

 

In dem Zusammenhang möchte ich kurz über Graz sprechen. Genauer gesagt: Wie darüber berichtet wurde. Man hat gespürt, dass Sie, insgesamt als Branche, verunsichert, verwirrt sind. 

Die eine Hälfte rannte in diese Richtung los, die andere Hälfte in die entgegengesetzte – und es gab keinen gemeinsamen Sinn dafür, was geht und was nicht. 

Ich war selbst in Graz am Tag nach der schrecklichen Tat, und hatte den Eindruck: Die kommunistische Bürgermeisterin von Graz und der freiheitliche Landeshauptmann konnten sich gemeinsam auf bestimmte Normen des Verhaltens einigen. 

Das sollte auch den Medien möglich sein. Schon klar: Nicht einfach! Sie wollen und müssen natürlich informieren. Aber was berichten Sie, und wie?

Und wem hilft es am Ende? Könnte das, was wir da am Titelbild zeigen, das, was wir da erzählen,  vielleicht sogar Schaden verursachen? Seit der Antike sind Verbrechen bekannt, die begangen wurden, um dem Verbrecher auf ewig Platz in den Geschichtsbüchern zu sichern.

 

Kollege Nusser schreibt:

„Fünf Minuten Zeit zum Nachdenken. Eine Kostbarkeit.“ Seine „Kopfnüsse“ zu den Berichten über Graz haben Sie vielleicht gelesen – wenn nicht, empfehle ich es sehr.

Da soziale Medien Eile verlangen, blieb für wichtige Fragen keine Zeit. Da soziale Medien Aufregung verlangen, scheint es so, als gäbe es fürs Abwägen keinen Platz. Diesen Platz zu finden. Und sich diese Zeit zu nehmen.

Das ist Ihre große und wichtige Verantwortung.

 

Meine Damen und Herren.

es zahlt sich aus, diese Verantwortung wahrzunehmen.

Es gibt nämlich immer noch genug Menschen, die gerne Artikel lesen, die nach der Wahrheit streben. Und gerne Berichte sehen, die von Menschen gestaltet wurden. Und solche Beiträge auch teilen.

Unter all dem, was es jeden Tag über endlose Feeds anspült, stechen hochwertige Inhalte positiv hervor. 

Ich bin überzeugt: 

Nur guter Journalismus wird bestehen können, und nur dann, wenn er auf starken eigenen Beinen steht. Unabhängig von dem, was Algorithmen vorgeben. Nur so ist gesichert, dass Ihre Medien  auch in 10, 20, 30 Jahren noch existieren.

Ich meine es ernst!

Wie schaut die Österreichische Medienlandschaft in Zukunft aus? Wird sie unter dem Druck der Algorithmen oder Social Media zerbröseln? Oder geht sie ihren eigenen Weg – integer, anspruchsvoll,  unabhängig, mutig und reflektiert. Sie können gern noch ein paar Adjektive ergänzen!

Ich jedenfalls bin überzeugt, dass unsere Medien auch in Zukunft
bestehen können – gerade solche mit Qualitätsanspruch.

Medien, die es genau nehmen. Mit Journalistinnen und Journalisten,  die es sich niemals leicht machen.

Genau wie Sie.

Ich schließe mein „preaching to the almost converted“. Und nutze die Gelegenheit,  auch gleich den heutigen Preisträgerinnen  und dem Preisträger herzlich zu gratulieren.

Vielen Dank. 

Verleihung der Vorhofer- und Hochner-Preise, 18. Juni 2025
Verleihung der Vorhofer- und Hochner-Preise, 18. Juni 2025

Fotos: Peter Lechner/HBF