»Nicht zufällig sind Bibliotheken seit jeher wahre Sehnsuchtsorte«

Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen beim Festakt zum 650-jährigen Bestehen der Österreichischen Nationalbibliothek.

Sehr geehrter Herr Bundesminister Faßmann!

Sehr geehrte Frau Nationalratspräsidentin Bures!

Sehr geehrte Frau Staatssekretärin Edtstadler!

Sehr geehrte Frau Generaldirektorin!

Sehr geehrte Frau Professor Assmann!

Geschätzte Ehren- und Festgäste!

 

Nationalbibliothek und Präsidentschaftskanzlei sind beide in der Hofburg untergebracht. Ich stehe heute also gleichsam als Mitbewohner vor Ihnen, der im Rahmen eines Nachbarschaftsbesuches vor allem eines will: gratulieren. Nämlich der Österreichischen Nationalbibliothek zu ihrem 650. Geburtstag.

Herzlichen Glückwunsch!

650 Jahre - das ist schon ein achtungsgebietendes Alter. Vergleichbar vielleicht am ehesten mit jenem der Universität Wien, die nur um drei Jahre älter ist und sich gleichfalls der Vermittlung von Wissen verschrieben hat.

Man muss schon sagen, in diesem 14. Jahrhundert hat sich Beachtliches getan – zumal, wenn man bedenkt, dass diese beiden Einrichtungen auch heute noch zu den wichtigsten Bildungseinrichtungen des Landes zählen. Und im Laufe der Jahrhunderte sogar noch an Bedeutung massiv gewonnen haben. Wobei es schon einen wesentlichen Unterschied – neben vielen anderen Unterschieden – gibt, der mich nachdenklich gemacht hat:

Während die Universität Wien ihre Gründung von Herzog Rudolf (dem Stifter) mit Brief und Siegel bestätigt bekommen hat, fehlt ein derartiges Dokument für die Österreichische Nationalbibliothek. Sie führt – worauf in den letzten Wochen immer wieder verwiesen wurde – ihre Gründung auf das Troppauer Evangelikar zurück; also standesgemäß auf ein Buch.

Und jetzt verzeihen Sie mir die vielleicht sogar ketzerische Frage: Macht ein Buch schon eine Bibliothek? Vermutlich nicht.

Aber ab wie vielen Büchern kann man dann von einer Bibliothek sprechen? Offen gestanden, ich weiß es nicht. Aber wenn es um Bibliotheken und Bücher geht, zählt nicht nur die Quantität, sondern auch die Wertschätzung, ja vielmehr die Liebe zu diesem so kostbaren Medium.

Unbestritten ist, dass die Österreichische Nationalbibliothek heute zu den bedeutendsten Bibliotheken weltweit zählt – übrigens auch zu den schönsten. Und trotz ihres stattlichen Alters ist sie auch eine hochmoderne Einrichtung, die höchst erfolgreich den Schritt in unser digitales Zeitalter vollzogen hat.

 

Meine Damen und Herren!

Der deutsche Autor Arno Schmidt meinte einmal: „Es gibt keine Seligkeit ohne Bücher“ – ein Satz, den jeder bibliophile Mensch sofort zu unterschreiben bereit ist. Das Buch ist zweifelsohne eine der ganz großen, vielleicht die größte Errungenschaft der Kulturgeschichte.

Nicht zufällig sind daher Bibliotheken (die ja nichts anderes darstellen als eine Massenansammlung von Büchern) seit jeher wahre Sehnsuchtsorte, von denen eine unbezwingbare Faszination ausgeht. Sie sind – als Speicher menschlichen Wissens – freilich auch immer ein Sinnbild des Universums gewesen.

Der argentinische Autor Jorge Luis Borges hat dies in seiner Erzählung „Die Bibliothek von Babel“ auf die Spitze getrieben, indem er eine Bibliothek imaginierte, in der jedes mögliche Buch der Welt enthalten wäre. Ein verwirrendes Gedankenspiel.

Auch andere Schriftsteller haben sich der Wunderkammer „Bibliothek“ nicht entziehen können. Walter Benjamin, Umberto Eco oder Elias Canetti sind nur einige von ihnen. Sie alle waren fasziniert von der Idee, dass das Gedächtnis der Menschheit in den Regalen einer Bibliothek gespeichert wäre.

Und dieses Gedächtnis ist vielfältig. Bibliotheken sind ein Abbild der Wissens-Vielfalt und der Pluralität der Meinungen. Bände über das heliozentrische Weltbild stehen friedlich neben solchen über das ptolemäische, die Bibel neben Darwins „Entstehung der Arten“ und Parmenides neben Hegel.

Dieser Umstand zeigt uns die Bibliothek als Ort, an dem das breite Spektrum unterschiedlicher Weltanschauungen und Erkenntnisse koexistiert. Vielleicht ist so gesehen die Bibliothek ein – mag sein utopisches – Ideal menschlichen Zusammenlebens.

 

Meine Damen und Herren!

Ein Speicher des Wissens, ein Gedächtnis der Menschheit, ein Ort der Geschichte – das war und ist auch die Österreichische Nationalbibliothek. 

Lassen sie mich zum Abschluss eine Gedichtzeile von Walt Whitman zitieren. In seinem berühmten Band „Leaves of Grass“ heißt es:

Shut not your doors to me proud libraries,

For that which was lacking on all your well-fill'd shelves,

yet needed most, I bring.

Was den wohl gefüllten Brettern fehlt, ist nach Whitman nichts anderes als die Leserin oder der Leser. Für sie wurden Bibliotheken errichtet und für sie sind sie bis heute da.

Ich möchte daher, stellvertretend für alle Leserinnen und Leser, der Österreichischen Nationalbibliothek danken. Danken, dass sie so viele Menschen mit Wissen beschenkt, ihnen Vergnügen bereitet, sie träumen oder klüger werden lässt.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.