Räume, die Geschichte(n) schreiben

Ob Élysée-Palast, Schloss Bellevue, Weißes Haus oder die Hofburg in Wien – der jeweilige Amtssitz des Staatsoberhauptes eines Landes hat immer eine besondere Geschichte und oft stellt sich die Frage: Warum ist das Büro des Präsidenten genau hier zu finden?

Mit dem Amt des österreichischen Bundespräsidenten verbinden viele auch den Ort seiner politischen Wirksamkeit: „die Hofburg“ in Wien. Die Hofburg ist die größte Schlossanlage Europas, die sich von der Albertina bis zum Leopoldinischen Trakt, von der Neuen Burg bis zum Museumsquartier erstreckt. Sie ist ein Symbol für die lange und bewegte Geschichte unseres Landes, zugleich das Synonym für den Amtssitz des österreichischen Bundespräsidenten. Dessen Büros sind im Leopoldinischen Trakt eingerichtet, dem historisch und politisch bedeutendsten Teil der Burg. Aber wie genau kam der Bundespräsident zu diesem Amtssitz?

Um diese Frage beantworten zu können, machen wir einen kleinen Rückblick in die Geschichte jenes Teils der Hofburg, der heute die Präsidentschaftskanzlei beherbergt und der 1660 bis 1667 von Kaiser Leopold I. errichtet wurde, gleich nach Fertigstellung abbrannte und 1683 vollendet wurde.

Nur mehr die Fassade stammt aus der Zeit Leopold I., die Gestaltung der Innenräume sind geprägt vom Rokoko des Zeitalters von Kaiserin Maria Theresia. Diese Stilrichtung prägt aber ausschließlich die Räume der sogenannten Beletage im ersten Stock, wo heute die Arbeits- und Repräsentationsräume des Bundespräsidenten zu finden sind.

Im zweiten Stock des Leopoldinischen Traktes waren zur Zeit Maria Theresias und ihres Gemahls Franz I. Stephan von Lothringen die Kinderzimmer untergebracht. Hier hatten die nachfolgenden Regenten dem Stil der Zeit entsprechend immer wieder Umgestaltungen vorgenommen, sodass diese Räume auch einen spannenden Einblick in die Kunst- und Kulturgeschichte Österreichs geben.

Heute befinden sich im zweiten und dritten Stock Büros der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Präsidentschaftskanzlei.

Der Lepoldinische Trakt der Hofburg

Ein Rundgang durch die Jahrhunderte.

Die Republikanisierung der kaiserlichen Residenz

Erst seit Oktober 1946 ist der Leopoldinische Trakt der Hofburg der Amtssitz des Bundespräsidenten. In der Ersten Republik war die Präsidentschaftskanzlei nämlich noch im Bundeskanzleramt untergebracht. Damit kehrte die Hofburg nach dem Ende der Monarchie 1918 wieder in das politische Zentrum Österreichs zurück. Hatte die junge Republik 1918 noch starke Berührungsängste mit dem habsburgischen Erbe, so hat der erste Bundespräsident der Zweiten Republik, Karl Renner, bewusst jenen Teil der Hofburg als Amtssitz auserkoren, in dem von 1740 bis 1780 Maria Theresia als Landesherrin wohnte und regierte.

Renner wählte den Leopoldinischen Trakt, um damit auf einen in seinen Augen positiven Teil der österreichischen Geschichte Bezug zu nehmen. Nach der Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg wollte er an ein für Österreich positives Kapitel der Geschichte anschließen.

Zwei ebenfalls aus der Monarchie hervorgegangene neue Staaten, die Tschechoslowakei und Ungarn, entschieden sich schon 1918 dafür, die königlichen Residenzen in Prag und Budapest dem neuen Staatsoberhaupt als Amtssitz zur Verfügung zu stellen.

So zog der erste Präsident der neugegründeten Tschechoslowakischen Republik, Thomáš G. Masaryk, unmittelbar nach seiner Wahl auf den Prager Hradschin. Einerseits bezweckte er damit eine Kontinuität als quasi Nachfolger der böhmischen Könige, andererseits versuchte er mit Um- und Neubauten, durchgeführt vom berühmten slowenischen Architekten Jože Plečnik, die Prager Burg zu republikanisieren. In Ungarn, das ja formal bis 1944 ein Königreich war, residierte der autoritäre Reichsverweser Miklós Horthy auf der Burg der ungarischen Könige. Er nahm in dieser barocken Schlossanlage, die im 19. Jahrhundert zahlreiche Umbauten erfahren hat, keine baulichen Veränderungen vor.

Mehr als eine Büro-Adresse

Im Dezember 1945 wurde Karl Renner von der Bundesversammlung – aus Kostengründen wurde die durch die Bundesverfassung vorgesehene Volkswahl nicht abgehalten – zum Bundespräsidenten gewählt. Es dauerte bis zum Oktober 1946, bis die notwendigen Adaptierungsarbeiten im Leopoldinischen Trakt der Hofburg abgeschlossen waren. Kunstwerke, die in der Zeit des Krieges in Sicherheit gebracht worden waren, wurden zurückgebracht und ein funktionierendes Büro konnte installiert werden.

Damit ist jenes Mächtedreieck, das die Verfassung vorgibt, auch räumlich gut erkennbar – der Bundespräsident in der Hofburg, der Sitz der Bundesregierung im gegenüberliegenden Bundeskanzleramt, sowie auf der anderen Seite des Rings das Parlament. Zurzeit befinden sich die Räume des Parlaments allerdings auch in der Wiener Hofburg (im Redoutensaaltrakt), da das Parlamentsgebäude für mehrere Jahre saniert werden muss.

Karl Renner war es auch, der ein Museum der politischen Gegenwart, also einen Vorgänger des Hauses der Geschichte, in seinen neuen Amtsräumen errichtete. Dafür waren drei Räume im zweiten Stock des Leopoldinischen Traktes reserviert, die zuletzt als Kinderzimmer von Kaiser Franz Joseph in Verwendung standen. Renner sammelte verschiedene Gebrauchsgegenstände, Dokumente, Bilder und Büsten aus der Ersten Republik und der soeben neu gegründeten Zweiten Republik. Sein Amtsnachfolger Theodor Körner setzte diese Sammlungen fort, die von Bundespräsident Adolf Schärf aber dann eingestellt wurden. Letztlich wurden die Objekte 1971 der Ludwig Boltzmann Gesellschaft übergeben.

Das berühmteste Schlafzimmer des Landes

Das demokratische Herzstück des Amtssitzes des Bundespräsidenten bildet das Maria-Theresien-Zimmer, das bis 1945 aufgrund seiner reichen Ausschmückung den Namen „Reiches Schlafzimmer“ trug. Statt des berühmten Paradebettes von Maria Theresia, das nach Schloss Schönbrunn, dem Sommersitz der Habsburger, verbracht wurde, ließ der erste Bundespräsident der Zweiten Republik zwei Ganzkörperportraits des Malers Martin van Meytens anbringen, die Maria Theresia und Franz I. Stephan zeigen.

Seit der Unterzeichnung des Österreichischen Staatsvertrages am 15. Mai 1955 im Schloss Belvedere bildet einer jener Tische, auf denen dies für Österreich so wichtige Vertragswerk unterzeichnet wurde, den zentralen Punkt des heutigen Maria-Theresien-Zimmers. Der Barocktisch ist zu einem republikanischen Möbelstück geworden. Noch heute werden darauf die Ernennungsurkunden für die Mitglieder der österreichischen Bundesregierung sowie andere bedeutende Vertragswerke vom Bundespräsidenten unterfertigt. Vor diesem Arrangement, versehen mit den Fahnen Österreichs und der Europäischen Union, mit dem Bildnis Maria Theresias dahinter, gelobt der Bundespräsident die Bundesregierung an, begrüßt er Bürgerinnen und Bürger, die ihn besuchen. Und dort begrüßt er auch Staatsgäste.

Ein Raum also, in dem die Geschichte der Zweiten Republik geschrieben wurde – und wird.