Rede anlässlich des Festakts "160 Jahre Presseclub Concordia"

160 Jahre Presseclub Concordia

»Klassischer Journalismus ist heute wichtiger denn je.«

Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen anlässlich des Festaktes  „160 Jahre Presseclub Concordia“

 

Meine Damen und Herren!

Vor 160 Jahren beantragte ein Proponentenkomitee aus Schriftstellern und Journalisten die Gründung der Concordia. Die Wiener Polizeidirektion bewilligte zwar den Vereinszweck „Unterstützung hilfsbedürftiger Mitglieder“, nicht aber den Vereinszweck „geselliger Verkehr“. Ich zitiere: “Zu einer Journalisten-Versammlung ist die Diskussion politischer Fragen der unvermeidliche Gesprächsstoff.” Und weiter: Das könne sich “dazu eignen, der Regierung, zumal in politisch bewegten Zeiten, mancherlei Verlegenheit zu bereiten.”

Man kann anerkennend gegenüber der Polizeidirektion sagen: Sie hat haargenau verstanden, welchen Zweck guter Journalismus haben soll.

Also, wir, die Bürgerinnen und Bürger einer liberalen Demokratie -, wir erwarten uns von gutem Journalismus gesicherte Information.

Wir erwarten uns facts, nicht fakes.

Wir erwarten einen gut recherchierten Hintergrund. Wir erwarten einen intelligenten Kommentar dazu. Wir erwarten eine gewisse Kontrollfunktion gegenüber der Politik. Das gehört zu Ihren ureigensten Aufgaben: zu hinterfragen, zu kritisieren usw. Und das gilt ja nicht nur für die Politik. Sie können über den Sport oder über die Kultur oder die Wirtschaft dieselben Maßstäbe anlegen.

Ich sage Ihnen vermutlich nichts Neues, wenn ich sage, es braucht auch Mut und Standfestigkeit, Zivilcourage manchmal, um Interventionen vorher oder nachher, standzuhalten. Vorher, wenn der Politiker oder die Politikerin erstaunlicherweise schon vorab darüber informiert ist, was Sie schreiben wollen, nachher, wenn´s passiert ist.

Aber wir sind in Österreich, das müssen Sie aushalten – diesen Druck von außen. Ich meine damit: Wenn Sie in unser Nachbarland schauen, in die Slowakei, dann ist es gar nicht so lang her, dass dort ein Journalist ermordet worden ist, ermordet im Zuge seiner Tätigkeit.

Also, Sie gehen hier ein gewisses Risiko ein. Aber ein solches Risiko wie in der Slowakei, so hoffe ich, bei uns doch nicht.

Meine Damen und Herren,

bei uns in Österreich, in einer liberalen Demokratie, steht Pressefreiheit, Meinungsfreiheit im Verfassungsrang. Und wie wichtig unabhängiger Journalismus ist, durften wir heuer erleben. Etwa im Gefolge des 17. Mai. Ein dramatischer Tag. Ich erinnere mich, am 15. Mai waren wir noch in Sotschi bei Präsident Putin, am 16. Mai saßen wir friedlich in Wien bei Routinegesprächen. Ein vages Gerücht kursierte – da kommt was am nächsten Tag. Aber wir wussten nicht was. Ich habe es nicht so ernst genommen, muss ich gestehen. Ich ging mit meiner Frau essen und da kam mein Pressesprecher nach, und dann habe ich mir das Video angeschaut.

Ich erwähne das auch deswegen, weil man könnte darüber spekulieren, ob die Bombe, die am 17. Mai geplatzt ist, die gleiche Wirkung gehabt hätte, wenn sie über andere Medien publik geworden wäre. Z.B. nur über Printmedien. Meine Hypothese ist, sie hätte nicht diese Wirkung erzielt. Man hätte leichter dementieren können, bezweifeln können.

Das Zusammenspiel zwischen Text, Ton und Bild, das ist unvergesslich.

Es ist offensichtlich und auch für die größten Skeptiker unbestreitbar, dass Ihr Beruf, Ihre Tätigkeit eine wichtige Säule für jede funktionierende liberale Demokratie darstellt. Datenbasierte Plattformen internationaler IT-Giganten können das nicht leisten oder gar ersetzen, was Sie mit Ihrer journalistischen Arbeit für die liberale Demokratie leisten. Dafür, dass Sie sich unbeirrbar auf die Seite der Wahrheit stellen, dafür möchte ich Ihnen danken.

Ich bin Ihnen dafür wirklich dankbar. Auch wenn mich manchmal leise Zweifel bei diesem Satz überkommen. Denn: Was ist die Wahrheit?

Halten wir es mit Carl Bernstein, dem Aufdecker des Watergate Skandals. Journalistinnen und Journalisten sollten the best obtainable version of the truth suchen.

 

Meine Damen und Herren

Die neuen Konkurrenzsituationen, denen Sie sich ausgesetzt sehen, hat Andreas Koller in seiner Rede schon erwähnt.

Was passiert in den nächsten zwei Stunden weltweit? Ich habe das aus verlässlicher Quelle, es ist the best obtainable version of the truth.

In den nächsten zwei Stunden passiert Folgendes: Acht Millionen Bilder werden auf Instagram hochgeladen. 45 Millionen Tweets werden gepostet, Videos in der Gesamtlänge von sechs Tagen werden in das Netz gestellt. – Ich wiederhole: In den nächsten zwei Stunden.

Also, nie zuvor in der Geschichte der Menschheit ist so viel Information so vielen Leuten zur Verfügung gestanden. Wobei der Begriff Information jetzt vollkommen neutral ist. Ich sage nicht, dass das wahr ist, ich sage nicht, dass das objektiv ist, sondern es ist Information. Und manche dieser Videos werden millionenfach geteilt und weitergegeben. Besonders jene, die emotionalisieren. Auch Videos, die die blanke Unwahrheit und nichts als Lügen sind.

 

Für Politikerinnen und Politiker ist das auch insofern heikel, weil die Fake-Geschichte meist viel mehr Leute ansehen, als dann die Richtigstellung. Im ersten Fall sind es oft ein paar Millionen, im zweiten Fall, der Richtigstellung bloß ein paar Tausend. Ein Bruchteil davon.

Aber ich möchte nicht, dass Sie den Eindruck gewinnen, dass ich jetzt über die Neuen Medien herziehe. Ich finde sie durchaus ambivalent. Also, einerseits ermöglichen diese Medien Hasstiraden, Beschimpfungen, Verleumdungen in einer Schnelligkeit, in einem Ausmaß, das bis vor Kurzem undenkbar war. Und sie ermöglichen die Verbreitung von Fake News in einem Ausmaß, das bis vor Kurzem undenkbar war.

Nehmen Sie die Sicherheit Ihres Online-Auftritts ernst. Warum sage ich das?

Vor einem halben Jahr war ein Vertreter eines Emirats aus dem Arabischen Golf bei mir und hat mir folgende Geschichte erzählt. In einem TV-Sender seines Landes erschien eine Rede des Emirs himself, eine Rede, die er nie gehalten hat. Voller Aggressivität gegenüber den Nachbarländern. Und es hat eine halbe Stunde gedauert bis man diese Meldung vom Netz bekommen hat. Eine halbe Stunde lang haben alle diese Meldung sehenkönnen. Und es war sehr, sehr schwierig, danach zu dementieren, dass das erstunken und erlogen ist. In diesem Fällen bestand Kriegsgefahr. Wie ich das gehört habe, habe ich gedacht, wenn irgendjemand in der Zib 2 fälschliich lanciert, Temelin sei explodiert, rette sich, wer kann! Das möchte ich nicht erleben, was in Ostösterreich dann los ist.

Das ist die negative Seite.

Wenn ich aber zurückdenke an den Wahlkampf 2016 und die Bedeutung der sozialen Medien - insbesondere im zweiten Halbjahr des Wahlkampfs –, würde ich mich trauen, die These zu vertreten, dass wir, also mein Team und ich, ohne die neuen sozialen Medien nicht gewinnen hätten können. Aus einem schlichten Grund. Sie ermöglichen einen Direktkontakt mit den Bürgern und Bürgerinnen, den es sonst nicht gäbe. Vor allem ermöglichen sie eine Kontaktaufnahme zwischen den Bürgerinnen und Bürgern ohne Vermittler, ohne Institution dazwischen - und damit meine ich den klassischen Journalismus.

Denken Sie nur an das Video von Frau Gertrude, das in Europa millionenfach aufgerufen wurde. Ich hätte fünfzig Interviews geben können, ich hätte nicht diese Wirkung erzielt.

Da gibt es neue Möglichkeiten, die interessant sind – finde ich – die man nicht negativ bewerten sollte.

Wir neigen dazu, die Gefahren dieser Möglichkeiten zu sehen, aber nicht zu sehen, dass sie etwa in autoritären Ländern einen wesentlichen Beitrag zur Umgehung der Einschränkung von Meinungs- und Pressefreiheit leisten können.

Aber natürlich bedeutet die digitale Transformation für Sie eine Konkurrenzsituation, die Ihr Leben nicht einfacher macht. Die Reaktionszeiten verkürzen sich – laufend. Twitter berichtet quasi in Echtzeit – nahezu zu jedem Ereignis. Der Druck, irgendetwas online zu stellen, so schnell wie möglich, besteht auch bei Ihnen. Besser „i hob’s“ als die Konkurrenz hat es vor Ihnen. Und wenn ich diesen Zeitdruck habe, besteht die Gefahr, dass die Qualität leidet. Dass ich nicht mehr die Chance habe, den Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Ja, ich beneide Sie nicht um diese Situation. Trotzdem. Oder gerade deswegen, ist die Aufgabe des klassischen Journalismus wichtiger denn je.

Irgendwie müssen Sie eine Möglichkeit finden, gut zu recherchieren – check, recheck, doublecheck. Wir müssen uns auf Ihre Information verlassen können. Wir müssen uns darauf verlassen können, dass das, was wir lesen nicht fake news sind. Und wenn Sie einen guten Kommentar dazu haben, welcome! Aber ich möchte sicher sein, dass das stimmt, was da steht.

Für den Bestand und die Weiterentwicklung der liberalen Demokratie sind freie, unabhängige Medien und Journalistinnen und Journalisten, die ihren Beruf ernst nehmen, unabdingbar.

Die Wiener Polizeidirektion vor 160 Jahren konnte die Gründung der Concordia behindern, aber nicht verhindern. Sie konnte auf Dauer nicht verhindern, dass Sie, liebe Journalistinnen und Journalisten, in politisch bewegten Zeiten der Politik mancherlei Verlegenheit bereiten.

Und daher resümiere ich zuversichtlich: Guter Journalismus ist nicht klein zu kriegen.

Vielen Dank

160 Jahre Presseclub Concordia 7. November 2019

Copyright: Carina Karlovits/HBF