TV-Ansprache von Bundespräsident Alexander Van der Bellen zum Nationalfeiertag 2026.
Liebe Österreicherinnen und Österreicher und alle, die in Österreich leben:
Dobra večer!
Dober večer!
Jó estét kívánok!
Guten Abend!
Das war jetzt Kroatisch, Slowenisch, Ungarisch und Österreichisch. Unsere offiziellen Amtssprachen.
Ich hoffe, Sie hatten einen schönen Nationalfeiertag.
Aber was genau feiern wir heute?
Heute vor 71 Jahren beschloss der österreichische Nationalrat die militärische Neutralität Österreichs.
Und heute vor 71 Jahren war der erste Tag, an dem nach Ende des Zweiten Weltkrieges keine fremden Truppen mehr auf unserem Hoheitsgebiet stehen durften.
Ein großer Tag, ein wichtiger Tag für unser Land und alle, die hier leben.
Denn wir waren nun wirklich frei und eigenständig. Wir waren endlich eine freie, liberale Demokratie geworden. Diese Freiheit hat auch bedeutet, dass wir wieder volle Verantwortung für unser Miteinander und für unsere Zukunft hatten.
Endlich!
Heute können wir uns kaum mehr vorstellen, welches Lebensgefühl das gewesen sein muss.
Vor uns war die Zukunft wieder offen, hoffnungsfroh und hell.
Hinter uns lag die dunkle Zeit der dreißiger Jahre und des Krieges.
Jahre, in denen eine menschenverachtende, rechtsextreme Ideologie, der Nationalsozialismus, Menschen in „wertvoll“ und „wertlos“ eingeteilt hatte. „Wertvoll“ und „wertlos“ für einen konstruierten „deutschen Volkskörper“, der möglichst „rein“ sein sollte, wobei das mörderische Regime willkürlich bestimmte, wer „rein“ genug war.
Wer dazu gehörte, hatte nichts zu befürchten. Wer nicht dazu gehörte, hatte alles zu befürchten. Diese Menschen wurden verfolgt, eingesperrt, deportiert, gequält, getötet.
Der Firnis der Zivilisation war verschwunden. Dem Regime war alles erlaubt. Es ging gegen Minderheiten, gegen Menschen, die treu ihrem Glauben oder ihrer humanitären Überzeugung ihre Mitmenschen geschützt und verteidigt haben. Und am Ende stand der Holocaust, das Menschheitsverbrechen schlechthin, an dem auch viele Österreicher mitschuldig waren.
All das im Namen eines völkischen Reinheitswahns, der nichts mit der Wirklichkeit des Menschseins und Österreichs Geschichte und Identität zu tun hatte.
Denn Österreich war immer schon ein Ort der Begegnung von Menschen unterschiedlichster Herkunft, vor allem aus den verschiedensten Ecken der ehemaligen Monarchie.
Man hörte hier schon um 1900 Deutsch, Tschechisch, Polnisch, Ruthenisch, Bosnisch, Kroatisch, Serbisch, Slowenisch, Slowakisch, Ungarisch, Italienisch und Rumänisch.
Das waren alles gängige Sprachen, ganz zu schweigen von Romani, Jiddisch, Wienerisch und all den anderen Dialekten der schönen österreichischen Sprache. In Tirol etwa hat ja jedes Tal einen eigenen Dialekt.
DAS ist die Realität des Menschseins, das ist Österreich und das ist unser friedliches Europa.
Und auch heute zählen wir Kroatisch, Ungarisch, Slowenisch, Tschechisch, Slowakisch und Romani zu Sprachen der Volksgruppen. Erweitert um die vielen, vielen Sprachen, die in den letzten Jahrzehnten dazu gekommen sind.
Ja, im Herzen Europas ist man einander immer schon begegnet, hat sich ausgetauscht und voneinander profitiert. Schauen wir uns viele unserer Familiengeschichten an.
Making of “TV-Ansprache” (Foto: Peter Lechner/HBF).
Meine Damen und Herren,
Die Zweite Republik ist eine einzige Erfolgsgeschichte!
Möglich wurde sie, weil wir gelernt haben. Wir haben gelernt, dass es geradewegs in den Abgrund führt, wenn man sich als Volk spalten lässt und unversöhnlich andere zu Feinden erklärt, verspottet, erniedrigt und verfolgt.
Wir haben gelernt, im Geiste der Lagerstraße gute Kompromisse zu finden und aufeinander zuzugehen. Auf diese guten Kompromisse, auf diese Bereitschaft, den ersten Schritt aufeinander zuzugehen, haben wir die Zweite Republik gebaut.
Und auch wenn wir uns mit vielen neuen Themen und Veränderungen konfrontiert sehen:
Lassen wir uns unsere Heimat doch nicht schlechtreden.
Ich glaube nach wie vor, dass der gute Kompromiss - diese Haltung: „Wir werden uns schon einigen“- das gute österreichische Erfolgsrezept ist.
Ich glaube nach wie vor, dass das Fundament, auf dem dieses Land gebaut ist, stark und tragfähig ist:
Die Menschenrechte.
Die österreichische Bundesverfassung.
Gegenseitiger Respekt und Zusammenarbeit.
Lassen wir uns nicht einreden, dass nur gewisse Menschen in Österreich „das wahre Volk“ sind. Lassen wir uns nicht spalten.
Das Volk sind schon wir alle.
Egal, wen wir wählen. Egal, wen wir lieben. Egal, woran wir glauben. Egal, welcher Minderheit oder welcher Mehrheit wir angehören.
Wir alle sind das Volk. Wir gehören zusammen und wie in einer Familie können wir einen Weg finden, friedlich und respektvoll miteinander zu leben. Wenn wir bereit sind, aufeinander zuzugehen und uns selbst im anderen zu erkennen. Denn nur gemeinsam haben wir die Kraft und Macht, die Zukunft zu einem schöneren Ort für uns alle zu machen.
Und es gibt viel zu tun.
Wenn wir zueinander finden, wenn wir gute Kompromisse finden und nicht stur auf der eigenen Meinung beharren, können wir alles schaffen.
Guten Abend und bis bald!