Teilnahme von Bundespräsident Alexander Van der Bellen gemeinsam mit dem Präsidenten der Republik Lettland, Edgars RINKĒVIČS, am Europäischen Forum Alpbach

»Europa ist die Antwort«

Teilnahme von Bundespräsident Alexander Van der Bellen gemeinsam mit dem Präsidenten der Republik Lettland, Edgars RINKĒVIČS, am Europäischen Forum Alpbach

Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen 
für die Forum Alpbach Eröffnung

„Europa ist die Antwort“

26. August 2025

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Guten Abend, meine Damen und Herren!  

Schön, hier zu sein. In Alpbach. Genauer gesagt: beim 80. Europäischen Forum Alpbach – ich gratuliere! 

Und – weil Premiere als neuer Präsident des Forums – ein besonderes Hallo, lieber Othmar Karas. 
 

Alpbach als Wegweiser – aber wohin? 

Viele große, unser aller Leben verändernde Ideen und Projekte Wurden an solchen Orten wie hier in Alpbach geboren, an Orten, wo Menschen zusammenkommen und über die Zukunft nachdenken. 

Alpbach ist prädestiniert dafür, so ein Geburtsort, so ein Wegweiser zu sein. 

Aber die Frage ist ja: wohin? 

In welche Richtung wollen wir als Europäische Union denn überhaupt gehen? 

Und in welche Richtung kann Österreich als Teil der EU gehen? 

Jeder, der sich schon einmal verlaufen hat, weiß, was man tut, wenn man sich orientieren will. 

Genau: sich umschauen! 
 

Ungarn 

Schauen wir in die eine Richtung, sehen wir zum Beispiel ein Nachbarland, in dem die Medienfreiheit zunehmend beschnitten wird. In dem Rechtsstaat und Justiz untergraben und Grundrechte eingeschränkt werden. In dem Veranstaltungen wie die Pride-Parade verboten werden. Ein Land, das keine liberale Demokratie mehr ist. 

Ist das unsere Richtung? 

Oder schauen wir lieber weiter, ob wir einen anderen Weg finden? 
 

Lettland 

Da muss ich von hier aus nicht lange suchen – denn hier in der ersten Reihe sitzt ein ganz besonderer Gast: Der lettische Präsident Edgars Rinkēvičs.  

 Vielen Dank, dass Sie gekommen sind. 

Lettland grenzt direkt an Russland. 

Es befindet sich damit Tür an Tür mit einem Land, das einen brutalen Angriffskrieg führt und von einem russischen Großreich träumt. 

Wer eine so große Gefahr direkt vor der eigenen Haustüre sieht, weiß, dass es eine schlechte Idee ist, ihr ganz alleine gegenüberzustehen. 

In Lettland ist den allermeisten Menschen klar, dass man starke Bündnisse schafft, dass man sich Freunde an die Seite holt, dass man innerhalb der EU zusammenhilft. 

Wie wir alle wissen, spielt das Baltikum eine entscheidende Rolle für die Sicherheit der EU. Stichwort: Nordostflanke. 

Aber wir, als starke Gemeinschaft, spielen auch eine entscheidende Rolle für die Sicherheit des Baltikums! 

Wir, die Europäische Union, sind 450 Millionen Menschen. Wir sind ein starkes Bündnis, egal, welche Gefahr vor der Haustüre steht. 

Und die Menschen in Lettland wissen das: Sie sind wahre EU-Fans.[1] In Lettland wird die EU als Lösung begriffen. 
 

Seien wir ein bisschen mehr wie das Baltikum! 

Man spürt einen Enthusiasmus für Europa. 

Einen Drive nach vorne, ein ehrliches Ringen um junge, qualifizierte Leute. 

Einen Schub in der Digitalisierung, der Landesverteidigung – und vielen anderen Bereichen. 

Ich finde, so ein Enthusiasmus, so ein Ringen, so ein Schub, das würde uns hier in Österreich auch guttun. 

Wenn es also um die Orientierung Österreichs in der EU geht, würde ich sagen: 
 

Seien wir doch ein bisschen mehr wie das Baltikum! 
 

Und das sage ich jetzt nicht nur, weil ich estnische Wurzeln habe. Sondern weil diese Länder in wichtigen Fragen das tun, was Not tut. 

 

 


[1] hohe Zustimmung: 82 % der Befragten geben an, sich voll und ganz oder teilweise als Bürger:in der Europäischen Union zu fühlen (Statista-Umfrage, Frühjahr 2025).

 

Auf den Weg machen 

Meine Damen und Herren, 

wir stehen vor großen Fragen: 

Wie retten wir das Klima – und damit uns Menschen? Wie sichern wir Wohlstand und Gesundheitsversorgung? Haben wir einen Plan für den Umgang mit der Künstlichen Intelligenz? Wie gehen wir mit Migrationsbewegungen um? Und: Wie verteidigen wir uns im Notfall gegen Kriegstreiber? 

Und es gibt auf keine dieser Fragen eine einfache Antwort. 

Was aber auf jeden Fall substantieller Teil dieser Antworten sein muss, ist Europa. 

Wir brauchen den gegenseitigen Rückhalt, die gebündelte Kraft, das vereinte Europa. 

Weder Österreich noch Lettland noch irgendein anderes einzelnes EU-Land, egal wie groß oder mächtig, wird diese Fragen allein lösen können. 

Aber: Österreich und Lettland, alle EU-Staaten gemeinsam, können das durchaus! 

Nur als souveräne Gemeinschaft, als ein starkes, vereintes Europa können wir Antworten auf die wichtigen Fragen unserer Zeit finden. 

 

Machen wir uns auf den Weg 

Und lassen Sie sich von einem alten Bergfex noch eines sagen: Es ist gut zu wissen, wohin man will. Aber: Orientierung ist nicht alles. Man muss sich schon auch auf den Weg machen. 

Ich bin jetzt seit 2017 Bundespräsident, seit 30 Jahren ist Österreich Teil der Europäischen Union, seit 80 Jahren gibt es das Europäische Forum Alpbach. Jahr für Jahr treffen sich Menschen hier in Alpbach, voller Begeisterung für die Europäische Idee. Aber Begeisterung allein reicht nicht. 

Wir müssen schon auch dafür sorgen, dass diese Begeisterung nicht hier in den Tiroler Bergen als Echo verhallt. 

Sondern dass sie überall spürbar wird. 

Europa ist nicht nur die Idee von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Europa ist, was wir aus dieser Idee machen

Wie wir diese Idee umsetzen.

Wir können heute frei reisen, weil 1985 das Schengener Abkommen unterzeichnet wurde. Wir können mit der gleichen Währung bezahlen, weil sich die EU-Staaten darauf geeinigt haben. Und wer weiß, was für Möglichkeiten uns in Zukunft erwarten. 

Die EU ist die größte Kompromisswerkstatt der Welt, in der aus unterschiedlichsten Interessen, die sonst zerstörerisch aneinander gekracht sind – wir erinnern uns, etwas völlig Neues, Wunderbares entsteht. 

Nur dank dieser Kompromisse leben wir heute so gut, wie wir eben leben. 

Und all unsere Werte wie Humanismus, individuelle Ermächtigung, politische Teilhabe und Akzeptanz sind nur so viel wert wie das, was wir dafür tun. 

Also. Liebes Alpbach, 

die Orientierung haben wir schon einmal, aber jetzt: 

Machen wir uns auf den Weg! 

Vielen Dank. 

Speech by Federal President Alexander Van der Bellen

at the Opening of the European Forum Alpbach 2025

“Europe is the answer”

Good evening,ladies and gentlemen! 


It’s a pleasure to be here.
In Alpbach.
More precisely: at the 80th European Forum Alpbach — my congratulations! And — since it’s your first appearance as the Forum’s new President — a special hello, dear Othmar Karas. 

Alpbach as a signpost — but to where?

Many great ideas and projects that change all our lives were born in places like this in Alpbach, in places where people come together and think about the future. Alpbach is predestined to be such a birthplace, such a signpost. But the question is: where does this signpost lead us? In which direction do we, as the European Union, actually want to go? And in which direction can Austria as part of the EU go? Anyone who has ever lost their way
knows what to do when they want to get their bearings. Exactly: look around! 

Hungary

If we look one way, we see, for example, a neighbouring country where media freedom is increasingly curtailed. Where the rule of law and the judiciary are undermined and fundamental rights restricted. Where events such as the Pride parade are banned. A country that is no longer a liberal democracy. Is that our direction? Or should we keep looking to find another path? 

Latvia

From here I don’t have to look far — because in the front row sits a very special guest: the Latvian President, Edgars Rinkēvičs.
Thank you very much for coming. Latvia shares a direct border with Russia. It lives next door to a country that is waging a brutal war of aggression and dreams of a renewed Russian empire. Anyone who sees such a grave danger right on their own doorstep knows it is a bad idea to face it entirely alone. In Latvia it is clear to the vast majority of people that you forge strong alliances, that you bring friends to your side, that within the EU you pull together. 

As we all know, the Baltic states play a decisive role in the EU’s security.
Key word: the north-eastern flank. But we, as a strong community, also play a decisive role in the security of the Baltics! We, the European Union, are 450 million people.
We are a strong alliance, no matter what danger stands on the doorstep. And the people in Latvia know this: they are true fans of the EU.
In Latvia, the EU is understood as the solution

Let’s be a little more like the Baltics!

You can feel an enthusiasm for Europe. A drive forwards, an honest effort to attract young, qualified people. A real boost in digitalisation, in national defence — and in many other fields. 
I believe such enthusiasm, such striving, such momentum would do us good here in Austria as well. So, when it comes to Austria’s orientation within the EU, I would say: let’s be a little more like the Baltics!

And I don’t say that just because I have Estonian roots. I say it because these countries, on important issues, do what is necessary. 

Setting out

Ladies and gentlemen,
we face major questions: How do we save the climate — and thus humankind?
How do we secure prosperity and healthcare?
Do we have a plan for dealing with artificial intelligence?
How do we handle migration movements?
And:
How do we defend ourselves, if need be, against warmongers? And none of these questions has a simple answer. But what must, in any case, be a substantial part of those answers
is Europe. We need mutual support, our combined strength, a united Europe. 

Neither Austria nor Latvia, nor any other individual EU country, no matter how large or powerful, will solve these questions alone. But: Austria and Latvia, all EU states together, certainly can! Only as a sovereign community, as a strong, united Europe, can we find answers to the pressing questions of our time. 

Let’s get going 

And let an old mountaineer tell you one more thing: it is good to know where you want to go.
But: orientation is not everything.
You also have to get going. I have been Federal President since 2017, Austria has been part of the European Union for 30 years, the European Forum Alpbach has existed for 80 years. Year after year, people meet here in Alpbach, full of enthusiasm for the European idea. But enthusiasm alone is not enough. We must also ensure that this enthusiasm does not fade away here in the Tyrolean mountains as an echo, but that it can be felt everywhere.

Europe is not only the idea of liberty, equality and fellowship.

Europe is what we make of that idea. 

How we put that idea into practice. Today we can travel freely because the Schengen Agreement was signed in 1985.
We can pay with the same currency because the EU Member States agreed to it.
And who knows what opportunities await us in the future. 

The EU is the world’s greatest workshop of compromise, where the most diverse interests —which have in the past crashed destructively into one another, as we recall — are forged into something entirely new and wonderful. Only thanks to these compromises do we live today as well as we do. 
And all our values — such as humanism, individual empowerment, political participation and acceptance — are only worth as much as what we do to uphold them. So.

Dear Alpbach,

we have our bearings, at least — but now: let us get going! 
Thank you very much.  

 Teilnahme des Bundespräsidenten sowie des estnischen Präsidenten Edgars Rinkēvičs am Europäischen Forum Alpbach 26. August 2025
Teilnahme des Bundespräsidenten sowie des estnischen Präsidenten Edgars Rinkēvičs am Europäischen Forum Alpbach 26. August 2025

Fotos: Peter Lechner/HBF