Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen beim Festakt »30 Jahre Nationalfond für die Opfer des Nationalsozialismus«.
Meine Damen und Herren!
„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ So lautet der erste Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Ein unverzichtbares Fundament unserer Demokratie. Und doch ist es nur 80 Jahre her – nicht mehr als die Spanne eines Menschenlebens –, dass eben nicht alle Menschen gleich waren, dass die Würde des Menschen doch antastbar war: Die Nationalsozialisten haben Verbrechen begangen, die man im von der Aufklärung geformten, hoch zivilisierten Europa für undenkbar gehalten hatte. Nach 1945 herrschten in Österreich darüber lange Schweigen und Verdrängung.
Erst 1991 bekannte der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky vor dem Nationalrat ausdrücklich die Mitverantwortung von Österreicherinnen und Österreichern an den NS-Verbrechen.
Österreich trägt Verantwortung.
Als klares und dauerhaftes Zeichen dafür wurde 1995 der Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus eingerichtet. Zu seinen wichtigsten Aufgaben gehören seither die Anerkennung und Unterstützung aller österreichischen Opfer des Nationalsozialismus. Egal, aus welchem Grund sie verfolgt waren: Unter ihnen Jüdinnen und Juden, Roma und Sinti, Opfer politischer Verfolgung, Kärntner Sloweninnen und Slowenen, Zeugen Jehovas und viele andere, die Opfer typisch nationalsozialistischen Unrechts geworden sind. Für viele der unter dem NS-Regime Entrechteten und Verfolgten war es gerade das Gespräch und der Kontakt mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Nationalfonds, das ihnen möglich machte, sich wieder als Teil Österreichs zu fühlen.
Anerkennung des Leids ist zur Linderung des Traumas unerlässlich.
Als ich 2003 unter dem damaligen Nationalratspräsidenten Andreas Khol Mitglied im Komitee des Nationalfonds war, habe ich selbst erlebt, wie wichtig diese späte Anerkennung ist. Nicht nur für die Überlebenden und ihre Familien, sondern auch für das historische Selbstverständnis des heutigen Österreich. Und wenn ich als Bundespräsident im Rahmen des Jewish Welcome Service Überlebende, ihre Kinder und Enkel bei mir in der Hofburg begrüße, dann spüre ich oft ihre tiefe Verbundenheit mit ihrer alten Heimat Österreich. Zu dieser Verbundenheit hat der beständige Brückenbau durch den Nationalfonds wesentlich beigetragen.
Festakt 30 Jahre Nationalfonds im Österreichischen Parlament (Foto: Peter Lechner/HBF).
Über die Jahre hat der Nationalfonds viele weitere Schritte der tätigen Verantwortung gesetzt: Etwa durch die Förderung von Projekten, die die Erinnerung bewahren und zu einer Sensibilisierung in der Gesellschaft beitragen. Oder durch die Shoah Namensmauern Gedenkstätte, mit der die Erinnerung an die jüdischen Opfer einen sichtbaren Platz im Gedächtnis unseres Landes gefunden hat. Erst vor kurzem war ich dort, gemeinsam mit meinem deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier.
Oder auch durch die neue österreichische Ausstellung im Staatlichen Museum in Auschwitz-Birkenau, die deutlich macht, wie wichtig das beständige und immer neue Lernen aus der Geschichte ist. Erinnerung an die Ermordeten ist ein Prozess, der niemals abgeschlossen ist.
Erinnerung bedeutet Anerkennung.
So hoffe ich sehr, dass für alle Opfergruppen ein Ort des würdigen Gedenkens entsteht. Ein Ort, der für manche Nachkommen die Funktion eines Grabsteins hat, ohne dass es ein tatsächliches Grab gibt. Er drückt die Haltung der Republik und der Gesellschaft aus, und hat somit eine hohe Bedeutung für uns alle.
Heute leben nur mehr wenige Zeitzeuginnen und Zeitzeugen – ihre Erinnerungen und was sie aus bitterer Vergangenheit gelernt haben, drohen wieder verloren zu gehen. Wenn wir uns die Welt im Jahr 2025 ansehen, dann müssen wir erkennen, dass Rassismus und Antisemitismus auch im neuen Jahrtausend nicht überwunden sind. Im Gegenteil: Gewalt und Irrationalität sind weltweit auf dem Vormarsch. Demokratie und Rechtsstaatlichkeit stehen vor wachsenden Herausforderungen. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte wurde 1948 beschlossen, unter dem noch frischen Eindruck der nationalsozialistischen Gräueltaten. Jenen – ich zitiere – „Akten der Barbarei, die das Gewissen der Menschheit mit Empörung erfüllen“. Sie bezog ihre Kraft aus der lebendigen Erinnerung. Wir brauchen heute mehr denn je Institutionen wie den Nationalfonds. Als Hüter der Erinnerung:
Um uns daran zu erinnern, dass Unvorstellbares jederzeit wieder passieren kann, wenn wir nicht wachsam sind. Um uns daran zu erinnern, dass Freiheit und Demokratie nicht selbstverständlich sind und dass jede Generation aufs Neue lernen muss, sie wertzuschätzen, zu bewahren und entschlossen zu verteidigen.
Gesellschaftliche Veränderungen geschehen oft unmerklich. In kleinen Schritten, die kontinuierlich unsere Lebenswelt formen. Der Nationalfonds mit seinen engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat im Laufe der vergangenen 30 Jahre viele Menschen erreicht.
Meine Damen und Herren,
Sie alle haben wertvolle Beiträge geleistet, um unser Land zum Besseren hin zu verändern. Sie alle haben vielen einst Verfolgten vermittelt, dass sie wieder ein Teil Österreichs sind.