Im Gespräch mit ORF.at kommentiert Bundespräsident Heinz Fischer sein Künstlerporträt („ordentlich“) und erzählt die Geschichte seiner markanten Frisur. Im Umgang mit Staats- und Regierungschefs, in deren Ländern Menschenrechte mit Füßen getreten werden, gibt er sich geschäftsmäßig. Ansonsten wird gerne gelacht. Die Hauptsache für ihn: ein authentisches Bild abgeben.
ORF.at: Wie gefallen Sie sich auf dem Porträt von Platon?
Heinz Fischer: Das ist ein ordentliches Foto, an dem nichts auszusetzen ist. Es gibt so viele Fotos. Bei manchen hat man das Gefühl, es ist besonders ansprechend. Das ist ein gut gemachtes, professionelles Foto, an dem ich nichts auszusetzen habe.
ORF.at: Wie verändern Macht oder ein hoher Status einen Menschen?
Fischer: Im Idealfall möglichst wenig. Ich finde es für einen Politiker wichtig, dass er authentisch bleibt, dass er er selbst bleibt, dass er nicht gecoacht wird in seinem Äußeren; dass er die gleiche Kleidung trägt wie früher, dass er sich nicht die Haare färben lässt und so weiter. Ich bin ein Anhänger davon, dass man an sich nichts verändert. Man soll sich so präsentieren, wie man ist. Es gibt auch andere Beispiele, Fälle, wo sich auch das Benehmen und der Charakter verändern, wo autoritäre Züge stärker zum Vorschein kommen. Das ist umso gefährlicher, je mehr es sich tatsächlich um ein autoritäres Regime handelt. In funktionierenden Demokratien ist das Gott sei Dank weniger dramatisch, weniger intensiv.
ORF.at: Sie sagen, man soll authentisch bleiben. Markant ist bei einem Menschen seine Frisur. Ihre Frisur ist Ihr Markenzeichen, Sie tragen sie schon lange. Gibt es eine Geschichte dazu? Entstammt sie einer Jugendkultur, gab es Vorbilder?
Fischer (lacht): Da war nie irgendetwas besonders Bewusstes dabei. Wenn ich Kinderfotos von mir anschaue, habe ich einen Scheitel und ein Spangerl. Meine Mutter hat mich, ich glaube bis zu meinem 13. Lebensjahr, mit Spangerl in die Schule geschickt. Aufgehört habe ich, Spangerl zu tragen, als ich Fußball gespielt habe. Da war das völlig unbrauchbar. Dann habe ich einen Friseur gehabt als Student, der hinter dem Gartenbaukino sein kleines Geschäft gehabt hat. Das war der Freund eines Schwagers von mir. Zu dem bin ich hingegangen, und er hat mir ohne besondere Umstände die Haare geschnitten, das ist recht rasch gegangen. Ich habe sehr dichtes Haar gehabt. Seit 40 Jahren schneidet mir meine Frau die Haare, sie macht das sehr gut und hat nichts an der Frisur geändert. Die Frisur ist Produkt häuslicher Körperpflege. Das letzte Mal hat sie mir die Haare am Sonntag vor dem Opernball geschnitten.
ORF.at: Also haben Sie demzufolge keinen Stylingberater und niemanden, der für Maniküre, Schminke oder Ähnliches verantwortlich ist?
Fischer: Habe ich nicht. Und keine gefärbten Haare. Und keine gestylten Haare. Bei uns ist alles sehr natürlich und normal. Ich kann mich nur bei meiner Frau nicht revanchieren, indem ich ihr die Haare schneide - sie geht zum Friseur. Aber bei mir genügt das offenbar. Das war schon so, bevor ich Bundespräsident war, und das haben wir beibehalten.
ORF.at: Pressebilder von Ihnen sind oft von Freundlichkeit und einem fast schon schelmischen Gesichtsausdruck geprägt. Sie arbeiten viel mit Humor. Wenn Sie nun auf Staatsoberhäupter treffen, in deren Ländern Menschenrechte mit Füßen getreten werden, fällt es Ihnen dann schwer, die gute Miene aufrechtzuerhalten? Scherzt man da auch? Kann man sich auf den Charme, den solche Leute mitunter vielleicht trotz allem haben, einlassen?
Fischer: Das ist von Mensch zu Mensch sehr verschieden - und außerdem situationsgeprägt. Wenn Sie mit einem afrikanischem Staatspräsidenten sprechen, in dessen Land Menschenrechte sehr verletzt werden, dann hat das Gespräch meistens ein konkretes Thema - sonst kommt das Treffen ja gar nicht zustande. Da spricht man etwa über Probleme der Entwicklung der Afrikanischen Union oder über wirtschaftliche Themen oder über den Ausbau bilateraler Beziehungen. Das ist dann ein nüchternes, trockenes, sehr ernstes Gespräch.
Unter europäischen Präsidenten oder Ministerpräsidenten ist man oft gut befreundet. Den italienischen Präsidenten und die finnische Staatspräsidentin betrachte ich als Freunde. Mit denen gibt’s auch Scherze, Humor, man erzählt sich etwas Lustiges und spricht über die Familie. Das ist im anderen Fall nicht so. Ich glaube, je fremder die politische Struktur eines Landes ist, mit dessen Präsident man spricht, je weniger man ihn kennt, umso trockener und sachorientierter ist das Gespräch.
ORF.at: Sie sind jene lebende Person, deren Porträt im Land am weitesten verbreitet ist. Wie geht es Ihnen damit, das eigene Gesicht so oft zu sehen?
Fischer: Am Anfang war das sehr ungewohnt. Der radikalste Einstieg in diese Situation war der Wahlkampf, wo ich auf den Straßen gefahren bin und überall Plakate zu sehen waren. Die Fotos in Schulen oder Polizeiwachzimmern sehe ich erstens nicht so oft - ich bin nicht so oft auf einem Polizeiwachzimmer (lacht) oder in einem Gerichtssaal. Zweitens ist das ein Foto, das ich kenne, das ich selbst mit ausgesucht habe, das mir vertraut ist. Das ist nichts, was mir besondere Probleme bereitet oder besonders auffällt.
Wenn ich einen Bürgermeister am Gemeindeamt besuche, und das kommt in der Tat häufiger vor, und sehe das Bild, denke ich mir: "Das ist eine nette Geste, dass er das Bild in seinem Büro aufgehängt hat. Ich freue mich darüber und gehe locker damit um. Es ist ja nicht irgendein Meuchelfoto, ein Bild, das mich zusammenzucken lässt. Es ist ein Porträt, das vor acht Jahren beim Amtsantritt im Jahr 2004 gemacht worden ist, an das ich mich so gewöhnt habe, dass es mir gar nicht mehr besonders auffällt.
Das Gespräch führte Simon Hadler, ORF.at