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”Fischer mahnt Manager”, NEWS, 13.12.2007

13.12.2007 | Interviews und Beiträge

”Fischer mahnt Manager”, NEWS

Bundespräsident.Heinz Fischer appelliert an Spitzenmanager und die Regierung: Mehr Einkommensgerechtigkeit.

NEWS: Herr Bundespräsident, Sie empfangen hier in der Hofburg immer wieder viele Besucher. Vor einiger Zeit haben Sie unwissentlich einem Terrorverdächtigen die Hand geschüttelt. Macht Ihnen das Angst?

Heinz Fischer: Ich habe keine Angst, weil ich glaube, dass unsere Sicherheitsvorkehrungen das Menschenmögliche leisten. Außerdem muss man sich bewusst sein, dass der Begriff "Terrorverdächtiger" im konkreten Fall ja nicht bedeutet, dass das jemand war, der an irgendwelchen Vorbereitungen für Terrorakte beteiligt gewesen ist. Sondern der vom Gericht bisher nicht bestätigte Vorwurf lautet, er habe Geld für humanitäre Einrichtungen im Gazastreifen gesammelt, von denen allenfalls für die Hamas etwas abgezweigt wurde.


NEWS: Trotzdem ermittelt der Verfassungsschutz schon seit ein paar Jahren gegen die konkrete Person …

Fischer: Sie haben mich gefragt, ob ich mich gefährdet fühle, und meine Antwort ist: nein.

NEWS: Das heißt, Sie wollen sich in Ihrer bisherigen Offenheit nicht einschränken oder nicht verbarrikadieren?

Fischer: So ist es. Ich bleibe bei meinem Arbeitsstil und bei meinem Kontakt mit der Bevölkerung, den wir uns in den letzten Jahren erarbeitet haben. Diesen Stil möchte ich beibehalten.

NEWS: Apropos Arbeitsstil: Die Koalition ist seit fast einem Jahr im Amt und hat immer wie- der mit Dauerstreitereien und wechselseitigen Lähmungen für Unmut gesorgt. Wie sehen Sie die Arbeit Ihrer Wunschkoalition?

Fischer: Ich glaube, dass ich richtig handle, wenn ich mich nicht in erster Linie an der Begleitmusik mancher politischer Auseinandersetzungen orientiere, sondern mir die konkreten Ergebnisse für Österreich ansehe. Man darf nicht übersehen, dass die Arbeitslosigkeit in Österreich erfreulicherweise signifikant gesunken ist und dass es eine Reihe wichtiger Maßnahmen wie etwa das Projekt Mindestlohn und Grundsicherung gibt. Es gibt auch die Deckelung der Rezeptgebühren und die Verlänge- rung der sogenannten Hacklerregelung. Es gibt echte Anstrengungen im Bildungsbereich, und wir arbeiten intensiv an Projekten der Europäischen Union mit. Das sind Errungenschaften, die man anerkennen muss. Dass die politische Kultur gleichzeitig verbesserungsfähig ist, wissen wir alle.

NEWS: Woran liegt es dann, dass die Bevölkerung unzufrieden mit der Arbeit dieser Bundesregierung ist?

Fischer: Ich glaube, dass man nicht so verallgemeinern darf. Aber eine gewisse Unzufriedenheit ist nicht zu leugnen, und vielleicht liegt das daran, dass die äußere Form der Auseinandersetzungen stärker wahrnehmbar ist als die Resultate der politischen Entscheidungen. Wir haben eine Situation, in der nicht nur die Opposition die Regierung kritisiert, wie es das gute Recht und die Aufgabe der Opposition ist, sondern wo auch die Regierungsparteien in nicht unbeträchtlichem Ausmaß Kritik aneinander üben.

NEWS: Trotzdem geht es nicht nur um den Stil der Regierung, sondern auch um Inhalte. Die Arbeitslosenzahlen sind zwar besser geworden, gleichzeitig rutschen aber immer mehr Menschen in die Armut ab, während Managergehälter immer mehr steigen. In Deutschland ist darüber bereits eine Debatte entbrannt. Wäre es nicht auch an der Zeit, sie in Österreich zu führen?

Fischer: Ich stehe aus Überzeugung seit Jahrzehnten immer auf der Seite derer, die den Kampf gegen die Armut und gegen die weitere Öffnung der Einkommensschere zwischen den obersten und untersten zehn oder zwanzig Prozent führen. Das Größerwerden dieser Differenz zwischen Arm und Reich ist eine Entwicklung, die mir Sorgen macht. Das ist aber nicht primär ein Versäumnis der österreichischen Bundesregierung, einer Landesregierung, der Gewerkschaften oder der Wirtschaftskammer, sondern das Resultat eines ungezügelten Wettbewerbs. Das Konkurrenzprinzip der Marktwirtschaft funktioniert nach der Devise: Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu. Das heißt, die Obersten in der Einkommenshierarchie werden noch reicher, andere bleiben zurück, obwohl sie vielfach ebenfalls sehr wertvolle Leistungen erbringen. Ein Gegenargument, das häufig verwendet wird, lautet, dass der Wohlstand insgesamt steigt und Armut "relativ" wird. Das heißt, dass auch der Arme von der Wirtschaftskraft des Landes profitiert, auch wenn die Verteilung nicht optimal ist. Aber dieses Argument hat nicht unbegrenzt Gültigkeit.

NEWS: In Deutschland ist die Diskussion ja just von konservativer Seite entstanden. Bundespräsident Köhler und auch Deutschlands Kanzlerin Merkel haben sich gegen die Unverfrorenheit von Managern ausgesprochen, die völlig versagt haben und trotzdem Millionenabfindungen kassieren. Köhler plädiert dafür, bei Managern eine Einkommensobergrenze einzuziehen.

Fischer: Ich sehe das ähnlich. Ich glaube, wir müssen diesem Problem verstärkte Aufmerksamkeit widmen. Die Rechtfertigung, die ich vorher wiedergegeben habe, entbindet uns nicht der Verantwortung für eine vertretbare Einkommens- und Vermögensverteilung. Es geht auch um das Gerechtigkeitsgefühl. Wenn bestimmte Managergehälter explodieren und das Fünfzigfache des Gehalts einer Krankenschwester ausmachen, die ja auch harte Arbeit leistet, oder wenn für ein Unternehmen Rekordgewinne ausgewiesen werden und gleichzeitig Hunderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter "freigesetzt" werden, wie dieser verharmlosende Ausdruck lautet, dann ist das in den Augen der Bevölkerung ein Ärgernis - und zwar zu Recht.

NEWS: Das heißt, es soll eine Obergrenze für Managergehälter geben?

Fischer: Was ich mir wünsche, ist, die Frage gesunder sozialer Strukturen und die Fragen der Gerechtigkeit - auch der Leistungsgerechtigkeit - zu diskutieren und auch zu lösen. Ich bin für eine Leistungsgesellschaft, aber ich bin dagegen, dass diese aus den Fugen gerät und Spitzengehälter mit realer Leistung nichts mehr zu tun haben.

NEWS: Es gibt von Expertenseite jede Menge Kritik am neuen Asylgerichtshof und daran, wie diese Entscheidung durchgezogen wurde.



Fischer: Der Asylgerichtshof ist eine Maßnahme, die der Verkürzung der Dauer von Asylverfahren dient. Daher unterstütze ich diese Einrichtung. Aber für mich steht auch fest, dass die Diskussion nicht mit jener Gründlichkeit und Sorgfalt geführt wurde, die wünschenswert gewesen wäre. Ich weiß schon, dass man sich für diese Frage nicht so lange Zeit nehmen konnte wie etwa für die Diskussion über die Einrichtung der Volksanwaltschaft, da das eine Materie mit Dringlichkeit war. Aber die Dringlichkeit hätte nicht verhindern dürfen, wenigstens ein Begutachtungsverfahren zu machen, das ein höheres Maß an Einbindung der Betroffenen gewährleistet hätte.

NEWS: Der Fall Arigona hat das Land gespalten und bewegt. Ist es nicht bedenklich, wenn Menschen, die gut integriert sind, nach fünf Jahren abgeschoben werden?

Fischer: Wenn eine Familie mehr als vier oder fünf Jahre im Land ist, entsteht eine aus humanitärer Sicht fast unerträgliche Situation, wenn dann ein junger Mensch, der hier seinen Lebensmittelpunkt hat, der hier bestens integriert ist, der in die Schule geht, die Sprache spricht, das Land gerne hat, abgeschoben werden muss. Das ist eine menschliche Härte, und unser System muss es zustande bringen, dass Asylfälle nicht nur in einer guten österreichischen Tradition der Menschlichkeit entschieden werden, sondern auch, dass diese Entscheidungen innerhalb eines vertretbaren Zeitraumes fallen.

NEWS: Andere europäische Länder haben für jene Menschen, die länger als fünf Jahre in ihrem Land waren und gut integriert waren, bereits eine Generalamnestie erlassen. Sollte Österreich das nicht in den vielen offenen Fällen, die schon so lang da sind, genau so hand- haben?

Fischer: Ich habe nie von Generalamnestie gesprochen, aber folgende gut überlegte Vorgangsweise zur Diskussion gestellt: Bei jemandem, der schon vor dem Jänner 2000 nach Österreich gekommen und gut integriert ist, bei dem kein kriminelles Verhalten vorliegt und der einen Arbeitsplatz hat, sollten die Behörden positiv entscheiden. Damit würden einige Hundert Fälle in menschlicher Weise rasch entschieden, und die Behörden könnten sich schneller mit anderen Fällen befassen.

NEWS: Die Regierung hat neue Überwachungsmöglichkeiten für Internet und Handys quasi in einer Nacht- und-Nebel- Aktion beschlossen. Die Österreichische Liga für Menschenrechte kritisiert, dass die Grundrechte von der rot-schwarzen Koalition stärker gefährdet seien, als sie es seinerzeit von der schwarz-blauen Koalition waren. Ist es wirklich richtig, solche wichtigen Gesetze ohne Befassung des Parlaments zu beschließen?

Fischer: Es gibt in Österreich kein Gesetz - weder ein wichtiges noch ein unwichtiges -, das ohne Befassung des Parlaments beschlossen wird oder wurde. Sie meinen wahrscheinlich ohne Befassung des Innenausschusses. Und ich sage ganz klar, dass ich es für problematisch halte, wenn wichtige Teile des Sicherheitspolizeigesetzes ohne Ausschussberatung beschlossen werden - selbst wenn das von der Geschäftsordnung gedeckt ist. Aber wenn von Ihnen Vergleiche zwischen der rot-schwarzen Koalition und der schwarz-blauen Koalition angestellt werden, dann begeben Sie sich schnurstracks auf das Feld einer parteipolitischen Bewertung, und da werde ich Ihnen als Bundespräsident nicht folgen.

NEWS: Macht Ihnen, als Oberbefehlshaber des Bundesheeres, der bevorstehende Einsatz unserer Soldaten im akuten Krisengebiet Tschad Sorgen?

Fischer: Ich habe vorgestern einen Brief von einer Frau bekommen, deren Sohn sich für diesen Einsatz freiwillig gemeldet hat und die sich als Mutter Sorgen macht. Das kann ich gut verstehen. Aber gleichzeitig müssen wir, wenn wir es mit den Menschenrechten ernst meinen, auch mithelfen, in Flüchtlingslagern ein Minimum an Sicherheit zu schaffen und Übergriffe zu verhindern. Sollen wir wirklich sagen: Vorkehrungen gegen Gräueltaten, wie sie in jener Region passieren, sind nicht notwendig? Sollen wir wirklich nur sagen, das sollen die anderen machen? Das sind keine Antworten, die das letzte Wort sein dürfen.

NEWS: Im Sommer 2008 findet bei uns die Fußball-Europameisterschaft statt. Deutschland konnte die Weltmeisterschaft im Juli 2006 für einen veritablen Image-Schub nutzen. Wird das der heimischen Politik im Juni des nächsten Jahres auch hier gelingen?

Fischer: Wir werden uns alle sehr anstrengen, und wir sollten alle faire, disziplinierte Patrioten sein, die auch zu den Hymnen anderer Länder Beifall klatschen und nicht pfeifen. Wir werden alle an einem gemeinsamem Strang ziehen, und das gemeinsame Motto lautet: Sport hat sehr viel mit Fairness zu tun, und Österreich ist neben vielem anderen auch ein Land des Sports und der Fairness.

Interview: Isabelle Daniel, Tessa Prager

Ausgabe vom 13.12.2007

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