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"Es ist besser, sich jetzt zu informieren als nachher zu lamentieren"

12.09.2017 | Reden

In seiner Erklärung zur bevorstehenden Nationalratswahl fordert der Bundespräsident "gemeinschaftliches, verantwortungsvolles und längerfristiges Denken" ein


Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen von den Medien!

Bitte haben Sie Verständnis, dass ich mich in der Erklärung direkt an die Bürgerinnen und Bürger wende.
 

Liebe Österreicherinnen und Österreicher!

Viel wird dieser Tage über Stil und Anstand gesprochen und darüber, wer wem was nachsagt.
 

Ich möchte heute in aller Deutlichkeit alle agierenden Personen, aber auch alle Bürgerinnen und Bürger dazu auffordern, die Augen doch darauf zu richten, was wirklich zählt. 

Nämlich die Zukunft unseres Landes.

Das Wohlergehen Österreichs.

Unser aller Wohlergehen. 

Darüber werden wir bei der kommenden Wahl entscheiden. 


Üblicherweise wendet sich der Bundespräsident am Nationalfeiertag und zu Neujahr an die Bevölkerung. Aber diesen Herbst steht uns ein weiterer hoher Feiertag bevor:  

Am 15. Oktober wählt Österreich seinen Nationalrat. 

Und ich meine es ganz ernst, wenn ich sage:

Der Wahltag ist der höchste Feiertag, den eine Demokratie zu bieten hat.

Es ist ein Privileg, das Wahlrecht ausüben zu können und Ihre persönliche Wahl wird die Geschicke unseres Landes in der nächsten Zukunft mitbeeinflussen.

Das ist keine geringe Sache.

Ich bitte Sie daher, erstens unbedingt von Ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen und zweitens genau abzuwägen, bevor Sie Ihre Entscheidung treffen.

Fragen Sie sich dabei bitte nicht nur, wer Ihre persönlichen Interessen am besten vertreten wird.

Fragen Sie sich bitte auch, was für uns alle, für unser Land insgesamt am besten ist.

Das Gemeinwohl im Auge zu behalten, ist manchmal gar nicht so einfach.

Wir leben in Zeiten der Vereinzelung und des Eigennutzes. Unsere Gesellschaft ist zunehmend fragmentiert, verschiedenste Lebensentwürfe und Überzeugungen existieren nebeneinander.


Angesichts dieser Verschiedenheit fragt man sich in der Tat, was uns denn überhaupt noch zusammenhält.

Was hält uns zusammen?

Es ist nicht nur die bewegte Geschichte unseres Landes, nicht nur die Schönheit unserer Heimat, nicht nur unsere Bundesverfassung, nicht nur Dinge außerhalb unserer selbst.
Was uns zusammenhält, muss auch aus unserem Inneren kommen.

Aus dem Herzen jedes einzelnen Menschen:

Was uns zusammenhält, ist unsere Bereitschaft, füreinander da zu sein.

Ich bin der tiefsten Überzeugung, dass Gemeinschaft und auch Demokratie dort entsteht, wo wir bereit sind, über unseren Eigennutz hinauszudenken und das Wohlergehen des jeweils Anderen in Betracht zu ziehen.


Der Zusammenhalt beginnt dort, wo der Egoismus aufhört.

Er entsteht, wenn wir das Miteinander wollen.

Wenn Sie das wollen.

Wir leben auch in Zeiten, in der das kurzfristige Denken dominiert. Wir sind es gewohnt, Resultate unseres Handelns sofort sehen zu wollen. In vielen Unternehmen hat sich das Quartalsdenken eingebürgert, eine Art Wegwerfdenken, wo alles, was nicht in unmittelbarer Sichtweite ist, nicht mehr wichtig ist.

Ich halte eine solche Kurzfristigkeit im Denken und Handeln grundsätzlich für problematisch und
 für völlig unangebracht in der Politik.

Gerade die Zukunft unseres Landes, unseres Kontinentes und eigentlich unseres Planeten, müssen wir in größeren Zeiträumen denken.

Wir müssen die Auswirkungen unseres Handelns nicht nur auf die nächsten paar Wochen, Monate und Jahre berücksichtigen, sondern für die nächsten Generationen.

Wir müssen diese Welt in einem lebenswerten Zustand weitergeben an unsere Kinder und Enkel.


Die Arbeit einer zukünftigen Regierung wird sich also daran messen lassen müssen, ob ihre Entscheidungen dazu angetan sind, langfristig positive Effekte zu erzielen.

Eine Politikerin, ein Politiker muss die Welt durch die Augen der nächsten Generationen sehen können. Durch die Augen der Kinder. Durch die Augen der Enkel.

Zu tun gibt es in der Zukunft und für die Zukunft genug.


Etwa gilt es, am Gelingen des gemeinsamen europäischen Projekts mitzuarbeiten. Europa braucht uns. Und wir brauchen Europa.

Die Union beherbergt derzeit etwa sieben Prozent der Weltbevölkerung - bei sinkender Tendenz.

Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass unser Kontinent seine Bedeutung und sein Mitspracherecht in der Welt erhöht, wenn er sich wieder in vermeintlich autonomere, noch kleinere nationale Einheiten aufsplittert?

Kein Land - und davon bin ich überzeugt - ist in diesem Sinne eine abgeschottete Insel. 
Nicht einmal Großbritannien. 

U
nd ich spreche hier nicht alleine über die Wirtschaftsmacht, sondern auch über das Friedensprojekt Europa. Lassen Sie uns nicht vergessen, dass Frieden auf diesem Kontinent keine Selbstverständlichkeit ist, sondern das Resultat unseres gemeinsamen Wollens.

Dieses europäische Streben nach Frieden, geboren aus der Vernunft, möge auch der ganzen Welt nützen.

Ich werde das Meinige dazu beitragen, diesem Friedensgedanken auch über Europa hinaus zur Wirkung zu verhelfen.

Wir können die großen Probleme nur auf der europäischen Ebene und darüber hinaus gemeinsam lösen.

Zu den vordringlichsten dieser Probleme gehört sicher auch die Migration.

Ein Thema, das uns mit Sicherheit über die nächste Legislaturperiode hinaus begleiten wird und das mit kurzfristigen, reflexhaften Maßnahmen nicht zu lösen sein wird.

Auch hier braucht es gemeinschaftliches, verantwortungsvolles, längerfristiges Denken.

Dasselbe gilt auch beim fortschreitenden und für alle zunehmend spürbar werdenden
Klimawandel.

Die schockierende Hurrikan-Katastrophe in der Karibik und den USA, die immer häufigeren Hitzewellen in Europa oder das dramatische Schmelzen der Gletscher in den Alpen bringen viele zum Nachdenken.


Vielen von uns wird klar:

Wenn wir so weitermachen, werden unsere Kinder und Enkel nicht mehr wissen, was Schnee ist. Und das wäre dann noch unsere geringste Sorge.


Ich jedenfalls werde alles tun, was in meiner Macht steht, auf die Entscheidungsträger dieser Welt einzuwirken und für mehr Umwelt- und Klimaschutzbewusstsein zu werben.

Wir müssen in verschiedenen Bereichen umdenken und wir brauchen eine Regierung, der das bewusst ist.

Wie wollen wir uns zur zunehmenden
Digitalisierung all unserer Lebensbereiche stellen?

Wie halten wir’s mit einem der höchsten Güter unserer Gesellschaft, der
Bildung und Ausbildung?

Wie geben wir unserer
Wirtschaft und Arbeitswelt eine Perspektive, die über das nächste Quartal hinausreicht?

Wie bekämpfen wir die beständig größer werdende
Kluft zwischen Arm und Reich?


Mein Appell ist:
B
evor Sie wählen gehen, denken Sie bitte darüber nach, welcher der wahlwerbenden Parteien Sie am ehesten zutrauen, sich dieser Themen anzunehmen. 

Hundert Prozent einverstanden werden Sie selten sein.

Versuchen Sie tiefer hinter die mehr oder weniger interessanten Slogans zu blicken.

Investieren Sie doch einmal ein, zwei Stunden, um sich genauer zu informieren.

Das ist wohlinvestierte Zeit, denn es geht um unser aller Zukunft. Und es ist besser, sich jetzt zu informieren als nachher zu lamentieren.


Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

als Bundespräsident werde ich nach der Wahl darauf achten, dass die neue Regierung – wie immer sie aussehen wird, bei der Formulierung des Regierungsprogramms eines nicht aus den Augen verliert:

Österreich soll auch zukünftig ein Land im Herzen Europas, im Herzen der Europäischen Union sein.

Ein Land, in dem das Miteinander, der gegenseitige Respekt und die in unserer Verfassung verankerten Grundwerte der Kompass unseres Handelns bleiben.

Ich habe schon Verständnis dafür, dass es in der beginnenden Intensivphase dieses Wahlkampfs auch zu harten Auseinandersetzungen kommen kann.

Gerade deswegen möchte ich alle kandidierenden Parteien und auch die Kandidatinnen und Kandidaten ersuchen und auffordern:

Seien Sie sich im Interesse Österreichs bewusst, dass es nach dem 15. Oktober eine intakte Gesprächs- und Verhandlungsbasis zwischen den Parteien braucht.

Jetzt aber liegt es an uns allen, an
Ihnen, sich eine Meinung zu bilden und zu entscheiden, in welche Richtung unser Land in den nächsten Jahren gehen wird.

Es ist unsere Wahl.

Es ist
Ihre Wahl!


Lassen Sie uns optimistisch, lassen Sie uns mutig in die neuen Zeiten gehen.

Wie immer es wird, es wird uns weiterbringen. Ich bin da guter Dinge.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen für den 15. Oktober einen schönen Feiertag, einen Feiertag der Demokratie.

Vielen Dank.

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