Rootline Navigation

Geschichte

Die Wiener Hofburg

Seit 1946 beherbergt der sogenannte Leopoldinische Trakt der Hofburg die Österreichische Präsidentschaftskanzlei, den Amtssitz der österreichischen Bundespräsidenten. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie war mit dem Verfassungsgesetz von 1920 das Amt des Bundespräsidenten als höchstes in der Republik Österreich installiert worden. Das österreichische Staatsoberhaupt amtierte bis 1938 im Gebäude des jetzigen Bundeskanzleramtes auf dem Ballhausplatz. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Amtsräume der Präsidentschaftskanzlei schwer beschädigt. Als am 20. Dezember 1945 Dr. Karl Renner zum ersten Bundespräsidenten des neu erstandenen Österreich gewählt wurde, verlegte man seine Amtsräume und die gesamte Präsidentschaftskanzlei in die Hofburg.



Die Wiener Hofburg ist nicht wie andere kaiserliche Residenzen ein einheitlicher Bau, der dem Wunsch und Willen eines einzelnen Monarchen entsprungen ist. Vielmehr handelt es sich um ein im Lauf mehrerer Jahrhunderte allmählich entstandenes, gewissermaßen natürlich gewachsenes Denkmal altösterreichischer und vor allem habsburgischer Geschichte. Von Ferdinand I. (1521-1564), dem ersten Habsburger, der sich in Wien richtig heimisch fühlte, bis zu Franz Joseph I. (1848-1916), der die Weichen zur Weltstadt Wien stellte, hat fast jeder Herrscher der ursprünglich kleinen Anlage einen Flügel, einen Trakt oder eine reich geschmückte Front hinzugefügt. Meist geschah dies ohne besondere Rücksichtnahme auf den baulichen Zusammenhang, so dass sich das riesige Ensemble heute als scheinbar zufälliges Nebeneinander der verschiedensten Stilarten darstellt. Diese Eigenheit der Hofburg macht aber unter anderem ihren besonderen Reiz aus, wirkt sie dadurch doch wie eine einmalige und modellhafte Dokumentation der großen Vergangenheit Österreichs.



Die Burg als Festung

Die Wiener Hofburg hat sich den Charakter einer Burg - also eines festen Platzes mit Verteidigungsmöglichkeiten - durch all die Jahrhunderte bewahrt. Davon kann man sich auch heute noch überzeugen, wenn man um die zahlreichen Gebäude und das dazugehörige Vorfeld spaziert. Auf der Stadtseite sind die hohen Fassaden, in die das Augustinerkloster eingegliedert ist, durch Tore und Durchgänge unterbrochen, die alle mit massiven Riegeln verschließbar und wie die Fenster im Erdgeschoß durch schwere Gitter gesichert sind. Bei der Albrechtsrampe, einem der letzten Teile der alten Befestigungen (die ansonsten in den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts geschleift wurden), beginnen die nach Süden und Westen vorgelagerten Gärten, deren mächtige Gitter im großen Bogen bis zum Ballhausplatz reichen, wo sich der Kreis des gesicherten Burgbereichs schließt.

Kaiserliche Wohnungen

In den Annalen der Hofburg finden sich genaue Aufzeichnungen über die jeweilige Verwendung der unzähligen Räume des Burgkomplexes. Auffällig dabei ist, dass keine zwei Herrscher des Hauses Habsburg-Lothringen in denselben Räumen residierten. Stets war es ein anderer Trakt oder doch zumindest ein anderes Zimmer, in dem die jeweiligen Nachfolger arbeiteten und lebten.

Maria Theresia (1740-1780) bewohnte, wenn sie sich nicht in Schönbrunn aufhielt, mit ihrem Gemahl Franz I.(1745-1765) die gegen den Inneren Burghof gelegene Zimmerflucht des Leopoldinischen Traktes - benannt nach ihrem Großvater Leopold I. (1658-1705), der diesen besonders schönen Teil der Hofburg erbauen ließ; ihr Sohn Josef II. (1765-1790) arbeitete in den unmittelbar daneben gelegenen Räumen mit Aussicht auf die Gräben und Bastionen der Stadtbefestigung und auf die Baumgruppen des in luftiger Höhe angelegten „Paradeisgartls“. Heute befindet sich an dieser Stelle der Heldenplatz, der in dieser Form erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschaffen wurde. Josefs Bruder und Nachfolger auf dem Thron, Leopold II. (1790-1792), verbrachte seine kurze Regierungszeit im Amalientrakt, dem im 15. Jahrhundert erbauten und von Rudolf II. (1576-1612) umgebauten nordwestlichen Abschluß des Inneren Burghofs. Genau gegenüber, im Schweizerhof, dem ältesten, bereits 1279 urkundlich verbürgten und dann von Ferdinand I. (1521-1564) übernommenen und ausgebauten Flügel der Burg, schlug Franz II. (1792-1835), als Franz I. ab 1804 erster Kaiser von Österreich und zugleich bis 1806 letzter Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, sein recht bürgerliches Quartier auf, während sein Sohn Ferdinand (1835-1848) wieder den Leopoldinischen Trakt bevorzugte.

Sein Neffe und Nachfolger Franz Joseph I. (1848-1916), war der erste und einzige Monarch, der sich den architektonisch prunkvollsten Nordostflügel der Burg, die von Karl VI. (1711-1740) erbaute und erst Ende des 19. Jahrhunderts vollendete „Reichskanzlei“ zum Wohnsitz wählte. Karl I. schließlich, der letzte österreichische Kaiser (1916-1918), amtierte im Amalientrakt. Der Innere Burghof, auch Franzensplatz genannt, ist also buchstäblich ringsum von kaiserlichen Wohnräumen umsäumt.

Der Leopoldinische Trakt

Als Leopold I. im Jahr 1657 zunächst die Regierung der habsburgischen Erblande antrat, ging er alsbald daran, sich auf dem Burggelände einen eigenen repräsentativen Palast zu erbauen. Die Wunden des Dreißigjährigen Krieges begannen zu vernarben, Österreich war auf dem Wege, eine Großmacht zu werden, die Nähe der Türken schien nicht mehr drohend genug, um von Investitionen in der Grenzstadt Wien  abzuschrecken. 1660 waren die Pläne der italienischen Baumeister des Kaisers Burnacini und Luchesi fertig und genehmigt, der Bau, der zwischen der alten Burg und dem Amalientrakt den zukünftigen Burghof nach Südwesten gegen die Vorstädte Wiens hin begrenzen sollte, konnte beginnen. Sechs Jahre später war er vollendet und der Kaiser konnte mit seiner ersten Gemahlin Margarita Teresa von Spanien feierlich einziehen. 

 ]

Die Freude dauerte allerdings nicht lange: Nach zwei Jahren, 1668, brannte der neue Palast bis auf die Grundmauern nieder, die kaiserliche Familie samt Mutter und Schwestern rettete sich mit knapper Not. Am schwersten traf dieses Unglück die Wiener Juden, die wieder einmal der Brandstiftung bezichtigt und aus der Residenzstadt vertrieben wurden.

Kaiser Leopold I. verzichtete aber nicht auf seinen einmal gefassten Plan. Der Wiederaufbau wurde noch im gleichen Jahr in Angriff genommen und schon 1670 konnte der Hof wieder einziehen; fertiggestellt wurden die Arbeiten schließlich 1681. Vorsichtshalber wurden gleichzeitig die im Süden und Südwesten vorgelagerten Befestigungen verstärkt, was sich 13 Jahre später als sehr nützlich erweisen sollte, als nun doch die Türkenheere bis vor die Haupt- und Residenzstadt Wien gelangt waren und diese belagerten. Am Burgwall und an der Spanischen Bastei brachen sich die gefährlichsten Angriffe.



Diesen, nach seinem Erbauer „Leopoldinischer Trakt“ genannten Burgflügel wählte sich dessen Enkelin Maria Theresia zum Wohnsitz, obwohl die inzwischen unter der Regentschaft ihres Vaters Karl Vl. begonnene „Reichskanzlei“ weit größere Möglichkeiten für eine repräsentative Prachtentfaltung geboten hätte. Für derartige Zwecke allerdings wählte die Kaiserin Schloss Schönbrunn, das die immer licht- und lufthungrige Fürstin auch sonst bevorzugte. Als Wohnung für die Wintermonate befahl sie, den Leopoldinischen Trakt entsprechend zu adaptieren und im Geschmack ihrer Zeit prächtig aber doch wohnlich einzurichten.

Adaptierung unter Maria Theresia

Die baulichen Veränderungen waren nicht groß, aber für die Kaiserin charakteristisch: In der „Beletage“ wurden neue, höhere Fenster ausgebrochen, die man nach Herzenslust aufreißen konnte. Auch die von Karl VI. begonnene „Schwarze Adlerstiege“ wurde hell und luftig ausgebaut, so dass man die bisherigen engen Stiegenhäuser und „Schneckenstiegen“ den Domestiken und „Kammermenschern“ überlassen konnte. Im übrigen ersparte sich die mit zunehmendem Alter schwerfällig gewordene Kaiserin das Stiegensteigen schließlich ganz: 



Vom Vorplatz der Burg, dem heutigen Heldenplatz, fuhr ihr Wagen auf einer Rampe steil hinauf auf die Krone des Burgwalls, der den Platz im Westen begrenzte und senkrecht zum Leopoldinischen Trakt, an dessen schmale Westseite anstoßend, in der Richtung auf die „Vorstadt“ verlief. So erreichte sie bequem die „Bellaria“, einen auf dem Wall fußenden Vorbau des Traktes, dessen Eingang in der Höhe des zweiten Stockwerks lag und direkt in die kaiserlichen Appartements führte. Die heute benützte Parterreeinfahrt in den Vorbau, die nach wie vor „Bellariator“ genannt wird, ist erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert erbaut worden, nachdem Burgwall und „Paradeisgartl“ im Zuge des Ringstraßenbaues abgetragen worden waren. Die heute noch „Bellaria“ genannte Straße hat also ihren Namen nach jenem luftigen und mit einem großen Balkon versehenen Anbau der Burg und nicht etwa umgekehrt. Die Straße und ihre Fortsetzung, die Burggasse, erinnern bis zum heutigen Tag daran, dass hier der einzige von außen her direkt zur Burg führende Weg verlief.

Man muss sich darüber klar sein, dass selbst in einer kaiserlichen Wohnung der damaligen Zeit keine jener Einrichtungen vorhanden war, die heute zum selbstverständlichen Wohnkomfort zählen. In der ganzen Burg (nebenbei bemerkt, auch im Schloss Schönbrunn bis zum Tode Franz Josephs) gab es keine Toilette und kein Badezimmer: der ominöse Leibstuhl und die transportable Badewanne aus Holz mussten auch den höchsten Herrschaften genügen. Um so mehr Wert legte man auf eine ordentliche Heizung: Die herrlichen Barocköfen des Leopoldinischen Traktes, Meisterwerke der Keramik, reichten in den überhohen Räumen der kaiserlichen Appartements vom Boden bis zur Decke. Die kaiserlichen Hof-Ofenheizer waren angesehene Leute in verantwortungsvoller Stellung, aber es war ihnen verboten, die Wohnzimmer zu betreten. Die mächtigen Buchenscheite wurden von einem Heizgang, der zwischen den beiden Zimmerfluchten des langen Gebäudes verlief, in die Öfen geschoben. 


Seit 1946: Sitz der Präsidentschaftskanzlei

Als die Präsidentschaftskanzlei im Jahre 1946 von der ehemaligen Geheimen Hofkanzlei, dem Palais Kaunitz und heutigen Bundeskanzleramt, in den Leopoldinischen Trakt übersiedelte, wurden die Öfen untersucht und für intakt befunden. Aber die Installierung einer Zentralheizung erwies sich als wesentlich billiger als das Heizen mit Holz. Der nun überflüssig gewordene Heizgang konnte daher zur Errichtung jener sanitären Anlagen verwendet werden, ohne die selbst ein kaiserlicher Palast heutzutage als unbewohnbar gelten muss.