Treffen mit "Caritas-Kindern" in Lissabon

»Wir erinnern uns an eines der schönsten Kapitel in der Geschichte der Beziehungen zwischen Portugal und Österreich.«

Bundespräsident traf in Lissabon ehemalige österreichische »Caritas-Kinder«. Über 5.000 österreichische Kinder wurden nach dem Zweiten Weltkrieg von portugiesischen Gastfamilien aufgenommen.

Es waren emotional bewegende Momente in einem höchst festlichen Rahmen. Bundespräsident Alexander Van der Bellen traf am Dienstag während seines Staatsbesuchs in Portugal mit ehemaligen österreichischen "Caritas-Kindern" der Nachkriegsjahre und deren damaligen portugiesischen Gastfamilien zusammen.

"Wir erinnern uns an eines der schönsten Kapitel in der Geschichte der Beziehungen zwischen Portugal und Österreich", meinte der Bundespräsident.

Nach einer Filmvorführung über Einzelschicksale und Erinnerungen mancher "Crianças austriacas da Caritas" und dem Besuch einer kleinen Ausstellung zu den "Caritas-Kindern" kam es im Prunksaal des Lissaboner Außenministeriums zu einem Wiedersehen der ehedem kleinen - und heute schon etwas betagten - Schützlinge aus Österreich und ihren Wohltätern (oder deren Nachkommen) aus Portugal.

Das kleine Land im Westen der Iberischen Halbinsel war im Zweiten Weltkrieg neutral und damit von den Wirren der Verwüstungen verschont geblieben. Portugal ging es damals - zumindest von der Versorgungslage her - vergleichsweise gut. Die österreichische Caritas und ihre damals eben erst gegründete Schwesternorganisation in Portugal schickten zwischen 1947 und 1956 insgesamt 5.402 Mädchen und Buben zu portugiesischen Pflegefamilien.

Die Aktion wurde auch durch den portugiesischen Diktator António de Oliveira Salazar gefördert. Er hatte ab 1932 (und letztlich bis 1968) einen vom Katholizismus gekennzeichneten hierarchischen Ständestaat etabliert, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 im Zuge der Neuordnung Europas international salonfähig werden wollte. Die Kinder wurden auf Grundlage von Kriterien wie Unterernährung, Krankheit oder Wohnverhältnisse ausgewählt. Die meisten stammten aus den urbanen Zentren Österreichs, wo die Versorgung mit Nahrungsmitteln oft prekär war.

Sie wurden mit Großtransporten mit der Eisenbahn über die Pyrenäen sowie über den Seeweg - mit dem Zug bis zum italienischen Hafen Genua und dann mit dem Schiff bis Lissabon - nach Portugal gebracht und waren somit meist rund eine Woche unterwegs. In Lissabon erfolgte die Verteilung auf verschiedene portugiesische Diözesen.

Die Unterbringung der "Caritas-Kinder" erfolgte zwar in allen sozialen Schichten, großteils gehörten die Familien jedoch der gehobeneren Mittelschicht an. Die gute Ernährungslage sowie das milde Klima förderten die rasche Erholung der kleinen Gäste aus Österreich, die sich durchschnittlich sechs Monate bis ein Jahr lang in Portugal aufhielten. Probleme gab es laut Zeitzeugen allenfalls bei der Ausbildung, weil ein Schulbesuch in Portugal für die Gastkinder nicht verpflichtend war.

"Es war eine glückliche Zeit", erinnerte sich auch Zeitzeuge Alois Sablatnig mit einem Schmunzeln, "ich musste nicht zur Schule gehen. Aber ich habe in Portugal damals viel gelernt. Zum Beispiel, wie man Sardinen isst." Aber auch seine Gastfamilie habe ihn damals viel fürs Leben gelehrt", erinnerte sich Sablatnig. Daher sei er über die Jahre auch immer wieder zurückgekommen. Er verehre Portugal, fügte der mittlerweile in Kanada lebende Sablatnig auf Portugiesisch dazu. Doch würden ihm in allen Sprachen die Worte fehlen, um dem Land und seinen Leuten die Dankbarkeit auszudrücken.

Seitens der ehemaligen Gastfamilien erinnerte der Unternehmer Antóno Amorim an ein ehemaliges "Caritas-Kind": Gerhard Schießer. Dieser wuchs später geschäftsmäßig in das Kork-Imperium der Familie Amorim hinein und ermöglichte es dieser, über ein Joint Venture von Österreich aus den osteuropäischen Markt zu erobern.

In manchen Fällen stand in den 1950ern sogar eine mögliche Adoption im Raum, der aber von den österreichischen Eltern im Normalfall nicht zugestimmt wurde. Dokumente über die Aktion gibt es laut Kathpress unter anderem in den Akten der Caritas im Archiv der Katholischen Privat-Universität Linz.

Viele Pflegekinder hielten auch später persönliche Kontakte nach Portugal. Seit Mitte der 2000er-Jahre wurden auch über die in Österreich bestehenden Vereine ehemaliger "Portugal-Kinder" verlorene Kontakte wieder hergestellt. Die österreichische Botschaft in Lissabon erinnerte in den vergangenen Jahren u.a. mit einer Wanderausstellung an die "Caritas-Kinder" und unterstützte auch wissenschaftliche Forschungsarbeiten zur damaligen Hilfsaktion.

Zwei Buchprojekte ("Das Land der Orangen" von Rosario Alçada Araújo sowie "Rezepte des Lebens" von Rosário Worisch Alvim), ein Filmprojekt der Regisseurin Susana de Sousa Dias sowie eine Dissertation der portugiesischen Historikerin Ana Pinho sind bisherige Ergebnisse dieses Engagements.

Daher konnte der Bundespräsident anlässlich des Wiedersehens mancher "Caritas-Kinder" mit ihren portugiesischen Schwestern und Brüdern den Dank Österreichs für diese "bemerkenswerte und großzügige Geste" ausdrücken, die "für immer in unseren Erinnerungen und Herzen bleiben wird". Weil: "Hier in Portugal lernten diese traumatisierten Kinder wieder Kinder zu sein." Die Geschichte der Caritas-Kinder sei sowohl in Österreich als auch Portugal noch zu wenig bekannt, bedauerte indes Familienministerin Ines Stilling in ihrer Rede.

Der Bundespräsident war am Dienstag in Lissabon mit Präsident Marcelo Rebelo de Sousa zusammengetroffen, am Mittwoch stand die Teilnahme an einem österreichisch-portugiesischen Wirtschaftsforum am Programm. Weiters wird Van der Bellen vom Parlamentspräsidenten Eduardo Ferro Rodrigues und Bürgermeister Fernando Medina empfangen.

Quelle: APA
 

Treffen mit ehemaligen "Caritas-Kindern" und Vertretern der portugiesischen Gastfamilien, 18. Juni 2019

Fotos: Peter Lechner/HBF