Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen beim Festakt "50 Jahre Südtirol-Paket" im Schloss Tirol in Meran

»Südtirol ist für mich eine Herzensangelegenheit«

Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen beim Festakt »50 Jahre Südtirol-Paket«.

Egregio Signor  Presidente!

Lieber Herr Landeshauptmann Kompatscher!

Lieber Herr Landeshauptmann Platter!

Werte Festgäste!

Stimati ospiti d‘onore!

Bun de a düc canc!

 

Herzensangelegenheit

 

Meine Damen und Herren,

Sie wissen vielleicht, dass ich im Kaunertal aufgewachsen bin. Wenn Sie von hier über das Vinschgau hinauffahren, dann über den Reschenpass drüber, dann sind Sie schon fast im Kaunertal.

Südtirol ist daher für mich nicht nur eine politische Angelegenheit.

Südtirol ist für mich eine Herzensangelegenheit.

Und mir ist wichtig: Österreich wird auch künftig an der Seite Südtirols stehen.

Daher stehe ich heute gerne hier und feiere mit Ihnen gemeinsam den 50. Geburtstag des Südtirol-Pakets.

Und es freut mich ganz besonders, dass ich mit Ihnen hier stehe, egregio Signor Presidente Mattarella.

Das ist nicht ganz selbstverständlich. Sie haben schon erwähnt, dass wir beide schon vor zwei Jahren gemeinsam hier waren bei der Feier zu 25 Jahre Streitbeilegungserklärung. Hier in Meran.

Das ist ein Zeichen unserer guten nachbarschaftlichen Beziehungen.

Ich weiß nicht, ob es jemand im Auditorium aufgefallen ist, was ich auf dem Revers trage: Ein italienisches Ehrenzeichen und Präsident Mattarella trägt ein österreichisches Ehrenzeichen. Ein kleines Symbol unserer Verbundenheit.

Rückblick

 

Erinnern wir uns zurück: Vor genau 50 Jahren, in den Morgenstunden des 23. November 1969, entschied sich die Landesversammlung der Südtiroler Volkspartei im Meraner Kursaal mit knapper Mehrheit für die Annahme des Südtirol-Pakets. Lange, mühevolle Verhandlungen zwischen den Außenministern Österreichs und Italiens waren vorangegangen. Viele waren damals skeptisch. Heute aber steht fest: Das Paket war entscheidend für die moderne Autonomie Südtirols.

Wir alle, Südtirolerinnen und Südtiroler, Italienerinnen und Italiener, Österreicherinnen und Österreicher, können auf das gemeinsam Erreichte stolz sein. Gemeinsam haben wir die zerstörerischen Kräfte des Gegeneinanders überwunden. Gemeinsam haben wir erreicht, dass Südtirol heute ein blühendes und friedliches Land ist.

 

Der Wendepunkt

 

Mit dem Südtirolpaket brach eine neue Ära in der Autonomiepolitik an. Eine neue Ära auch in den Beziehungen zwischen Österreich und Italien. Das Paket und seine Durchführungsmaßnahmen waren der Wendepunkt.

Die Südtirol-Politik wendete sich vom Konflikt, der auch mit Gewalt ausgetragen wurde, wie wir wissen, hin zum Gespräch und zum ehrlichen Bemühen um Lösungen.

 

Historische Weitsicht

 

Ich bin der historischen Weitsicht der damals Beteiligten sehr dankbar. Sie sahen ein, dass eine tragfähige Lösung nur durch das mutige Zusammenwirken der kooperativen Kräfte möglich ist.

Durch das Zusammenspiel der Angehörigen der drei Sprachgruppen, der Politikerinnen und Politiker des Landes, sowie der Repräsentanten Italiens und Österreichs.

Vor allem aber durch die Bevölkerung selbst.

Durch die Bevölkerung, die das gemeinsam lebt, mit Leben erfüllt.

St. Germain und die Folgen

 

Meine Damen und Herren,

wir erinnern uns heute auch an das Jahr 1919. Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren schwierig und hart. Die Konsequenzen des Vertrags von Saint Germain brachten der Bevölkerung unsägliches Leid:

Durch die Abtrennung von Österreich durch das menschenverachtenden Regime der Faschisten und Nationalsozialisten.

 

Option

 

Die Optionsregelung von Hitler und Mussolini 1939 verschärfte die Situation noch zusätzlich. Und die Konflikte sind teilweise quer durch die Familien gegangen. Sie brachte die Menschen gegeneinander auf, sie spaltete die Gesellschaft tief.

 

Gruber-De Gasperi-Abkommen

 

Nach dem 2. Weltkrieg begann mit dem Gruber-De Gasperi-Abkommen 1946 ein neues, erfreulicheres Kapitel für Südtirol.

Der multilaterale Rahmen der Vereinten Nationen leistete dazu einen wichtigen Beitrag.

Die Streitbeilegungserklärung 1992 beendete nicht nur einen langen Verhandlungsprozess. Sie erleichterte auch Österreichs Weg in die Europäische Union.

Österreichs Schengen-Beitritt und die Abschaffung der Grenzkontrollen machten 1998 die Staatsgrenzen für uns alle weniger fühlbar.

Und die Euregio Tirol – Südtirol – Trentino bringt die Menschen näher zusammen.

 

Funktion der Autonomie

 

Meine Damen und Herren!

Die wesentliche Funktion der Autonomie ist und bleibt der Schutz der Sprache, Kultur und Tradition der deutsch- und ladinisch-sprachigen Bevölkerung; sowie ihrer sozialen und wirtschaftlichen Grundlagen.

Sie ermöglicht ein friedliches Zusammenleben aller drei Bevölkerungsgruppen.

 Vorzeigemodell

 

Die Autonomie Südtirols - ich trage Eulen nach Athen - ist heute ein international anerkanntes Vorzeigemodell für einen gelebten Minderheitenschutz, der allen Seiten zugutekommt. Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Südtirols ist beeindruckend. Alle Bevölkerungsgruppen profitieren von ihr.

Ich bin überzeugt, es ist die gemeinsame Verantwortung Österreichs und Italiens, die eigenständige Entwicklung Südtirols zum Schutz der Sprache, Kultur und Tradition zu garantieren. Es bleibt unsere Aufgabe, die Autonomie weiterzuentwickeln und den aktuellen Lebensbedingungen und Bedürfnissen anzupassen.

Gemeinsam, im gegenseitigen Respekt und indem wir das Einende vor das Trennende stellen!

 

 

Sehr geehrter Herr Staatspräsident!

Egregio Signor Presidente!

Im Juli konnte ich Sie zu einem Staatsbesuch in Wien und Salzburg begrüßen.

Heute freue ich mich sehr, mit Ihnen gemeinsam an diesem Festakt teilzunehmen. Das ist über unser gutes persönliches Verhältnis hinaus, ein Beweis für die engen nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Österreich und Italien. Ein Beweis der guten Gesprächsbasis und des gegenseitigen Verständnisses.

 

Meine Damen und Herren!

Südtirol ist ein ganz besonderes Land. Es verbindet Österreich und Italien auf besondere Weise. Wir können mit Stolz auf das gemeinsam Erreichte zurückblicken.

Und ich bin überzeugt: Wir können mit Zuversicht in eine gute Zukunft Südtirols blicken.

Danke

Festakt "50 Jahre Südtirol-Paket" 23. November 2019

Fotos: Peter Lechner/HBF