Das Pietra-dura-Zimmer: Die hohe Kunst des Steinschnitts

Von der Ferne sehen sie aus wie Gemälde. Erst bei näherer Betrachtung eröffnet sich die ganze künstlerisch-technische Brillanz und Raffinesse dieser Werke aus dem 18. Jahrhundert. Sie sind alle aus edlen Steinen gefertigt und bilden ein einzigartiges Ensemble.

Adelige Damen und edle Herren in farbenprächtigen Roben sind auf den Bildern an der Wand ebenso zu sehen wie ländliche Frauen in gerafften Röcken oder einfache Hafenarbeiter in längs- oder quergestreiften Jacken und Hosen.

So vielfältig wie die dargestellten Menschen sind die Szenerien, in denen sie sich bewegen: in Ruinen, bei Jagden, beim Militär, bei verschiedenen Ball- oder Kartenspielen, am Land, oder am Ufer eines Schiffshafens. Auch die fünf Sinne (sehen, hören, schmecken, riechen, tasten) sind dargestellt, die verschiedenen Lebensalter, und sogar vier der Kontinente.

Das Pietra-Dura-Zimmer in der Präsidentschaftskanzlei

Fotos: HBF/Carina Karlovits

Die 67 Wandbilder im Pietra-dura-Zimmer der Präsidentschaftskanzlei haben eines gemeinsam: Sie sind keine Gemälde, sondern Wandtafeln aus Stein. Hergestellt wurden sie Mitte des 18. Jahrhunderts in Florenz, in den berühmten „Pietre-dure-Werkstätten“.

„Pietra dura“ (ital. „harter Stein“) bzw. „Florentiner Mosaik“ ist die allgemein gebräuliche Bezeichnung für die Kunst der Verlegung von Bildern oder Ornamenten aus harten Steinsorten. Zu Plättchen geschnitten und wie Mosaike zusammengesetzt, ergeben die Steine erstaunliche Kompositionen. Keine Fugen sind zwischen den einzelnen Fragmenten zu sehen, so perfekt und fein, geschickt und genau arbeiteten die Steinschneider.

Jeder einzelne Stein des Mosaiks trägt mit seiner speziellen Eigenheit, seiner Härte und Färbung, seinen Schattierungen, Linien und Flecken zur Darstellung der Szene bei. Himmel aus farbigem Marmor, Kleider aus Lapislazuli und Jaspis, Meereswellen aus Achat - der Stein selbst ist der „Pinsel“ des Künstlers.

Früher war das Pietra-dura-Zimmer in der Präsidentschaftskanzlei das delikat eingerichtete Audienzzimmer von Kaiserin Maria Theresia (1717-1780). Erst 1842, mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod, kamen die Bilder hierher. Franz Stephan von Lothringen (1708-1765), Maria Theresias Ehemann, hatte die exquisite Sammlung angelegt.

Neben den 67 Bildern an der Wand gibt es heute im Pietra Dura-Zimmer noch Schränke und Tische zu sehen, hergestellt in derselben Handwerkskunst. Der markanteste unter ihnen ist ein Prunktisch mit einer wundervollen Platte aus Lapislazuli. Entworfen von Giuseppe Zocci (1711 - 1767) ist er dem Element „Wasser“ gewidmet und zeigt einen dreidimensional wirkenden Kranz mit Muscheln, Korallen und gewundenen Schneckengehäusen.

Die Bilder- und Möbelsammlung im Pietra-dura-Zimmer ruft bei den Besucherinnen und Besucher regelmäßig großes Staunen hervor. Die hohe Kunst des Steinschnitts beeindruckt auch die Menschen des 21. Jahrhunderts.