Rede zum Gedenken am Ort des einstigen Leopoldstädter Tempels

»Vielleicht werden wir nie ganz verstehen, wie das alles geschehen konnte«

Gedenken am Ort des einstigen Leopoldstädter Tempels: Rede von Alexander Van der Bellen bei der Gedenkveranstaltung anlässlich »80 Jahre Novemberpogrom«

Exzellenz! Sehr geehrte Frau Botschafterin des Staates Israel Talya Lador-Fresher!

Sehr geehrte Repräsentantinnen aus Religion, Politik und Kultur!

Besonders herzlich begrüßen, möchte ich die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen bzw. ihre Familien!

Meine Damen und Herren!

 

 

Hier, an dem Platz, an dem der große Leopoldstädter Tempel stand, der schrecklichen Ereignisse vor 80 Jahren zu gedenken, ist für uns alle, und darunter auch mich, sehr bewegend. Es war schrecklich, wie der Mob Synagogen, Bethäuser, Wohnungen und Geschäfte zerstörte und verwüstete.

Es geht uns aber noch mehr darum, der Menschen zu gedenken, die gedemütigt, gequält, vertrieben oder ermordet wurden. Einige Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und deren Familien sind heute Abend hierhergekommen. Einige sind extra aus dem Ausland angereist. Seien Sie herzlich willkommen. Und Danke, dass wir heute Abend mit Ihnen gemeinsam gedenken dürfen.

Ich danke Ihnen, dass Sie Ihre persönlichen Erinnerungen an die Verbrechen der Nationalsozialisten mit uns teilen. Damit ermöglichen Sie uns, wenigstens im Ansatz zu spüren und zu fühlen, was es bedeutet, nicht nur einer menschenverachtenden Ideologie, sondern einer hasserfüllten Masse ausgeliefert zu sein.

Dieses Gedenken hat aber auch große Bedeutung für ganz Österreich.

Vielleicht werden wir nie ganz verstehen, wie das alles geschehen konnte.

Die Nazis schafften es, für bestehende Probleme Sündenböcke, scheinbar Schuldige zu finden. Sie schafften es, aus Nachbarinnen und Nachbarn Feinde zu machen. Menschenwürde, Grundrechte und schlichte Moral wurden sukzessive in der öffentlichen Meinungsbildung in den Hintergrund gedrängt, herabgesetzt. Das Novemberpogrom war ja nicht der erste gewalttätige Ausbruch gegen Jüdinnen und Juden. Und es war erst der Vorbote für weitere schreckliche Schritte:

Die Vertreibung und Ermordung von Jüdinnen und Juden (und anderer Österreicher).

Mit diesen Verbrechen wurde eine bleibende Wunde in die Österreichische Gesellschaft geschlagen. Diese Zeit stellt einen zivilisatorischen Bruch dar, der wenige Jahre zuvor undenkbar gewesen wäre.

Seit der Befreiung Österreichs von der NS-Herrschaft ringen wir immer wieder und auf unterschiedliche Weise mit dem Gedenken an diese Zeit, mit den Lehren daraus für heute, und nicht zuletzt mit dem Umgang mit den betroffenen Menschen und deren Nachkommen

Für mich leitet sich daraus eine klare Vorgabe ab:

Wir haben Verantwortung den Menschen gegenüber, die von hier vertrieben wurden. Unrecht kann nicht ungeschehen gemacht werden. Wir können jedoch auf unterschiedliche Weise die Menschen, die der Verfolgung ausgesetzt waren, bestmöglich unterstützen, sodass sie etwa einen würdevollen Lebensabend verbringen können.

Wichtig ist auch das öffentliche Anerkennen des Leids, das Sie erfahren mussten!

In diesem Zusammenhang möchte ich dem Team des Psychosozialen Zentrums ESRA für die Initiative zu dieser Gendenkveranstaltung sehr danken.

Ich danke auch dafür, dass wichtige Organisationen und Institutionen sich daran beteiligen. Noch mehr möchte ich ESRA dafür danken, dass Sie sich der Überlebenden der NS-Verfolgung und vieler anderer, zumeist traumatisierter Menschen seit 24 Jahren annehmen und sie professionell betreuen und beraten.

Wir haben aber auch noch eine andere Verantwortung:

Das Gedenken, das oft wiederholte „Niemals wieder“, und das „Niemals vergessen“, darf nicht zur Pflichtübung oder zur Floskel verkommen. Wir müssen die Geschichte als Beispiel sehen, wohin Sündenbockpolitik, Hetze, Ausgrenzung führen können.

Geschichte wiederholt sich niemals 1:1, aber achten wir auf allfällige Ähnlichkeiten, auf Parallelen. Seien wir wachsam, dass es niemals wieder zu Demütigung, Entrechtung und Verfolgung in unserem Land oder in Europa kommen kann.

Seien wir uns des hohen Wertes von Grund- und Freiheitsrechten und von Menschenrechten bewusst!  Aber in der liberalen Demokratie, gilt es diese ständig aufs Neue zu verteidigen.

Ich danke Ihnen allen, dass Sie heute Abend hierhergekommen sind.

Ich ersuche jetzt, die bereits vorhin angesprochene Lichtinstallation des Jüdischen Museums Wien hier an der Straße erstmalig zu erleuchten, zugleich mit 24 weiteren Lichtinstallationen an Orten, an denen Synagogen und Bethäuser bis zum Novemberpogrom standen. Möge diese Lichtinstallation zur Bewusstseinsbildung der Menschen beitragen und als Mahnung wahrgenommen werden. Ich bitte Sie nun, abschließend mit mir für einige Momente der Ereignisse des Novemberpogroms und des Leids der Verfolgten, der Vertriebenen und der Ermordeten still zu gedenken.

Vielen Dank!

Gedenkveranstaltung 80 Jahre Novemberpogrom

Fotos: Peter Lechner/HBF