Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen beim Festakt 25 Jahre ESRA im Wiener Rathaus

25 Jahre ESRA - Psychosoziales Zentrum

»Was wir nicht feiern können, ist das Ende des Leidens der Überlebenden.«

Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen  anlässlich des „25 Jahre ESRA“ - Festakts im Wiener Rathaus

 

Sehr geehrte Festgäste!

Meine Damen und Herren!

 

Erinnern Sie sich an die Foto-Installation von Luigi Toscano im Frühjahr dieses Jahres? Entlang des Zaunes, zwischen Ringstraße und Hofburg, standen knapp 100 Portraits.

Jedes rund zwei Meter hoch. Offen, frei zugänglich, für alle sichtbar.

Jedes Portrait erzählte ein Leben. Es waren erschütternde Geschichten von Opfern des Nationalsozialismus, die heute verstreut in der ganzen Welt leben.

Als Überlebende konnten sie sich dem Künstler öffnen, während er sie einfühlsam portraitierte.

 

Gegen das Vergessen

„Gegen das Vergessen“ hieß das Projekt,  das Luigi Toscano zusammen mit ESRA in Wien initiierte. Ich hatte den Ehrenschutz übernommen und die Wander-Ausstellung eröffnet.

Es waren berührende Momente, und ein tiefes, inneres Mitfühlen mit den Betroffenen und ihrem Schicksal.

Die spätere mehrmalige, bösartige Zerstörung einiger Porträts machte zunächst fassungslos.

Die danach spontan gebildete Mahnwache zum Schutz der Ausstellung war für mich dann aber ein ermutigendes Zeichen: Wir lassen nicht zu, dass Dummheit, Unbelehrbarkeit, Hass und Ignoranz sich ungeniert wieder breitmachen.

Diese Ausstellung war nur ein Beispiel für die Arbeit von ESRA:

Immer wieder werden Möglichkeiten für die Öffentlichkeit geschaffen, sich mit der österreichischen Geschichte und deren Folgen für Betroffene auseinanderzusetzen. Es geht ESRA dabei auch um den Einsatz für Menschenrechte und Menschenwürde. Um die Stärkung von Sensibilität und um einen schärferen Blick auf die Gegenwart und die Gefahren von Hass, Gewalt und Rassismus.

 

Ich selbst wurde 1944 geboren. Ich habe das mörderische Unrechtsregime der Nationalsozialisten nicht selbst erlebt oder erlitten. Aber ich habe immer wieder Überlebende dieser Zeit persönlich kennen gelernt. Ich habe viele Einzelschicksale von Flucht und Vertreibung gehört.

Beispielsweise letztes Jahr, als ESRA den 80. Jahrestag des Novemberpogroms mit einem großen Gedenkakt in der Tempelgasse beging: Gäste aus Israel und den USA waren hier, und ich kam mit ihnen ins Gespräch. Sie wurden selbst aus Wien vertrieben, oder ihre Eltern mussten flüchten. Oft bin ich sprachlos von der Bereitschaft zur Versöhnlichkeit und zur Verbundenheit mit der alten Heimat.

Meine Damen und Herren!

Wir feiern nächstes Jahr 75 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges. Wir feiern das Ende des NS-Regimes und die Befreiung Österreichs. Wir feiern das Ende der Verfolgung von Jüdinnen und Juden, Roma und Sinti, von Homosexuellen und von Widerstandskämpferinnen und -kämpfern und jenen zahllosen anderen Menschen, deren Existenz das Regime als „wertlos“ befand.

Wir feiern die Rettung von tausenden Menschen, die 1945 in Lagern oder im Versteck noch am Leben waren.

Aber:

Was wir nicht feiern können, ist das Ende des Leidens der Überlebenden.

Für viele Betroffenen, und vielfach auch für ihre Nachkommen, endet der Horror des Erlebten nie. Der Schock, die Angst, die Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit. Die Traumata mit all den körperlichen und seelischen Folgen.

 

Bedeutung von ESRA

Seit 25 Jahren kümmert sich ESRA um solche Menschen. Das ist die Kernaufgabe, für die wir unendlich dankbar sind.

Es ist offensichtlich, und wir haben es ja auch heute wieder so eindringlich gehört und verstanden, wie wichtig ESRA für die jüdische Gemeinde in Wien ist.

Aber ESRA ist auch für die gesamte Republik bedeutsam. ESRA trägt dazu bei, dass Österreich seine Verantwortung wahrnimmt. ESRA kümmert sich nicht nur um jüdische Überlebende der NS-Verfolgung. Auch andere, durch das NS-Regime verfolgte Menschen, werden betreut und behandelt.

Darüber hinaus bietet ESRA auch heutigen Flüchtlingen Unterstützung an. Über religiöse Grenzen hinweg wird vorbehaltlos geholfen.

Nach alldem klingt es fast selbstverständlich, dass in ESRA auch andere Traumata, wie z.B. häusliche Gewalt, behandelt werden.

 

Österreich, Wien, die israelitische Kultusgemeinde, wir alle, können stolz sein, dass hier eine auch im Ausland so angesehen Einrichtung entstanden ist, um die uns andere Städte und Länder beneiden. Ich danke dem engagierten Team von ESRA, das seit 25 Jahren Menschen hilft.

Und ich wünsche allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weiterhin viel Kraft dafür.

 

Nochmals Danke!

25 Jahre ESRA 18. November 2019

Fotos: Peter Lechner/HBF