Die Geschichte der Wiener Hofburg

Die Wiener Hofburg ist nicht wie andere kaiserliche Residenzen ein einheitlicher Bau, der dem Wunsch und Willen eines einzelnen Monarchen entsprungen ist. Vielmehr handelt es sich um ein im Lauf mehrerer Jahrhunderte allmählich entstandenes, gewissermaßen natürlich gewachsenes Denkmal altösterreichischer und vor allem habsburgischer Geschichte.

Von Ferdinand I. (1521-1564), dem ersten Habsburger, der sich in Wien richtig heimisch fühlte, bis zu Franz Joseph I. (1848-1916), der die Weichen zur Weltstadt Wien stellte, hat fast jeder Herrscher der ursprünglich kleinen Anlage einen Flügel, einen Trakt oder eine reich geschmückte Front hinzugefügt. Meist geschah dies ohne besondere Rücksichtnahme auf den baulichen Gesamtzusammenhang, so dass sich das riesige Ensemble heute als scheinbar zufälliges Nebeneinander der verschiedensten Stilarten und -epochen darstellt. Diese Eigenheit der Hofburg macht aber unter anderem ihren besonderen Reiz aus, wirkt sie dadurch doch wie eine einmalige und modellhafte Dokumentation der großen Vergangenheit Österreichs.

Die Burg als Festung
 

Die Wiener Hofburg hat sich den Charakter einer Burg – also eines festen Platzes mit Verteidigungsmöglichkeiten – durch all die Jahrhunderte bewahrt. Davon kann man sich auch heute noch überzeugen, wenn man um die zahlreichen Gebäude und das dazugehörige Vorfeld spaziert. Auf der Stadtseite sind die hohen Fassaden, in die das Augustinerkloster eingegliedert ist, durch Tore und Durchgänge unterbrochen, die alle verschließbar waren bzw. noch sind und wie die Fenster im Erdgeschoß durch schwere Gitter gesichert. 

Bei der Albrechtsrampe, einem der letzten Teile der alten Befestigungen (deren Großteil in den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts geschleift wurde), beginnen die nach Süden und Westen vorgelagerten Gärten, deren mächtige Gitter im großen Bogen bis zum Ballhausplatz reichen, wo sich der Kreis des gesicherten Burgbereichs schließt.

Kaiserliche Wohnungen
 

In den Annalen der Hofburg finden sich genaue Aufzeichnungen über die jeweilige Verwendung der unzähligen Räume des Burgkomplexes. Entgegen der bisherigen Annahme, dass keine zwei Herrscher des Hauses Habsburg-Lothringen in denselben Räumen residiert hätten, lassen diese Quellen eine Tradition in der Nutzung der Räume erkennen, die prinzipiell eingehalten wurde, jedoch individuelle Änderungen erfahren konnte. 

So bewohnte Maria Theresia (1740-1780) im Leopoldinischen Trakt – benannt nach ihrem Großvater Leopold I. (1658-1705), der diesen besonders schönen Teil der Hofburg erbauen ließ –, wenn sie sich nicht in Schönbrunn aufhielt, mit ihrem Gemahl Franz I. Stephan (1745-1765) die gegen den Inneren Burghof gelegene Zimmerflucht als offizielle Staatsgemächer und stadtauswärts gelegene Zimmer als absolut private Räume, in die nur ausgewählteste Personen des kaiserlichen Hofstaats oder enge Familienmitglieder Zutritt hatten. Gerade in dieser extremen Exklusivität stand der habsburgische Hof in deutlichstem Gegensatz vor allem zum französischen, an dem das Recht auf Zutritt zu den Räumen des Königs grundsätzlichen allen Untertanen zustand. 

Ihr Sohn Joseph II. (1765-1790) gab das prunkvolle Paradeschlafzimmer, das heutige Maria-Theresien-Zimmer, auf und arbeitete in den unmittelbar daneben gelegenen Räumen mit Aussicht auf die Gräben und Bastionen der Stadtbefestigung. Heute befindet sich an dieser Stelle der Heldenplatz, der in dieser Form erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschaffen wurde.

Josephs Bruder und Nachfolger auf dem Thron, Leopold II. (1790-1792), dagegen verbrachte seine kurze Regierungszeit im Amalientrakt, dem auf mittelalterliche Vorgängerbauten zurückgehenden und von Rudolf II. (1576-1612) umgebauten nordwestlichen Abschluss des Inneren Burghofs.

Genau gegenüber, im Schweizerhof, dem ältesten, bereits 1279 urkundlich verbürgten und dann von Ferdinand I. (1521-1564) übernommenen und ausgebauten Flügel der Burg, schlug Franz II. (1792-1835), als Franz I. ab 1804 erster Kaiser von Österreich und zugleich bis 1806 letzter Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, sein Quartier in jenem Appartement auf, in dem schon Joseph II. als Thronfolger gewohnt hatte. (Erst nach der Hochzeit mit Elisabeth von Württemberg 1788 konnte er dagegen in jenen Stock darüber ziehen, wo seine künftige Gemahlin schon einige Jahre lang gewohnt hatte.) Das Narrativ von der „bürgerlichen Einfachheit“ dieser Appartementausstattung geht auf Interpretationen des ausgehenden 19. Jahrhunderts zurück, die in Ausstellungen wie der Kongreßausstellung, die 1896 im heutigen MAK gezeigt wurde, und in Publikationen wie Josef August Lux Artikel „Biedermeier als Erzieher“ verbreitet wurden.

Der Sohn von Franz II. /I., Ferdinand I. (1835-1848), residierte wieder im Leopoldinischen Trakt, erneut ganz nach Tradition mit der strengen sozialen Scheidung zwischen Staatsgemächern zum Inneren Burghof und privaten Zimmern zum Äußeren Burgplatz, dem heutigen Heldenplatz.

Sein Neffe und Nachfolger Franz Joseph I. (1848-1916) setzte diese Tradition zunächst fort und bewohnte gemeinsam mit seiner jungen Ehefrau Elisabeth die Räume seines Vorgängers und erst 1857 übersiedelte er als erster und einziger Monarch in den architektonisch prunkvollsten Nordostflügel der Burg, die von Karl VI. (1711-1740) erbaute und mit der Fassade zum Michaelerplatz erst Ende des 19. Jahrhunderts vollendete „Reichskanzlei“. Karl I. schließlich, der letzte österreichische Kaiser (1916-1918), amtierte im Amalientrakt. Der Innere Burghof, auch Franzensplatz genannt, war also buchstäblich ringsum von kaiserlichen Wohnräumen umsäumt.

Der Leopoldinische Trakt
 

Als Leopold I. im Jahr 1657 zunächst die Regierung der habsburgischen Erblande antrat, ging er alsbald daran, sich auf dem Burggelände einen eigenen repräsentativen Palast zu erbauen. Die Wunden des Dreißigjährigen Krieges begannen zu vernarben, Österreich war auf dem Weg, eine Großmacht zu werden, der Bedrohung durch osmanische Heere war man ab den 1620er-Jahren mit der Errichtung einer riesigen, neuen Bastei vor der Burg und neuer verstärkter Kurtinen begegnet, was sich 1683 als sehr nützlich erweisen sollte, als osmanische Heere bis vor die Haupt- und Residenzstadt Wien gelangten und an der Burgbastei und den benachbarten Mauerabschnitten zur Löwelbastei, an deren Stelle sich heute das Burgtheater erhebt, die gefährlichsten Angriffe führte.

1660 waren die Pläne des kaiserlichen Ingenieurs Filiberto Luchese, die von den Maurermeistern Domenico und Carlo Martino Carlone ausgeführt werden sollten, fertig und genehmigt, der Bau, der zwischen der alten Burg und dem Amalientrakt den zukünftigen Burghof nach Südwesten gegen die Vorstädte Wiens hin begrenzen sollte, konnte beginnen.

Sechs Jahre später war er vollendet und der Kaiser konnte mit seiner ersten Gemahlin Margarita Teresa von Spanien feierlich einziehen. Die Freude dauerte allerdings nicht lange: Nach zwei Jahren, 1668, brannte der neue Palast, die kaiserliche Familie samt Mutter und Schwestern rettete sich mit knapper Not. Am schwersten traf dieses Unglück die Wiener Juden, die wieder einmal der Brandstiftung bezichtigt und aus der Residenzstadt vertrieben wurden.

Kaiser Leopold I. verzichtete aber nicht auf seinen einmal gefassten Plan. Der Wiederaufbau wurde noch im gleichen Jahr in Angriff genommen und schon 1670 konnte der Hof in den vergrößerten Bau einziehen; fertiggestellt wurden die Arbeiten schließlich 1681.

Benannt nach seinem Erbauer
 

Diesen, nach seinem Erbauer „Leopoldinischer Trakt“ genannten Burgflügel wählten grundsätzlich alle Nachfolger als Kaiser bzw. Landesherren und Landesherrinnen zum Wohnsitz, da die inzwischen unter der Regentschaft Karls Vl. begonnene „Reichskanzlei“ ihrem Namen gemäß als Repräsentanz des Heiligen Römischen Reichs am kaiserlichen Hof in Wien diente und besitzrechtlich keinen Teil der Hofburg darstellte.

Wesentlich war die Scheidung des Piano nobile dieses Traktes in zwei Hälften, von denen eine dem Kaiser und die andere der Kaiserin vorbehalten war. Wo beide Appartements in der Mitte des Traktes zusammentrafen, lag das gemeinsame Schlafzimmer, dem die intimsten Räume des habsburgischen Kaiserpaares mit den strengsten Zutrittsbeschränkungen vorgelagert waren: auf der Seite des Kaisers die „Retirade“ und auf der der Kaiserin das „Spiegelzimmer“.

Und selbstverständlich lagen an den äußeren Enden des Leopoldinischen Traktes die beiden separaten Stiegenhäuser: die Botschafterstiege bereits im Schweizerhof für den Kaiser und Landesherrn und die Schwarze Adlerstiege an der Bellaria für die Kaiserin. Unter Maria Theresia diente Schloss Schönbrunn als Sommerresidenz, während die Hofburg die Wohnung für die Wintermonate enthielt. Sowohl Schloss Schönbrunn als auch die Zeremonialräume des Leopoldinischen Trakts wurden entsprechend adaptiert und im Geschmack der Zeit prächtig ausgestattet.

Über das Aussehen der hochprivaten feldseitigen Räume des Leopoldinischen Traktes, die über die Wohnlichkeit dieser Räume Auskunft geben könnten, haben wir dagegen leider keine historischen Informationen.

Adaptierung unter Maria Theresia
 

Die baulichen Veränderungen waren nicht groß, aber für die Kaiserin charakteristisch: In der „Beletage“ wurden neue, höhere Fenster ausgebrochen, die man nach Herzenslust aufreißen konnte. Auch die von Karl VI. begonnene „Schwarze Adlerstiege“ wurde hell und luftig ausgebaut, während die engen „Schneckenstiegen“ den Domestiken und „Kammermenschern“ überlassen blieben, aber auch zur internen Kommunikation zwischen den Wohnungen der einzelnen Familienmitglieder auf den verschiedenen Stockwerken des Leopoldinischen Traktes dienten. Im Übrigen ersparte sich die mit zunehmendem Alter schwerfällig gewordene Kaiserin das Stiegensteigen schließlich ganz:

Vom schmalen Vorplatz zwischen Leopoldinischem Trakt und der Stadtmauer fuhr ihr Wagen auf einer Rampe hinauf auf die Krone der Stadtmauer, die sich vor der schmalen Westseite des Leopoldinischen Traktes zur „Bellaria“ weitete. Dort stand auf dem Wall ein polygonaler Vorbau, dessen Eingang in der Höhe des Piano nobiles lag und somit direkt ohne Niveauunterschied in die kaiserlichen Appartements führte. Die heute benützte Parterreeinfahrt in den Vorbau, die nach wie vor "Bellariator" genannt wird, ist erst 1874/1875 erbaut worden, nachdem die Kurtine zur Löwelbastei mit dem „Paradeisgartl“ im Zuge des Ringstraßenbaues abgetragen worden waren. Die heute noch „Bellaria“ genannte Straße hat also ihren Namen nach jenem hoch gelegenen, dementsprechend luftigen und mit weiter Aussicht versehenen Areal vor der Burg und nicht etwa umgekehrt.

Die Räume für Körperhygiene in der gesamten Hofburg entsprachen den jeweils zeitüblichen Vorstellungen: für Erzherzogin Sophie wurde im Vormärz offenbar das erste „geruchlose Closett“ der Hofburg, also ein Klosett mit Wasserspülung, in ihrer Wohnung im 2. Stock des Leopoldinischen Traktes eingebaut. Für Kaiserin Elisabeth wurden eigene Räume als Badezimmer eingebaut.

Den zeitüblichen Wert legte man auf die Heizung: Die herrlichen Barocköfen des Leopoldinischen Traktes, durchaus aus dem 18. Jahrhundert stammende Meisterwerke der Keramik, die allerdings erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts anstelle der klassizistischen Öfen und Kamine im Leopoldinischen Trakt aufgestellt wurden, reichten in den hohen, allerdings gegenüber den Dimensionen von Schloss Schönbrunn deutlich niedrigeren Räumen der kaiserlichen Appartements beinahe vom Boden bis zur Decke. Die kaiserlichen Hof-Ofenheizer waren angesehene Dienstpositionen in verantwortungsvoller Stellung, aber es war ihnen wie dem größten Teil des Hofpersonals verboten, die repräsentativen Zimmer der Hofburg zu betreten. Wie im aristokratischen Palastbau der Frühen Neuzeit üblich wurden die mächtigen Holzscheite von Heizgängen, die zwischen den beiden Zimmerfluchten des langen Gebäudes verliefen, in die Öfen geschoben.