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Worte von Alexander Van der Bellen bei der Kranzniederlegung am Mahnmal gegen Krieg und Faschismus

06.05.2018 | Reden

"Achten wir darauf, dass Grund- und Freiheitsrechte, einschließlich der Medienfreiheit nicht Schritt für Schritt beschnitten werden", so der Bundespräsident in seiner Ansprache

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

 

Hier an dieser Stelle wurde 1945 ein Haus zum Massengrab. Es wurde von einer Bombe getroffen und rund 300 Menschen fanden den Tod.

Auch sie, diese 300 Menschen, waren Opfer eines von den Nazis mutwillig vom Zaun gebrochenen Angriffskrieges, der zum größten Sterben in der Geschichte der Menschheit geführt hat.

Bis heute sind wir fassungslos angesichts der Zahl von Opfern, die mit dem Handeln und Morden der Nationalsozialisten verbunden ist.

Unter den Tätern waren auch Österreicherinnen und Österreicher.

Dutzende Millionen Tote waren es insgesamt. 13 Millionen alleine durch gezielte Ermordung. Davon sechs Millionen Jüdinnen und Juden.

Wenn wir uns heute  zusammenfinden, um des Kriegsendes 1945 zu gedenken, so denken wir also an einen Freudentag, an die Befreiung vom Nationalsozialismus.

Es ist aber auch ein Tag, um innezuhalten und uns zu fragen, wie eine solche Katastrophe stattfinden, ja wie sie willentlich herbeigeführt werden konnte.

Eine der partiellen Antworten ist, dass bereits viele Jahre vor Entfesselung des Zweiten Weltkrieges Feindbilder und Sündenböcke konstruiert wurden, dass Polarisierung zur Grundfeste der damaligen Politik gemacht wurde.

Das gilt für Deutschland, für Österreich und für einige andere Staaten auch.

Ein weiterer Schlüssel ist der Antisemitismus. Hitlers Vernichtungsmaschinerie gegen Jüdinnen, Juden und deren Kinder ist ohne den teils latenten, teils manifesten Antisemitismus nicht zu verstehen.

Hitler hat den Antisemitismus nicht erfunden, er hat ihn aber Schritt für Schritt auf seine mörderische Spitze getrieben. Durch Diskriminierung von Jüdinnen und Juden, durch systematische Einschränkung und Beseitigung ihrer Grund- und Freiheitsrechte.

Weder Auschwitz noch Mauthausen sind vom Himmel gefallen, in vielen kleinen Schritte wurde der Boden dafür bereitet.

Westeuropa hat nach 1945 einige Lehren gezogen, ich nenne nur drei:

Erstens die Aussöhnung der ehemaligen Erzfeinde Frankreich und Deutschland.

Zweitens die Garantie von Menschen- und Freiheitsrechten in der Europäischen Menschenrechtskonvention, die in Österreich in Verfassungsrang steht.

Drittens, die langsame Entwicklung einer gemeinsamen, friedlichen politischen Struktur, wie sie heute die Europäische Union darstellt.

Achten wir darauf, dass es so bleibt. Achten wir darauf, dass Juden, Christen, Muslime und Menschen ohne religiöses Bekenntnis einander mit Respekt begegnen. Achten wir darauf, dass Grund- und Freiheitsrechte -  einschließlich der Medienfreiheit - nicht Schritt für Schritt beschnitten werden.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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