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Rede zum Festakt ”100 Jahre Haus der Industrie”, 9. 2. 2011

09.03.2011 | Reden

Rede von Bundespräsident Heinz Fischer beim Festakt ”100 Jahre Haus der Industrie” über Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit

 
Sehr geehrte Damen und Herren!

Das Haus der Industrie feiert heute in diesem schönen Rahmen seinen 100. Geburtstag.

Dazu gratuliere ich sehr herzlich und möchte mich mit diesem wichtigen und wechselvollen Zeitabschnitt der österreichischen Geschichte auch kurz auseinandersetzen.

Im März 1911, also vor 100 Jahren, hat Kaiser Franz-Joseph als 81 Jähriger das Haus der Industrie persönlich eröffnet. Wie viel hat sich in diesen 100 Jahren ereignet?

Wie viel Leid haben Menschen einander in diesem Zeitraum zugefügt, wie viele verhängnisvolle und unverzeihliche Fehler sind gemacht worden? Wie viele sinnlose und zerstörerische Kriege sind geführt worden und wie egoistisch und kurzsichtig haben sich Menschen, aber auch ganze Völker verhalten?

Und gleichzeitig: Welch phantastische Fortschritte sind erzielt worden, wie viel Wertvolles ist erdacht und geschaffen worden, wie viele Menschen sind in Bezug auf Leistung, Charakter, Selbstlosigkeit, Verantwortungsbewusstsein etc. weit über sich selbst hinausgewachsen!

Diese enormen Gegensätze und Gegensätzlichkeiten sind schwer zu quantifizieren und gegeneinander abzuwägen.

Ich halte die Menschen aber für befähigt aus der Geschichte zu lernen. Der berühmte Satz „die Geschichte lehrt, aber sie findet keine Schüler“ hat nur beschränkte Gültigkeit. Es gibt sehr wohl wichtige Lehren aus der Geschichte, die sehr lange anhalten und nachhaltige Wirksamkeit erzielen.

Viele Bausteine der II. Republik sind nur als Lehren aus der I. Republik zu verstehen.


Sehr geehrte Damen und Herren!

Im ersten Drittel der 100-jährigen Geschichte des Hauses der Industrie drängen sich der I. Weltkrieg, der Untergang der Monarchie, die dramatischen Ereignisse der I. Republik, der Ständestaat sowie der gesamte II. Weltkrieg und die Diktatur Hitlers zusammen. Dem gegenüber haben wir in den beiden letzten Drittel dieser 100 Jahre das Ende des Weltkrieges, den Wiederaufbau unseres Landes, den Staatsvertrag, den Fall des Eisernen Vorhangs, den Beitritt zur Europäischen Union und eine eindrucksvolle Wirtschaftsentwicklung erlebt, also vorwiegend positive Ereignisse zu verzeichnen.

Österreich ist heute das viertreichste Land der Europäischen Union mit der zweitniedrigsten – streckenweise auch mit der niedrigsten – Arbeitslosenquote und die Produktionsstrukturen unseres Landes gehören zu den modernsten der Welt.

Es gibt bekanntlich die G20 – die zwanzig wichtigsten Industriestaaten. Österreich liegt derzeit im Ranking des Bruttonationalproduktes aller Staaten der Welt an 25. Stelle = G25 = oberstes Achtel aller Staaten.

Daran hat auch die Industrie einen entscheidenden Anteil. Sie produziert direkt und indirekt etwa 60% der österreichischen Wertschöpfung. Sie ist der Motor dafür, dass wir mehr als 50% unseres Nationalproduktes durch Exporte generieren. Direkt und indirekt werden von der Industrie Arbeitsplätze für mehr als zwei Millionen Menschen in Österreich gesichert, etc. etc.

Und noch etwas:

Jene Länder, die über eine solide leistungsfähige Industriebasis verfügen, haben sich nach dem kräftigen Einbruch der Wirtschaftsleistung im Jahr 2009 wieder rascher erholen können. Österreich zählt zu jenen fünf EU-Ländern, deren Wirtschaft von der weltweiten Krise am wenigsten in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Auch die Arbeitslosigkeit ist nicht so rasch gestiegen, wie ursprünglich befürchtet, weil Arbeitsplätze im Zuge des starken Einbruchs der Exportnachfrage nicht massiv abgebaut wurden, sondern die Arbeitszeit temporär verkürzt wurde und staatliche geförderte Kurzarbeitszeitmodelle eingeführt wurden.

Die Arbeitsmarktsituation Österreichs während der Krise wird heute von vielen als ‚best practice’-Modell studiert.

Besonders hervorheben möchte ich dabei das vernünftige Miteinander der Sozialpartner. Gerade die Krise hat gezeigt, dass eine gut funktionierende Sozialpartnerschaft auch ein Wettbewerbsvorteil ist, der unserem Standort nützt.
 

Meine Damen und Herren!

Wenn wir heute das 100-jährige Bestehen des Hauses der Industrie feiern, möchte ich den Blick in aller Kürze auch auf einige aktuelle Fragen bzw. auf einige Herausforderungen, mit denen Österreich konfrontiert ist, richten.

1.     

Bei der notwendigen Budgetkonsolidierung ist darauf zu achten, dass Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit dennoch bestmöglich unterstützt werden;

z.B. durch verstärkte Investition in Bildung und Forschung, durch Erhöhung der Attraktivität von Forschungseinrichtungen und Universitäten durch die Beseitigung von sozialen Barrieren im Bildungssystem und durch die Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund. Dabei stehen wir vor einer schwierigen Situation. Wir wissen nämlich ganz genau was notwendig wäre und dennoch ist es offenbar realpolitisch außerordentlich schwer, das als richtig und notwendig erkannte über Einzelinteressen oder Gruppeninteressen zu stellen und durchzusetzen.

2.

In Österreichs Zukunft investieren heißt, auch bei den drängenden Fragen des Klimaschutzes und der Energieeffizienz voranzukommen.

Klimawandel, aber auch die knapper werdenden fossilen Energieträger, die sich noch dazu in überwiegend instabilen Regionen der Welt befinden, machen die Förderung von Energieeffizienz und den Ausbau erneuerbarer Energie zum Gebot der Stunde.

Österreich zählt bei der Umsetzung der international eingegangenen Klimaschutzverpflichtungen zu den Schlusslichtern. Das muss sich ändern.

3.     

Soziale Balance ist zentrales Fundament der sozialen Marktwirtschaft.

Die hohe Abgabenbelastung bei gleichzeitig äußerst niedrigem Aufkommen aus vermögensbezogenen Steuern ist seit Jahren Gegenstand von Kritik seitens internationaler Organisationen an der Struktur unseres Steuersystems und auch Thema interner Diskussionen.

Auch der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Kenneth Rogoff, hat vor wenigen Wochen die wachsende Ungleichheit in den entwickelten Industrieländern als einen Unsicherheitsfaktor bezeichnet, der wachsende soziale Spannungen hervorrufen könnte.

In der Tat ist es meine feste Überzeugung, dass wir auch in Österreich und in Europa Fragen der sozialen Balance und der leistungsorientierten Verteilungsgerechtigkeit mehr Aufmerksamkeit schenken müssen.

4.     

Die hohen Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen sowie die geringe Repräsentanz von Frauen in Führungspositionen von Unternehmen widersprechen dem Anspruch von Modernität und leistungsgerechtem Wirtschaften.

Nach den vielen Stellungnahmen und Diskussionsbeiträgen rund um ein anderes Jubiläum, nämlich das 100-Jahr-Jubiläum des Internationalen Frauentages, sind zu diesem Thema keine weiteren langen Ausführungen notwendig.

Den Worten müssen schlicht und einfach Taten folgen.

Wir müssen konkrete Handlungen setzen, damit wir zum Beispiel bei den Lohnunterschieden zwischen Männern und Frauen, den beschämenden vorletzten Platz in der Europäischen Union hinter uns lassen und ins oberste Drittel in Europa aufrücken!

5.     

Ökonomische Integration erfordert politische Integration.

Unsere Zukunft ist eng mit jener Europas verknüpft. Viele Probleme sind nur europäisch manche sogar nur global zu lösen. Ich bin überzeugt, dass Europa aus der Krise lernen kann und lernen muss, um längst fällige Reformen in der wirtschaftspolitischen Koordinierungsarchitektur vorzunehmen. Der in wenigen Tagen stattfindende Frühjahrsgipfel der Europäischen Union ist hier gefordert und wird – so dürfen wir hoffen – wichtige Entscheidungen treffen.

Im Übrigen ist das Wort „Integration“ auch in seiner zweiten Bedeutung aktuell:

Nämlich Integration nicht nur in Form einer verstärkten zwischenstaatlichen wirtschaftlichen Zusammenarbeit und Koordination, sondern auch innerstaatliche Integration als verbessertes und planmäßig gefördertes Zusammenleben von Menschen verschiedener Nationalitäten und Sprachen: Erfolge bei der Integration im zuletzt definierten Sinn sind sowohl für die soziale als auch für die wirtschaftliche aber auch politische Entwicklung unseres Landes wichtig. Eine Gesellschaft muss prinzipientreu sein und sich selbstkritisch in den Spiegel schauen. Das Schüren nationaler Egoismen, das Schaffen von Feindbildern und das Abweichen vom Grundsatz der Gleichwertigkeit aller Menschen dürfen nicht zur parteipolitischen Mehrzweckwaffe werden.


Sehr geehrte Damen und Herren!

Was wir also dringend brauchen ist ein weitreichendes und umfassendes Einverständnis darüber, dass die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft, das Bekenntnis zur sozialer Gerechtigkeit und der Respekt vor Menschenwürde und Menschenrechten zwar neuen Herausforderungen angepasst werden müssen aber eine Leitlinie bleiben, die mit Leben zu erfüllen ist.

Dazu ist auch die Unterstützung der Industrie erforderlich.

Und um diese Unterstützung darf ich Sie heute, an diesem Jubiläumstag ersuchen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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