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Rede von Bundespräsident Heinz Fischer zur Eröffnung der neuen Gedenkstätte des ehemaligen KZ Mauthausen

05.05.2013 | Reden

Heinz Fischer appelliert an alle, aus "einer tragischen Vergangenheit zu lernen und jeder Form von Rassismus oder Antisemitismus mit größter Entschiedenheit entgegen zu treten"

Sehr geehrte Herren Staatspräsidenten von Polen und Ungarn!
Sehr verehrte Ehrengäste aus dem Ausland und aus Österreich!
Hochgeschätzte Überlebende der Konzentrationslager der Zeit des Terrors!Meine sehr geehrten Damen und Herren!


Am 5. Mai 1945 wurde das KZ Mauthausen als eines der letzten großen Vernichtungslager im untergehenden „Dritten Reich“ von den Alliierten Truppen befreit.

Das Bild, das sich den Befreiern an diesem Tag geboten hat, war erschütternd. Das KZ-System Mauthausen war ein Ort, an dem nahezu 200.000 Menschen gefangen gehalten, zu Zwangsarbeit gezwungen und gequält wurden.

Fast die Hälfte aller Häftlinge kam ums Leben – sie sind erfroren, verhungert, bei der Arbeit im Steinbruch zu Tode gekommen, oder auf andere Weise ermordet worden – an der Genickschussecke, durch grausame medizinische Experimente, am Galgen oder in der Gaskammer.

Am 8. Mai kapituliert Hitler-Deutschland, das Dritte Reich ist zertrümmert, der II. Weltkrieg geht in Europa zu Ende. 

Die nachfolgenden Jahre waren in Österreich geprägt durch einen bewundernswerten und konsequenten Einsatz für den Wiederaufbau unseres Landes. 

Nicht so konsequent war das Bemühen um restlose Aufklärung aller Nazi-Verbrechen, um eine angemessene Entschädigung der Opfer der NS-Zeit oder um die Rückholung von Österreicherinnen und Österreichern, die zu Beginn der NS-Zeit zur Emigration gezwungen wurden. Die pauschale, auch in der Moskauer Deklaration verwendete, aber nur teilweise zutreffende Formulierung von „Österreich als erstem Opfer Hitlers“ lenkte von manchen Fragen ab, die man gleich nach dem Ende der NS-Zeit hätte stellen und beantworten müssen. 

Und auch eine Kultur des Gedenkens an die Opfer der NS-Diktatur entwickelte sich zunächst nur zaghaft und schrittweise.

Zwar organisierte sich die Gemeinschaft der überlebenden KZ-Opfer und Widerstandkämpfer und meldete sich zu Wort – z.B. bei den jährlichen Befreiungsfeiern in Mauthausen. Und Hans Marschalek, der vor zwei Jahren verstorbene Urvater der Gedenkstätte Mauthausen, entwickelt die erste Gedenk-Ausstellung, die hier im Reviergebäude über 40 Jahre zu sehen sein sollte. 

Aber erst in den 80er Jahren begannen sich Politik und Wissenschaft verstärkt und umfassend mit dem Horror des NS-Staates und der österreichischen Mitverantwortung auseinanderzusetzen.

So ist, spät aber nicht zu spät, ein Diskussionsprozess in Gang gekommen, der bewirkt hat, dass sich Österreich in den letzten 25 Jahren immer intensiver mit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit auseinander gesetzt und auch in die wissenschaftliche Forschung intensiviert hat. Diese neue Sichtweise führt uns alle so nahe wie möglich an die historische Wahrheit heran.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Heute richtet sich unsere Aufmerksamkeit auf zwei neue Ausstellungen und einen neuen Gedenkraum hier im Mauthausen Memorial.

Über fünf Jahre wurden nun unter Federführung des Innenministeriums und der Burghauptmannschaft die verbliebenen Teile der Anlage des ehemaligen Konzentrationslagers restauriert. Parallel dazu hat ein Team aus Historikern, Ausstellungsmachern und internationalen Experten ein Gedenkstätten-Projekt auf die Beine gestellt, das es in Mauthausen in dieser Form und Größe nie zuvor gab. In akribischer Arbeit wurde nach neuen Wegen gesucht, um den Besucherinnen und Besuchern zu vermitteln, was alles Furchtbares an diesem Ort und in diversen Nebenlagern passiert ist. 

Und so sind die beiden neuen Ausstellungen und der Gedenkort „Raum der Namen“ zu Räumen von großer Würde geworden mit einer klaren Botschaft: Niemals wieder.

An dieser Stelle möchte ich den Gestalterinnen und Gestaltern der neuen Ausstellungen und des Raumes der Namen herzlich danken und gratulieren und stellvertretend für das ganze Team Frau Dr. Barbara Glück namentlich erwähnen. Für die Gedenkstätte Mauthausen ist der heutige Tag und die Anwesenheit höchstrangiger Gäste aus vielen Ländern ein Tag der Anerkennung, ein Tag der Solidarität mit den Opfern und ein Tag des Bekenntnisses zur Menschenwürde. 

Dass das Projekt in dieser Form umgesetzt werden konnte, verdankt die Gedenkstätte, und damit auch Österreich, nicht zuletzt großer internationaler Hilfsbereitschaft. 

Im Raum der Namen sind über 80.000 Namen von Opfern angeführt – alle in ihrer Landessprache und Schrift – ein Unterfangen das von nicht weniger als 38 Nationen mitgetragen wurde. Die 130 Ausstellungsgegenstände kommen aus 25 Ländern. Besonderer Dank gilt hier Russland, Polen und den USA, da von dort besonders viele oft sehr heikle Dokumente und Exponate an uns verliehen wurden.

Ich möchte aber neben der großartigen Kooperation mit oft tausende Kilometer entfernten Institutionen und Organisationen etwas Weiteres hervorheben: Auch die Menschen hier in der Region haben dieses Projekt unterstützt. Es war sicherlich nicht einfach, einen Zugang zur Geschichte des KZ in der Nachbarschaft zu finden. 

Das Ausstellungsprojekt war somit auch für die Gemeinde Mauthausen und die gesamte Region eine Gelegenheit, sich mit diesem Kapitel ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Und diese Gelegenheit wurde genützt. Mit dem Projekt „Bewusstseinsregion Mauthausen-St.Georgen-Langenstein“ soll auch in Zukunft eine aktive zeitgemäße Gedenkkultur unter Einbeziehung der Bevölkerung gepflegt werden.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Zuletzt möchte ich mich noch persönlich an jene unter uns wenden, die heute den Weg hierher als Überlebende des damaligen KZs gefunden haben. Sie sind – ohne pathetisch zu werden – Helden der Geschichte des 20. Jahrhunderts. 

Jene, denen dieser Ort unendlich viel Leid und Kummer gebracht hat, zeigen mit ihrer Anwesenheit am heutigen Tag das verständliche Interesse daran, dass ihre Geschichte nicht vergessen wird und als Mahnung für die Zukunft lebendig bleibt. 

Die Republik Österreich hat nicht nur die Verantwortung für diese Gedenkstätte übernommen, sondern auch die Verantwortung dafür, dass Demokratie, Rechtsstaat und Menschenwürde auf Dauer Fundamente unseres Staates bleiben.

Daher ist das auch der richtige Anlass und der richtige Ort, an uns alle und darüber hinaus an alle, die heute in Europa Verantwortung tragen, den dringenden Appell zu richten, aus einer tragischen Vergangenheit zu lernen und jeder Form von Rassismus oder Antisemitismus mit größter Entschiedenheit entgegen zu treten. 

In diesem Sinne soll nunmehr diese neue Gedenkstätte in Anwesenheit der Staatsoberhäupter von Polen und Ungarn, dem Vorsitzenden der Russischen Staatsduma, dem serbischen Ministerpräsidenten, der Justizministerin von Israel, dem Innenminister der Tschechischen Republik und zahlreichen anderen internationalen Gästen ihrer Bestimmung übergeben werden.

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