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Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele 2018

27.07.2018 | Reden

"Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist ein leidenschaftliches Plädoyer - ein Gedicht. Vielleicht das schönste politische Gedicht der Kulturgeschichte."

Das war eine großartige Einleitung. Der Tanz der sieben Schleier. Danach kommt der Bundespräsident. Haben Sie lange nachdenken müssen über diese Abfolge, Herr Hinterhäuser?

Wir wissen, wie es weitergegangen ist, ziemlich gefährlich.

 

Exzellenz, sehr geehrter Herr Präsident Marcelo Rebelo de Sousa!

Meine Damen und Herren!

 

Leidenschaft. Leidenschaft, ist das Thema das uns beschäftigt.

Leidenschaft, Passion, Raserei ...

Leidenschaft ist eines der Leitmotive, das sich durch das Programm der diesjährigen Salzburger Festspiele zieht.

Die „Königin der Nacht“ in der „Zauberflöte“ rast vor Wut und Rachelust. 

Im Kontrast dazu muss Tamino – ist mir aufgefallen - dem Sarastro in drei Prüfungen beweisen, dass er tugendhaft, schweigsam, also verschwiegen und wohltätig ist.

Tugendhaft, wohltätig und verschwiegen.

Das sind sicher löbliche Eigenschaften, aber mit Leidenschaft würden ich sie nicht unbedingt assoziieren.

Einen anderen „Sarastro“, nämlich Friedrich Nietzsches „Zarathustra“,gehen solche Tugenden auf die Nerven.

Ich habe da etwas Schönes gefunden, das kann ich Ihnen nicht vorenthalten.

Ich zitiere:

„Nicht eure Sünde schreit gen Himmel,

euer Geiz selbst in der Sünde schreit gen Himmel!

Wo ist der Blitz,

der euch mit seiner Zunge lecke?

Wo ist der Wahnsinn,

mit dem ihr geimpft werden müsstet?“

 

Ich sitze an meinem Schreibtisch und lese das durch und denke mir: „Gut gebrüllt, großer Löwe!“

Also, in der Literatur, in der Kunst ganz generell, da lechzen wir nach diesem Blitz, der uns mit seiner Zunge lecke.

In der „Salome“ von Richard Strauss oder in der „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist werden wir noch genug Leidenschaft eingeimpften Wahnsinns erleben.

Erleben auf der Bühne!

In der Politik möchte ich auf Blitz und Wahnsinn nicht ungerne verzichten.

Aber so ist es: Die Leidenschaft kommt nirgends in so ergreifender, packender, vollendeter zum Ausdruck wie in der Kunst, wie auf dem Theater, in der Oper, in der Literatur.

Wo sonst wird Liebe zum Duett?

Wo sonst wird Hass zur Koloratur?

Wo sonst wird zu Szenenapplaus gestorben und in Alexandrinern gemordet?

 

Vor Jahrzehnten war ich einmal in den „Pradler Ritterspielen“ in Innsbruck, dort wird auf Wunsch des Publikums das Köpfen wiederholt.

 

Also im Alltag von uns Normalsterblichen geht es natürlich etwas profaner zu. Aber selbst wenn es abseits der berühmten Bretter, die die Welt bedeuten, profaner zugeht, so heißt dies nicht, dass die Leidenschaft irrelevant wäre, dass sie uns fremd wäre.

Nicht einmal in der Politik.

 

Leidenschaft braucht es auch in der Politik, schrieb Max Weber in seinem berühmten Essay - dieser Essay „Politik als Beruf“ wird nächstes Jahr 100 Jahre alt.

Leidenschaft müsse aber mit Verantwortungsgefühl und Augenmaß einhergehen.

Die Gründerväter der Europäischen Union seinerzeit bewiesen Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß als sie diese Idee eines gemeinsamen, vereinten Europas praktisch umzusetzen begannen.

Ohne Gewalt, ohne Krieg, ohne Nötigung, sondern durch gemeinsame Anerkennung plausibler, überzeugender Argumente. Und insofern in bester Tradition der Europäischen Aufklärung oder besser gesagt der Wiederentdeckung der Europäischen Aufklärung.

Doch nun hat erstmals mit dem Vereinigten Königreich ein Mitgliedstaat erklärt, der Gemeinschaft den Rücken kehren zu wollen.

Das ist ein Zeichen an der Wand.

Die Vertreter des alten Kirchturm-Nationalismus, deren Weitblick gerade einmal bis zur eigenen Staatsgrenze reicht, spüren gewissen Aufwind.

Also stellen wir uns dieser Herausforderung mit Mut, Zuversicht und Phantasie, dann werden wir sie auch bewältigen.

 

Meine Damen und Herren,

 

ich bin aber auch Realist. Scheitern ist immer möglich. Ende 1933 nach der Machtergreifung Hitlers schrieb ein deutscher Journalist:

Wir hatten eine Demokratie (in Deutschland), aber leider nicht genügend viele Demokraten. 

Es ist also durchaus möglich, dass wir eines Tages aufwachen und uns sagen müssen:

Wir hatten ein Vereintes Europa, aber leider nicht genügend viele Europäerinnen und Europäer.

Ich bin Realist, aber als Politiker bin ich Optimist. Scheitern ist möglich. Umso mehr Energie müssen wir mobilisieren.

Denn ich bin überzeugt und ich glaube, viele in diesem Raum sind überzeugt davon: Wir brauchen dieses vereinte Europa. Davon bin ich leidenschaftlich überzeugt. Und ich hoffe, Millionen anderer Europäerinnen und Europäer auch.

Wir brauchen es:

friedenspolitisch,

machtpolitisch,

wirtschaftspolitisch.

 

Aus einem schlichten Grund:

Im Weltmaßstab, ist jeder Mitgliedsstaat der Europäischen Union zu klein, um eine Rolle zu spielen.

Das gilt für Malta und Luxemburg, aber das gilt auch für Österreich und Deutschland. Hüten wir uns daher vor freiwilliger Verzwergung.

Es gibt natürlich Gruppierungen, das ist mir klar, es gibt Parteien in ganz Europa, die Vorstellungen alter nationaler Souveränität anhängen. Ich halte das für die politische Illusion schlechthin. Es gibt die alte nationale Souveränität in einer globalisierten Welt nicht mehr. Ohne transnationale Kooperation in der Europäischen Union wird jeder Mitgliedsstaat zum Spielball größerer Mächte. Wenn man das akzeptiert, gut, aber dann muss man dazusagen, was passieren wird.

Dieses vereinte Europa hat uns über Jahrzehnte Frieden, Freiheit und Wohlstand gebracht. Darauf sollten wir nicht leichtfertig verzichten. Aber wir können vertrauen.

Vertrauen wir auf dieses Europa, vertrauen wir auf seine Stärken, seine Innovationskraft, seine Flexibilität - und last but not least - auf sein Beharren auf seine Grund- und Freiheitsrechte. Grund- und Freiheitsrechte, Grund- und Menschenrechte, um die uns die halbe Welt beneidet.

Die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ feiert heuer ihren 70. Geburtstag. Sie wurde am 10. Dezember 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet. Geboren aus der Europäischen Aufklärung, insofern tatsächlich ein Kind Europas.

Es ist ein mehr oder weniger sachlicher, vielleicht sogar trockener Text. Aber zugleich ein leidenschaftliches Plädoyer – ein Gedicht. Und ein politisches Gedicht, vielleicht das schönste politische Gedicht der Kulturgeschichte.

Art. 1:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“

Hier wird natürlich nicht Wirklichkeit beschrieben, sondern Möglichkeit. Und es wäre doch gut, wenn wir uns etwas mehr bemühen würden, diesen Möglichkeiten mehr Wirklichkeit zuzuordnen.

(Applaus)

Vielen Dank, das war schon der Schlussapplaus. Meine Aufgabe ist es noch, in feierlicher Form, die Salzburger Festspiele 2018 für eröffnet zu erklären.

 

Liebe Frau Helga Rabl-Stadler, es wird sicher wieder großartig werden. Ich freue mich sehr.

Dankeschön.

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