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Rede anläßlich der Eröffnung des Maimonides-Zentrums der Israelitischen Kultusgemeinde in 1020 Wien, Simon-Wiesenthal-Gasse 5, 16. 12. 2009

16.12.2009 | Reden

Eröffnung des Maimonides-Zentrums der Israelitischen Kultusgemeinde: ”Sicherer Hafen für jene, denen Schreckliches angetan wurde”

Sehr geehrter Herr Weihbischof,
sehr geehrter Herr Staatssekretär Mag. Schieder,
sehr geehrter Herr Vizebürgermeister Dr. Ludwig,
sehr geehrter Herr Dr. Muzikant,
sehr geehrte Festgäste!

Mit der Eröffnung des Maimonides-Zentrums auf dem IKG-Campus – auf einem historischen Gelände, auf dem bereits vor 1938 die Hakoah ihren Sportplatz hatte – wird ein Schritt gesetzt, der für Juden und Nichtjuden in Österreich in mehrfacher Hinsicht bedeutsam ist.

Zuallererst soll dieses Zentrum jenen Menschen, denen in ihrem Leben ganz schreckliche Dinge angetan wurden, einen Lebensabend in Würde und Geborgenheit ermöglichen.

Es soll ihnen, die einst gedemütigt, verfolgt und vertrieben wurden, und deren Existenz vielfach zerstört wurde, wieder ein Zuhause bieten. Nach einer mühevollen Lebensreise finden sie hier einen sicheren Hafen, in dem sie sich geborgen fühlen können.

Viele der Bewohnerinnen und Bewohner des jüdischen Altersheims sind erst nach langen Jahren des Exils in ihre Heimat zurückgekehrt – eine Rückkehr, die aus vielen Gründen nicht leicht war. Bis heute tragen sie an der schweren Last der  Erinnerungen.

Österreich hat sich den dunklen Seiten seiner Vergangenheit allzu lange nicht, oder nicht ausreichend gestellt. Sehr spät erfolgten die Aufarbeitung der Geschichte und die Anerkennung der Opfer. Allzu viele haben sie nicht mehr erlebt.

Mit der Vertreibung von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern vor über 70 Jahren hat Österreich darüber hinaus einen ganz wichtigen Teil seiner Bevölkerung und damit viele große Geister bzw. einen wichtigen Teil seiner Identität verloren – auch dessen sollten wir uns bewusst sein.

Wenn wir auch wissen, dass wir das Rad der Zeit nicht zurückdrehen können, dass dies alles nicht wieder gut gemacht werden kann, so darf es dennoch nie zu spät dafür sein, Verantwortung für Fehler der Vergangenheit zu übernehmen und zu versuchen, das entstandene Leid zu mildern.

Dementsprechend soll das Zentrum ein lebendiges Symbol für ein Miteinander in Respekt sein: Namensgeber für dieses Heim ist nicht zufällig der Philosoph und bedeutendste jüdische Rechtsgelehrte des Mittelalters, Rabbi Mosche ben Maimon, genannt Maimonides. In seiner Person verbanden sich gleichermaßen Weisheit und die Liebe zu den Menschen. Obwohl er selbst Verfolgung erfahren musste, war er als Arzt aufopferungsvoll und ohne Unterschied für alle seine Patienten da, „Juden wie Nichtjuden, Edelmänner und Bürgerliche, Freunde und Feinde“.

Damit ist er als Vorbild nicht nur prägend für das Leitbild des Maimonides-Zentrums. Die Haltung des Rabbi Mosche ben Maimon ist darüber hinaus ebenso Inspiration für das Miteinander von Juden und Nichtjuden, für den Dialog aller Menschen, die heute in Österreich zusammen leben.

Und auch die Tatsache, dass die Tagesstätte und das Wohnheim nach Anne Kohn-Feuermann benannt werden, macht mir große Freude. Anne Kohn-Feuermann war eine gute Bekannte und enge Freundin meiner Schwiegereltern. Sie ist nach ihrer Rückkehr bei Anni und Otto Binder in der Pokornygasse ein- und ausgegangen, und auch den klugen Paul Kohn an ihrer Seite habe ich in bester Erinnerung. Es war und ist eine gute Idee, der unermüdlichen, hilfsbereiten Idealistin durch diese Namensgebung ein Denkmal zu setzen.

Und nicht zuletzt setzt die Schaffung des neuen IKG-Campus, auf dem neben dem Maimondes-Zentrum auch die Zwi-Perez-Chajes-Schule und Hakoah einen gemeinsamen Platz gefunden haben, ein starkes und positives Zeichen für die Zukunft der jüdischen Gemeinde Wiens:

Dieses großartige Projekt schafft vielfältige Möglichkeiten für die Begegnung der Generationen. Hier ist ein Ort entstanden, an dem Vergangenheit auf Zukunft trifft und ein lebendiger Austausch stattfinden kann. Und es ist gleichzeitig ein Zeichen dafür, dass die jüdische Gemeinde in Wien willkommen ist und ihren festen Platz in dieser Stadt hat.

Für die Überlebenden des Holocaust soll sich mit dem neuen Maimonides-Zentrum auch in persönlicher Hinsicht ein Kreis schließen können: Menschen, die nach einer oftmals glücklichen Jugend in Österreich alles verloren hatten, deren Welt untergegangen ist, sollen nun wenigstens an ihrem Lebensabend wieder so etwas wie Geborgenheit und Zufriedenheit in ihrer Heimatstadt und in ihrer Gemeinde finden. Dafür bietet das neue Maimonides-Zentrum die besten Voraussetzungen.

Ich möchte daher abschließend den Gestaltern dieses ambitionierten und umsichtigen Projektes zu ihrem gelungenen Werk gratulieren und all jenen Dank aussprechen, die zu seiner Verwirklichung beigetragen haben – der Stadt Wien ebenso wie dem zuständigen Bundesministerium, und im besonderen natürlich der Israelitischen Kultusgemeinde. Möge dieser Ort allen seinen künftigen Bewohnerinnen und Bewohnern ein friedvolles und harmonisches Zuhause sein.