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Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse an Freda Meissner-Blau

26.06.2013 | Reden

Großes Lob für eine außergewöhnliche Frau für ihren positiven Einfluss auf viele wichtige Entscheidungen und Weichenstellungen in unserem Land

Sehr geehrte, liebe Freda!
Geschätzte Familienmitglieder!
Sehr geehrte Frau Klubobfrau Glawischnig-Piesczek!
Sehr geehrte Frau Volksanwältin Terezija Stoisits!
Sehr geehrter Herr Bundesminister a.D. Heinrich Neisser!
Meine sehr geehrten Damen und Herren! 

Wir ehren heute Frau Freda Meissner-Blau durch die Verleihung des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse; d.h. wir ehren eine Frau, mit einem eindrucksvollen, ja einzigartigen Lebensweg.

Eine außergewöhnliche Frau, deren Lebenserfahrungen in geradezu exemplarischer Weise in ihre berufliche und politische Arbeit eingeflossen sind. 

Eine Frau, deren Namen für ein profiliertes gesellschaftspolitisches Programm steht. Daher darf ich alle Damen und Herren begrüßen, die über Vorschlag von Frau Freda Meissner-Blau eingeladen wurden und heute durch ihre Anwesenheit Respekt und Zuneigung für die zu Ehrende zum Ausdruck bringen.
 

Sehr geehrte Damen und Herren! 

Die Mutter von Freda stammte aus einer Industriellenfamilie und ihr Vater - Meissner-Hohenmeiss - aus einer altösterreichischen Offiziersfamilie. Er exponierte sich gegen das Nazi-Regime und musste 1939 nach Großbritannien emigrieren. 

Die tiefe Abscheu von Freda Meissner gegenüber dem Nationalsozialismus blieb ein dauerhafter – natürlich auch aus vielen anderen Quellen gespeister – Fixpunkt in ihrem Denken und Fühlen.  

Als heranwachsende junge Frau beobachtete sie die Schrecken des Krieges und erlebt als 18-jährige in Dresden die massiven Bombenteppiche und die Feuerwalzen in dieser schwergeprüften Stadt.  

Eine tiefe und lebenslange Prägung gegen Krieg und Gewalt war die Folge. „Diese Erlebnisse ließen mich den Entschluss fassen, mich mit ganzer Kraft für das friedliche Zusammenleben der Menschen einzusetzen“, sagte sie 66 Jahre später, also im Jahr 2011, in einem Interview. 

Nach dem Krieg absolvierte Freda Meissner in London, wo ihr Vater lebte, eine Ausbildung als Krankenschwester, um anschließend in Frankfurt am Main Medizin zu studieren. 

Dort lernte sie ihren Mann Georges de Pawloff kennen, den sie 1953 heiratete. Mit ihm ging sie nach Afrika, in die damals Belgisch-Kongo genannte Kolonie, wo sie und ihr Mann für eine europäische Firma arbeiteten.  

Diese drei Jahre in Afrika und die dabei gemachten Beobachtungen und Erfahrungen weckten ihr Interesse und ihr Verständnis für die sogenannte „Dritte Welt“ und für die gravierenden Probleme und Missstände in den Kolonien.
 

Sehr geehrte Damen und Herren! 

Der nächste prägende Abschnitt im Leben von Freda Meissner (damals Freda Pawloff) war ihre mehrjährige Tätigkeit bei der UNESCO in Paris. Ihre perfekten Französischkenntnisse hängen mit dieser Tätigkeit in Paris ebenso zusammen wie ihr großes Interesse an Bildungs- und Wissenschaftsthemen.

Aber noch etwas weiteres Wichtiges kam hinzu: Sie übersetzte damals Angebote französischer Konzerne zum Thema der Errichtung von Kernkraftwerken, was sie veranlasste, sich näher mit der zivilen Nutzung der Atomenergie zu beschäftigen. Das führte zu einer immer größeren Distanz zur Nutzung der Atomenergie für Zwecke der Energiegewinnung und zu einer immer größeren Nähe zu den Anfangsformen der Ökologiebewegung. 

1962 übersiedelte Freda Pawloff zurück nach Wien. Sie wurde zur Generalsekretärin des kurz zuvor auf Initiative von Außenminister Bruno Kreisky und Finanzminister Reinhard Kamitz gegründeten Institut für Höhere Studien (IHS) bestellt, dem sogenannten Ford-Institut. Eine Tätigkeit, die sie von 1962 bis 1968 ausübte. 

Ich hatte mehrere junge, gleichaltrige Freunde, die am Ford-Institut im Bereich der Politikwissenschaft tätig waren und Freda Pawloff war die strenge, von manchen gefürchtete und – wie mir schien – von Kreisky geschätzte und gestützte Generalsekretärin – eine der ersten Frauen im Wissenschaftsbetrieb dieser Art.  

Das war die Zeit, wo ich der heutigen Freda Meissner-Blau zum ersten Mal begegnet bin und von ihr beeindruckt war – vor ca. 50 Jahren. 

1970 heiratete sie den Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung Paul Blau, der mit den Eltern meiner Frau seit vielen Jahren eng befreundet war und den auch ich gut kannte und aufgrund seiner intellektuellen Brillanz und seiner geistigen Unabhängigkeit schätzte. 

Zwei Jahre später wurde sie Bildungsreferentin der OMV und auch durch diese Tätigkeit in wachsendem Maß für die Anliegen der im Aufbruch befindlichen Umweltbewegung, für die Themen des Club of Rome und für die Auseinandersetzungen rund um den Bau eines Kernkraftwerkes in Österreich sensibilisiert. 

Die Ereignisse zum Thema Zwentendorf zu schildern, an die ich mich zum Teil erinnern kann als ob es gestern gewesen wäre, würde jetzt zu weit führen.  

Dies umso mehr, als Freda Meissner-Blau in die nachfolgenden Auseinandersetzungen rund um das Donaukraftwerk bei Hainburg nach meiner Erinnerung noch stärker involviert war, als in die Zwentendorf-Auseinandersetzungen.  

Es mag sein, dass dies von der heute zu Ehrenden anders empfunden wird, aber Tatsache ist, dass Bruno Kreisky den sich zuspitzenden Auseinandersetzungen um das Kraftwerk Zwentendorf vor dem Sommer 1978 dadurch die Spitze abbrach, dass er sich plötzlich für eine Volksabstimmung in dieser Materie entschied, während in der Causa Hainburg ein solcher Deus ex machina nicht zur Verfügung stand. 
 

Meine Damen und Herren!

Hainburg war für Freda Meissner-Blau eine große Bewährungsprobe in menschlicher und politischer Hinsicht, die sie letztlich in eindrucksvoller Weise bestanden hat. Auch für mich war das eine schwierige Zeit mit massiven Interessensgegensätzen und einander entgegen gesetzten Loyalitäten im Spannungsfeld zwischen Recht und Emotion – vielleicht auch Recht und Vernunft. 

Karl Blecha, der Innenminister dieser Tage, war seit Jahrzehnten einer meiner engsten Freunde, aber auch der „Auhirsch“ Günter Nenning war ein sehr enger Freund.  

Ich war Minister der Regierung Sinowatz, aber ich war auch Präsident der Österreichischen Naturfreundebewegung.  

ÖGB-Präsident Anton Benya saß zornig und ungeduldig in der Hohenstaufengasse und Umweltminister Franz Kreuzer verzweifelt in seinem Ministerium. 

Als sich die Auseinandersetzungen um Hainburg im Spätherbst 1984 zuspitzten, lernte ich Fred Sinowatz, den ich sehr gut kannte, noch besser kennen und schätzen. Sein Kopf sagte ihm, dass er als Bundeskanzler alle Instrumente der staatlichen Autorität in Anspruch nehmen muss, um sich durchzusetzen. Aber sein Herz verabscheute Härte, Polizei, Gewalt oder gar Blutvergießen. 

Auf der anderen Seite des Verhandlungstisches im Ministerzimmer des Parlaments am 14. Dezember 1984 saß eine Delegation der Auschützer. Freda Meissner-Blau vertrat ihren Standpunkt mit glühender unerschütterlicher Überzeugung. Einer Ihrer Sätze lautete: Wenn ihr wirklich die Bagger- und Schubraupen schickt, müsst ihr über mich drüberfahren, denn ich werde keinen Zentimeter zurückweichen. Es war eine Hartnäckigkeit, die mich damals – Du weißt es Freda – aufregte und mir gleichzeitig imponierte.  

Als wir gegen Jahresende über den Stand der Dinge nachdachten, entschlossen wir uns zu einer Nachdenkpause, obwohl wir wussten, dass dies der erste Schritt zum Aus für das Kraftwerksprojekt war.

Aber es war ein richtiger Schritt.  
Zurück zu Freda Meissner-Blau. 

Ihr großer Beitrag zur Verhinderung des Donaukraftwerkes Hainburg erhöhte ihr Ansehen in der sich bildenden und festigenden Grünbewegung ganz außerordentlich. Diese noch sehr heterogene, junge Bewegung begann sich zu konsolidieren und bereitete sich auf eine Kandidatur für die Nationalratswahl 1986 vor. Die Umrisse einer grünen Partei oder Bewegung nahmen Kontur an.

Univ.Prof. Alexander van der Bellen wurde damals für mich ebenfalls ein geschätzter Gesprächspartner. 

Noch vorher – vielleicht als eine Art Probegalopp - ließ sich Freda überreden, bei der anstehenden Bundespräsidentenwahl gegen Kurt Waldheim, Kurt Steirer und vor allem auch gegen Otto Scrinzi anzutreten. Sie erreichte mit 5,5 % der abgegebenen Stimmen einen Achtungserfolg. 

Damit war sie auch die logische Spitzenkandidatin der neugegründeten „Grünen Alternative“ und sicherte dieser bei der Nationalratswahl vom 23. November 1986 mit 4,8 % der Stimmen und 8 Mandaten (davon 7 Männer und eine Frau) zum ersten Mal den Einzug in den Österreichischen Nationalrat.  

Freda Meissner-Blau wurde zur Klubvorsitzenden gewählt und da ich zum gleichen Zeitpunkt von der Regierung wieder ins Parlament zurückkehrte und ebenfalls zum Klubobmann gewählt wurde, folgte eine Phase enger parlamentarischer Zusammenarbeit. 

Dennoch war mir nicht klar, warum Freda zwei Jahre später, am 6. Dezember 1988 ihr Mandat und damit auch die Funktion als Klubvorsitzende zurücklegte. 

Jedenfalls war der Wahlerfolg von 1986, der ohne die Persönlichkeit und die Glaubwürdigkeit der heute Auszuzeichnenden wohl kaum zustande gekommen wäre – keine Eintagsfliege, sondern der Beginn einer jetzt schon 27 Jahren anhaltenden Präsenz der Grünen in der österreichischen Politik auf Bundes-, Länder- und Gemeindeebene. 

Freda Meissner-Blaus Abschied aus dem Parlament war aber kein Abschied von der Politik. Sie war und blieb ein politischer Mensch im aktivsten Sinne des Wortes und hat in Wort und Schrift weiter für ihre Anliegen und Prinzipien gekämpft und tut das auch heute noch. 

Sie ist unermüdlich. 

1991 hat sie den Konrad-Lorenz-Preis erhalten, aber staatliche Auszeichnungen viele Jahre hindurch abgelehnt.  

Ich bin besonders froh und glücklich, dass ich zu guter Letzt bei einem nochmaligen Versuch keine Abfuhr erhalten habe. 

Mit großer Freude und mit Dank für Deinen positiven Einfluss auf viele wichtige Entscheidungen und Weichenstellungen in unserem Land, mit Dank für Deine wichtige Rolle in Bezug auf politische Kultur und mit Dank für eine aus schwierigen Anfängen gewachsene, vertrauensvolle Freundschaft darf ich Dir heute das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse überreichen. 

Herzlichen Glückwunsch und alles Gute!

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