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"Ich wünsche Ihnen offene Augen, offene Ohren und uns allen wünsche ich offene Herzen."

27.07.2017 | Reden

Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen anlässlich der Eröffnung der Salzburger Festspiele 2017 in der Felsenreitschule zu den Themen Macht und Digitalisierung

Sehr geehrte Damen und Herren!

Es sind heute schon so bravouröse Begrüßungsslaloms hingelegt worden. Sie erlauben, dass ich eine Abkürzung wähle und einfach sage: Hochverehrte Festgäste aus dem In- und Ausland und vor allem liebe Mitglieder aus dem Mozarteum Orchester!

 

Ich glaube, es ist nicht übertrieben zu sagen, dass sich Ihre Begeisterung beim Spielen unmittelbar auf all ihre Zuhörerinnen und Zuhörer hier im Saal überträgt. Vielen Dank!

 

Nach Ferdinand von Schirach möchte man eigentlich im Hörsaal sein und sagen „Bitte, ich habe eine Frage“. Um zu diskutieren, was Sie gesagt haben. Nur zum Beispiel: Sie haben gesagt: „Jede Veränderung muss reversibel sein.“ Das wäre schön. Sie wissen, ich bin aus dem Kaunertal und da gibt es den Stausee und da wurde natürlich Natur vernichtet seinerzeit. Jetzt könnte man den Damm sprengen, das Wasser ablassen, die alte Alm und die Zirben wieder wachsen lassen. Aber das dauert 500 Jahre - ganz bestimmt. Ist das jetzt reversibel oder nicht? Und wir hier, die wir hier sitzen, wir haben eine Entscheidung getroffen zwischen verschieden Alternativen. Wir könnten draußen sparzieren gehen, aber nein, wir sitzen hier. Diese Entscheidung ist irreversibel, weil die Zeit verrinnt.

 

Aber politisch gesehen, was Sie erwähnt haben, über Mehrheit und Minderheit in einer Demokratie, das finde ich ganz interessant und hochwichtig. Wirklich. Über die Balance, die wir halten müssen zwischen der Mehrheitsentscheidung einerseits und dem Minderheitenschutz andererseits.

 

Die Mehrheit kann ihre Interessen durchsetzen. Die Minderheit tut sich schon definitionsgemäß schwerer damit. Ich glaube, die Qualität unserer Demokratie bemisst sich auch daran, wie wir mit unseren Minderheiten umgehen.

 

In gewisser Weise ist dies auch Thema in Mozarts „La Clemenza di Tito“ heute Abend. Wie geht jemand mit sehr großer Machtfülle um? Oder wie soll er damit umgehen?

Ist es in dieser Oper der Einzelne, der der uneingeschränkte Herrscher ist, geht in unserer Demokratie die Macht vom Volke aus. Das ändert jedoch gar nichts an der höchsten Verantwortung, die im Ausüben von Macht liegt.

 

Und die Herrschaft, ob sie jetzt ein König ausübt oder das Volk – mehr oder weniger direkt - diese Herrschaft kann immer in Tyrannei umschlagen, wenn sie sich nicht selbst beschränkt. Egal ob es der König ist oder das Volk, das dahintersteht.

 

Also vielen Dank, lieber Herr von Schirach, für diese sehr inspirierende Rede, die ich gerne noch und noch einmal nachlesen werde.

 

Meine Damen und Herren!

Eine der Konstanten der Salzburger Festspiele ist der „Jedermann“. Das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“. Ein interessanter Untertitel gerade in Zeiten, da die Kluft zwischen arm und reich größer wird in Europa - und auch bei uns in Österreich.

Wir alle wissen es, wir lesen fast täglich darüber - wenn wir es lesen wollen:

Zehn Prozent der reichsten Österreicherinnen und Österreicher besitzen rund zwei Drittel des Vermögens. Innerhalb Europas ergibt sich ein ganz ähnliches Bild.

 

In soziologischen Umfragen stellt sich regelmäßig folgendes heraus: Wenn Sie reiche Menschen fragen, wer von Ihnen sich wirklich reich fühlt, zählen die allermeisten sich selber nicht dazu. Vielmehr ist es üblich, sich zum „Mittelstand“ zu zählen.

 

Reich ist immer der andere. Das ist – jedenfalls bis zu einem gewissen Grad - durchaus nachvollziehbar: Man orientiert sich quasi nach oben. Das ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Diese Eigenschaft ist auch wichtig, da sie ein Motor für Veränderung ist. Unzufriedenheit mit dem Status Quo, das Streben nach Verbesserung ist essentiell.

Ich komme aus der Wissenschaft und weiß, dass nur das Infragestellen der existierenden Wahrheiten und Weisheiten zu neuen Erkenntnissen oder neuen Forschungsresultaten führt.

 

Von Hofmannsthal nehme ich aus dem „Jedermann“ mit: Vermögensbildung ist nichts wert ohne Herzensbildung. Die vornehme Pflicht – das scheint mir eine Botschaft zu sein - jedes starken, wohlhabenden, erfolgreichen Menschen ist, auch für die Menschen da zu sein, denen es nicht so gut geht. Der Stärkere möge die Weisheit besitzen, den Schwächeren zu achten. Auf diese Kurzformel könnte man es vielleicht bringen. Oder  politisch formuliert: der Mächtige möge den Ohnmächtigen bemächtigen. Empathie ist die Voraussetzung für Solidarität!

 

Ich glaube, dass diese Art von Mitfühlen, Hineinversetzen können in den anderen, diese Empathie Voraussetzung für Solidarität ist – Brüderlichkeit hat man das früher genannt. Auf lange Sicht ist sie die Voraussetzung für politische Stabilität.

 

Insofern - ich weiß nicht, ob ich hier Hofmannsthal korrekt interpretiere - scheint es mir, Aufgabe der Politik zu sein, vom „Jedermann“ abzurücken. Im Stück wird sozusagen die gnädige Geste des „Jedermann“ den Ärmeren gegenüber betont. Aber das kann es wohl politisch nicht sein. Sondern die, die drohen, unterzugehen, brauchen ein Anrecht auf Unterstützung.

 

Herr von Schirach hat auch die Entwicklung der neuen sozialen Medien erwähnt. Beim Zuhören habe ich mir gedacht: "Ja. Ja. Ja. Da hat er Recht“. Weil ich aus der Wissenschaft komme, versuche ich immer ein Fragezeichen zu finden. Und dann ist mir eingefallen, - for better or for worse - aber den Wahlkampf 2016 hätten mein Team und ich nie gewinnen können ohne die neuen sozialen Medien. For better or for worse, sagte ich. Ganz einfach deswegen, weil sie einen Direktkontakt mit dem Publikum ermöglichen, den es früher auf diese Weise nicht gegeben hat.

 

Aber ich glaube auch, dass eine reale Gefahr besteht, dass wir uns in eine Art digitales Biedermeier bewegen. Ein digitales Biedermeier, das dadurch charakterisiert ist, dass die neuen Facebook-Freunde die alten Biedermeier-Salons ersetzen. Der Einzelne richtet sich in seiner Echokammer ein, und das jeweils Andere, Fremde erreicht ihn dort nur mehr als fernes Bild, das man genauso gut ignorieren kann.

 

Ich glaube schon, dass es sich hin und wieder lohnt, den Blick vom Display zu erheben und aufrecht um sich und in die unmittelbare und weitere Umwelt zu blicken. Und – jetzt komm ich zurück auf das, was wir vorhin gehört haben – sich bei diesem Blick nach außen, hin und wieder – an der Haltung Voltaires zu orientieren.

 

Voltaire hätte Alternativen gehabt. Er hätte ein gutes, intellektuelles, friedliches Leben auch nach der Information über Calas haben können. Er hätte sich in seinen Lehnstuhl vor dem Kaminfeuer zurücklehnen können. Aber das hat er nicht getan. Und genau dafür hat er sich von der Nachwelt den Respekt und die Dankbarkeit verdient, die wir ihm gegenüber empfinden.

 

Meine Damen und Herren!

Jedes Jahr sind die Salzburger Festspiele das Resultat enormer Anstrengungen und künstlerischer wie organisatorischer Meisterleistungen.

Ich möchte daher dem neuen Intendanten Markus Hinterhäuser – stellvertretend für alle Mitwirkenden, die hier vor, über und unter der Bühne arbeiten – aufrichtig danken und für die weitere Arbeit in Salzburg das Beste wünschen.

Für die nun kommenden Festtage von Theater und Musik wünsche ich Ihnen, meine Damen und Herren, offene Augen, offene Ohren und uns allen wünsche ich offene Herzen.

In diesem Sinne erkläre ich die Salzburger Festspiele für eröffnet!

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