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”Ich bin so erschüttert wie die Bevölkerung”, Kurier, 29.06.2006

29.06.2006 | Interviews und Beiträge

KURIER, 29.06.2006

Bundespräsident Fischer nimmt im KURIER-Interview erstmals zur Bawag/ÖGB-Affäre Stellung

KURIER: Herr Bundespräsident, hat Österreich bei der EU-Präsidentschaft inhaltliche oder nur seine kulinarischen Stärken ausgespielt?

Heinz Fischer: Wenn man einigermaßen realistisch beurteilt, was im Rahmen einer Präsidentschaft möglich ist, dann müssen wir uns für die österreichische Präsidentschaft nicht genieren. Es haben sehr viele daran mitgewirkt, dass sich der österreichische EU-Vorsitz nicht verstecken muss. In der Frage der Erweiterung hat Österreich eine kluge Position eingenommen, auch der Lateinamerika-Gipfel wird längerfristig Auswirkungen haben. Ich höre viel positiven Respons aus Lateinamerika. Der Andenpakt hat wieder Fuß gefasst. Verschiedene lateinamerikanische Staaten haben erkannt, dass die EU ein wichtiger Wirtschaftspartner ist. Auch im Dialog mit den USA wurden viele konkrete Standpunkte ausgetauscht.

KURIER: Zur Innenpolitik: Kanzler Schüssel hat den Bawag-ÖGB-Skandal als den größten Wirtschaftsskandal der Zweiten Republik bezeichnet. Sehen Sie das auch so?

Heinz Fischer: Es ist eine Entwicklung, die mich genau so betroffen gemacht und erschüttert hat wie einen Großteil der Bevölkerung. Ich denke oft an den Satz aus meinem Wahlkampf ,Politik braucht ein Gewissen'. Der Satz muss ausgedehnt werden auf wirtschaftliche Aufgaben. Gewissenhaftes Handeln ist unverzichtbar.

KURIER: Eine Konsequenz der Bawag-Affäre ist es, dass Spitzenfunktionäre der Gewerkschaft nicht mehr Mandatare des Nationalrates sein sollen. Finden Sie das okay?

Heinz Fischer: Ich kann dazu drei Dinge sagen: Erstens, die Verfassung sieht keine Unvereinbarkeit zwischen Interessensvertretung und einem Mandat im Nationalrat vor. Zweitens: Politisch gesehen hat es jede Partei selbst in der Hand, über eine Kandidatenliste zu entscheiden. Drittens gibt es eine erkennbare langfristige Tendenz, Mandate im Nationalrat schrittweise von anderen wichtigen Funktionen zu entkoppeln.

KURIER: Wie war es früher?

Heinz Fischer: Als ich im Parlament zu arbeiten begonnen habe, war der Landeshauptmann von Wien, Franz Jonas, Mitglied des Nationalrates, Bürgermeister von großen Städten waren Abgeordnete, es waren auch Spitzenvertreter der Sozialpartner im Parlament. Sogar Minister waren Mandatare des Nationalrates. In jenem Ausmaß, wie die Arbeitsbelastung als Mandatar größer geworden ist, hat die Tendenz zur Arbeitsteilung an Boden gewonnen.

KURIER: Der Bawag-Skandal hat auch ihre Ex-Partei und den ÖGB erschüttert. Im Zentrum stehen Leute, die Sie sehr gut kennen, wie Fritz Verzetnitsch. Was sagen Sie dazu?

Heinz Fischer: Über unmittelbare Wahlchancen will ich mich als Bundespräsident nicht äußern. Dass mich das Ganze als Mensch schmerzt und mir Kopfzerbrechen bereitet, steht fest. Dass eine solche Entwicklung möglich war, und dass die Ursachen noch immer nicht wirklich fassbar sind - und scheinbar lange Zeit nicht einmal für die Finanzaufsicht erfassbar waren - steht auch fest. Es schmerzt mich auch, dass so viel Österreicherinnen und Österreicher aus diesem Anlass generell über die Gewerkschaftsbewegung zornig und verärgert sind.

KURIER: Nach Ablauf der EU-Präsidentschaft wird nun der Nationalratswahlkampf losgehen. Sie haben in Ihrem Bundespräsidenten-Wahlkampf ein Fairness-Abkommen unterschrieben. Soll es ein solches Abkommen jetzt auch geben?

Heinz Fischer: Ich bin eindeutig dafür. Den Parteien fallen keine Perlen aus der Krone, ein Fairness-Abkommen zu schließen. Ich weiß, dass das keine Wunder wirken kann und einen Wahlkampf zu keinem Kaffekränzchen macht, es ist aber ein Zeichen, dass man den Gedanken der Fairness ernst nimmt. Der Inhalt des Fairness-Abkommens muss für die Öffentlichkeit nachvollziehbar sein.

KURIER: Das wäre eine Art Fünf-Parteien-Abkommen mit einem Schiedsrichter?

Heinz Fischer: Wie viele Parteien den Pakt abschließen, weiß ich nicht. Wenn zwei große Parteien das machen, ist es positiv. Wenn auch andere dazukommen, ist es noch positiver. Wenn man von vornherein Spielregeln festlegt, funktioniert der Wahlkampf besser als wenn man Fouls hinterher jagt.

KURIER: Im Wahlkampf könnte passieren, dass sich weniger die Politiker gegenseitig verletzen, sondern dass Politiker Ausländer verletzen.

Heinz Fischer: Es ist Aufgabe aller Parteien mitzuhelfen, dass im Wahlkampf nicht andere zu Schaden kommen und keine Feindbilder entstehen, die schlimme Folgen hätten.

KURIER: Wie beurteilen Sie die Absicht der ÖVP, das Anbringen zweisprachiger Ortstafeln per Verfassungsgesetz zu regeln?

Heinz Fischer: Das hängt davon ab, was in diesem Gesetz steht. Wenn man endlich für die Durchführung des Staatsvertrages eine gute Lösung findet, der die slowenische Minderheit zustimmt, dann ist die Frage, ob es ein einfaches Bundesgesetz oder ein Verfassungsgesetz ist, nicht der springende Punkt. Wenn es Konsens gibt, wenn es eine Öffnungsklausel und einen Bestandsschutz gibt, wenn die Judikatur des Verfassungsgerichtshofs beachtet wird, dann hätte ich kein schlechtes Gewissen. Was ich entschieden ablehnen würde, ist eine Lösung, die den Verfassungsgerichtshof desavouiert.

KURIER: Welche Legitimität hat Haiders Ortstafel-Umfrage in Südkärnten?

Heinz Fischer: Sie nähert sich asymptotisch gegen null.

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