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Festakt anlässlich 650 Jahre Universität Wien

12.03.2015 | Reden

"Staatlichen Institutionen und auch die Zivilgesellschaft machen einen Fehler, wenn sie die Bedeutung von Wissenschaft und Forschung unterschätzen", appelliert der Bundespräsident in seiner Ansprache

 Sehr geehrte Damen und Herrn!

 

Die heutige Festveranstaltung steht im Zeichen der eindrucksvollen Tatsache, dass die Universität Wien im Jahr 1365, also vor 650 Jahren gegründet wurde.

Das heißt sie wurde gegründet als der Erfinder des modernen Buchdruckes Johannes Gutenberg oder der Entdecker Amerikas Christoph Kolumbus noch lange nicht geboren waren.

Sie wurde gegründet 118 Jahre vor der Geburt von Martin Luther, 200 Jahre vor der Gründung der Spanischen Hofreitschule oder 199 Jahre vor der Geburt von Galileo Galilei, also zu einer Zeit, als sich die Sonne noch unbehelligt um die Erde drehte. Diese Kontinuität von 650 Jahren macht die Alma Mater Rudolfina zur ältesten Universität im deutschen Sprachraum.

Mir erscheint das ehrwürdige Alter unserer Wiener Universität auch besonders eindrucksvoll, wenn ich mir in Erinnerung rufe, dass vor 50 Jahren – also 1965 – der 600. Geburtstag der Wiener Universität gefeiert wurde – ein Ereignis, das mich damals als jungen Absolventen der Wiener Universität sehr beeindruckt hat und das in meiner Erinnerung sehr weit zurückliegt. Dabei sind diese 50 Jahre gerade 1/13 jener 650 Jahre, auf die die jubilierende Universität insgesamt zurückblickt.

Und dennoch: wie viel hat sich allein in den letzten 50 Jahren verändert? Dabei meine ich nicht nur die quantitativen Veränderungen z.B. die Tatsache, dass es an der Wiener Universität vor 50 Jahren ca. 18.000 Studierende gegeben hat, während heute 94.000 Studierende an der Wiener Universität inskribiert sind. Ich meine z.B. auch die Tatsache, dass der Anteil der weiblichen Studierenden vor 50 Jahren etwa bei 36 % gelegen ist und heute nicht weniger als 62,5 % erreicht hat. Und ich meine auch die Veränderungen im Selbstverständnis der Universität und in ihrer gesellschaftspolitischen Position.

Wie heftig der Kulturkampf und der Kampf der Weltanschauungen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auch an der Wiener Universität tobte – bis hin zum Mord an Moritz von Schlick – wissen wir aus der Geschichte. Viele Spannungen in der Gesellschaft fanden an der Universität nicht nur ihren Widerhall, sondern verdichteten sich wie in einem Brennglas.

Und welche Verwüstungen der Nationalsozialismus auch und gerade an der Wiener Universität in jeder Beziehung des Wortes angerichtet hat, ist heute bei vernunftbegabten Wesen unbestritten.

 

Aber auch die ersten Jahre und Jahrzehnte nach der Wiedererrichtung eines selbständigen und demokratischen Österreich am 27. April 1945 – ein Ereignis das in wenigen Wochen genau 70 Jahre zurückliegen wird – waren für die österreichischen Universitäten und im Besonderen für die größte und älteste der österreichischen Universitäten ausgesprochen schwierig. Überreste aus der Zeit des Nationalsozialismus mussten beseitigt werden. Bei der Frage der Rückholung von Wissenschaftern, die aus rassischen und/oder politischen Gründen aus Österreich vertrieben wurden, herrschte Unsicherheit und Uneinigkeit. Ein zeitgemäßer wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Pluralismus stieß auf beträchtlichen Widerstand von jenen, die den Status quo verteidigen wollten und denen Pluralismus unerwünscht war. Auch die Affäre um Prof. T. Borodajkewycz reichte bis ins Jahr 1965.

 

Vor diesem Hintergrund habe ich dennoch – wie schon erwähnt – die 600 Jahr-Feier der Universität Wien oder zumindest große Teile davon in guter Erinnerung.

Im Rahmen des Begleitprogrammes zu den Jubiläumsveranstaltungen gab es z.B. Vorträge von Ernst Bloch, von Johannes Baptist Metz, von Manes Sperber, von Rudolf Augstein, von Bischof Tutu aus Südafrika und Lesungen wie zum Beispiel von Ingeborg Bachmann.

Das waren interessante Vorgriffe auf die kommenden Jahre, es war ein reformorientiertes, aber im Vergleich zu Berlin oder Paris, gemäßigtes Wiener Universitätsklima, das sich hier bemerkbar machte.

Umso stärker wurde in manchen offiziellen Reden der Begriff der Autonomie der Universität beschworen, die vom damaligen Unterrichtsminister Dr. Piffl-Percevic in seiner Festrede als „Unterpfand der Geistesfreiheit“ definiert wurde.

Der springende Punkt der damaligen Diskussionen war aber die Frage, ob die Autonomie in den damaligen Strukturen und in der damaligen Praxis nicht primär die Geistesfreiheit der beati possidentes schützte und gleichzeitig als Instrument verwendet werden konnte, um andere Meinungen, um einen wissenschaftlichen Pluralismus, um dissenting opinions von der Universität fernzuhalten.

Empirisches Material zur Untermauerung dieser Befürchtung hat es in Hülle und Fülle gegeben.

 

Sehr geehrte Damen und Herrn!

Ich denke, es hat sich an der Wiener Universität viel verändert in den letzten Jahrzehnten und in der Regel zum Besseren.

Über Autonomie wird heute weniger geredet, dafür wird sie mit größerer Selbstverständlichkeit praktiziert und das ist gut so.

Es ist auch etwa 50 Jahre her, dass in Österreich das erste Studienförderungsgesetz mit einem Rechtsanspruch auf ein Stipendium bei Vorliegen bestimmter Voraussetzungen vom Nationalrat beschlossen wurde.

Und es ist ca. 50 Jahre her, dass die erste Hochschulreformkommission eingesetzt wurde, der noch weitere folgen sollten, die auch konkrete Ergebnisse erzielten.

Es ist meine persönliche Überzeugung, dass sich in den 50 Jahren von 1965 bis 2015 an den österreichischen Universitäten mehr zum Positiven verändert hat, als in den 100 Jahren von 1865 bis 1965.

Das enthebt uns nicht der Verpflichtung zu sagen, dass heute die Frage der Dotierung von Lehre, Wissenschaft und Forschung in Österreich und europaweit zu den größten Problemen der Universitäten zählt.

Ich weiß, dass der heute amtierende Wissenschafts- und Wirtschaftsminister Dr. Mitterlehner um diese Probleme Bescheid weiß und ich unterstütze nicht nur die Universität, sondern auch die zuständigen Regierungsmitglieder, wenn ich diesen schönen Anlass des Universitätsjubiläums dazu nutze, um mit aller Deutlichkeit festzustellen:

Die staatlichen Institutionen und auch die Zivilgesellschaft machen einen Fehler, wenn sie die Bedeutung von Wissenschaft und Forschung unterschätzen.

Und die staatlichen Institutionen und auch die Zivilgesellschaft handeln verantwortungsvoll und zukunftsorientiert, wenn sie sich mit den bisherigen Anstrengungen für Wissenschaft und Forschung nicht zufrieden geben. Die soziale Sicherheit in Österreich, unser Gesundheitssystem, der Schutz unserer Umwelt / sowie Kultur, Wissenschaft und Forschung sind tragende Säulen dessen, was Österreich ausmacht. Diese Säulen müssen im Interesse kommender Generationen gestärkt und gefestigt werden.

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ich bin stolz, dass ich an der Wiener Universität studieren und promovieren konnte.

Ich verdanke der Universität sehr viel. Ich habe auch viele Freundschaften an der Universität geschlossen. Ich habe viele Professorinnen und Professoren persönlich kennen und schätzen gelernt. Ich habe nicht nur als Abgeordneter sondern auch als Wissenschaftsminister gerne den Satz von Ernst Bloch zitiert und bejaht, welcher lautet: „Die Universitäten sollen den Mächten des Vorhandenen die Schleppe nicht nach- sondern die Fackel vorantragen.“ Diese Aufgabe gilt es auch in Zukunft zu erfüllen.

Das Motto der diesjährigen Feierlichkeiten „Wir stellen die Fragen“ ist ein gutes, ein selbstbewusstes Motto. An der Beantwortung von Fragen zu arbeiten ist die vornehmste Aufgabe der Wissenschaft.

Ich freue mich, dass ich heute als Bundespräsident der Universität Wien zum 650 Jahr-Jubiläum gratulieren kann, und dass ich meine Verbundenheit mit der großen Gemeinschaft der Lehrenden und Studierenden zum Ausdruck bringen kann. Ich wünsche der Universität Wien für die Zukunft, gute Antworten und viel Erfolg.

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