Rootline Navigation

Feierliche Sitzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

15.05.2013 | Reden

Bundespräsident würdigt das scheidende Präsidium für seine Reformleistungen sowie die intensive Aufarbeitung der Geschichte der Akademie in den Jahren 1938 bis 1945. Die Feierliche Sitzung ist Höhepunkt im Arbeitsjahr der ÖAW

Rede von Bundespräsident Dr. Heinz Fischer anlässlich der Feierlichen Sitzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften am Mittwoch, dem 15. Mai 2013

Sehr geehrte Damen und Herren!

Es ist vermutlich ein Zufall, dass die diesjährige Festsitzung der ÖAW auf den 15. Mai fällt, also den Tag der Unterzeichnung des Staatsvertrages von Wien im Jahr 1955. Dieser Staatsvertrag von 1955 bildete den zweiten Schritt bei der Wiederherstellung eines selbständigen, unabhängigen und demokratischen Österreich, nachdem der erste Schritt im Frühjahr 1945 mit der Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945, mit dem Zusammenbruch der Nationalsozialistischen Diktatur und der Beendigung des Zweiten Weltkrieges in Europa gesetzt wurde.

Die ÖAW beteiligt sich dankenswerter Weise an der Bearbeitung zeitgeschichtlicher Themen, in dem sie die Situation der Akademie in den Jahren 1938 bis 1945 untersuchte und ihrer Rolle zur NS-Zeit mit einer Ausstellung darstellt, deren Katalog beachtliche Ergebnisse zeitgeschichtlicher wissenschaftlicher Arbeiten enthält.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ich möchte daher an diesem 15. Mai auch einige Anmerkungen zur Geschichte unserer Akademie nach 1945 machen.

Im April 1938 nach dem sogenannten Anschluss wurde Heinrich von Srbik zum Präsidenten der Akademie bestellt; ein ohne Zweifel bedeutender Historiker, aber ein erklärter Nationalsozialist. Gleichzeitig wurde in der neu gefassten Satzung der Akademie die Förderung der Wissenschaft in den Dienst des deutschen Volkes – und das hieß in der Praxis in den Dienst des NS-Staates gestellt.

Der „Anschluss“ als solcher war keine Erfindung des Nationalsozialismus. Geistesgeschichtlich ist er vielmehr eine Konsequenz des viel älteren nationalstaatlichen Denkens, das schon im 19. Jahrhundert und dann verstärkt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusehends an Boden gewonnen hat.

Die junge Republik Deutsch-Österreich erklärte sich im Beschluss vom 12. November 1918 zu einem Teil des deutschen Reiches, aber der Staatsvertrag von St. Germain verbot den sogenannten Anschluss – außer mit Zustimmung des Rates des Völkerbundes. Der Anschluss-Gedanke blieb trotzdem lebendig, aber umstritten. Als Adolf Hitler im Jänner 1933 die Staatsführung im deutschen Reich übernahm hieß es Farbe zu bekennen, denn von da an liefen Anschlussgedanke und NS-Gedankengut immer mehr parallel. Die weitere Entwicklung ist gut bekannt.

Die Farce einer Volksabstimmung im April 1938 nach dem der Anschluss Österreichs an Deutschland längst vollzogen war sagt nichts über die wirkliche Meinung der Menschen aus. Von einer freien Entscheidung konnte nicht im Geringsten die Rede sein und das Resultat war daher wertlos.

Es war eine nicht zu quantifizierende Zahl unter den Abstimmenden, die in Adolf Hitler den Garanten des ersehnten Anschlusses sah und diesen begrüßten; sie nahmen die NS-Ideologie nicht nur in Kauf, sondern sahen in ihr vielfach die Erfüllung lang gehegter Wünsche.

Ebenso wenig war aber auch die Zahl der Hitler- und Anschluss-Gegner des Jahres 1938 quanitfizierbar, weil es sich damals um das exakte Gegenteil einer freien und geheimen Abstimmung handelte.

Heinrich Srbik gehörte nach seinen eigenen Aussagen eindeutig zu der erstgenannten Gruppe. Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes ergaben sich auch für die Österreichische Akademie der Wissenschaften zunächst personelle Konsequenzen, die freilich schon 1948 in vielen Fällen mit der Wiederaufnahme in die Akademie endeten.

Es ist viel darüber diskutiert worden, ob diese Vorgangsweise richtig, zumindest vertretbar oder inakzeptabel war. Wahrscheinlich kann man die Personalentscheidungen des Jahres 1948 nicht pauschal in eine dieser drei Kategorien einordnen, sondern die Antwort würde bei genauer Kenntnis aller Umstände wohl in jedem Einzelfall anders ausfallen.

Freilich scheint es damals eine Art Interessengemeinschaft der in den Nationalsozialismus verwickelten Akademiemitglieder gegeben zu haben, die mit vereinten Kräften mildernde Umstände ebenso in den Vordergrund rückte, wie Belastendes eher an den Rand gerückt wurde. Das alles liegt jetzt 50 und mehr Jahre zurück, aber wir wissen heute, dass man Ereignisse dieser Art nicht durch Verschweigen oder Verdrängen, sondern nur durch saubere Bearbeitung und Offenlegung entgiften kann.

Ich möchte daher den heute in der Akademie Tätigen für ihre Bemühungen um mehr Transparenz und Klarheit in den gerade besprochenen Bereichen danken.

Meine Damen und Herren!

Es ist nicht das erste Mal, dass ich bei einer Feierlichen Sitzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Gelegenheit habe das Wort zu ergreifen und einem scheidenden Präsidium für seine Arbeit zu danken. Heute möchte ich aber nicht nur danken, sondern hinzufügen, dass die Akademie bei Antritt des Präsidiums unter der Leitung von Professor Denk meines Erachtens sehr schwierige Aufgaben vorgefunden hat. Selten musste so viel an Veränderungen gearbeitet werden wie in den letzten Jahren. Und dabei meine ich nicht nur die wichtigen Weichenstellungen zur Entflechtung der Gelehrtengesellschaft vom Forschungsträger und die damit einhergehende Vorbereitung neuer, effizienter Strukturen – Ich meine auch und besonders eine neue Diskussions- und Streitkultur.

In den vergangenen Jahren haben immer mehr Persönlichkeiten darüber nachgedacht und Vorstellungen zu Papier gebracht, wie denn die Zukunft der Akademie aussehen könnte. Teils aus Unzufriedenheit mit den bestehenden Strukturen, teils auch aus dem Wunsch heraus, an Entscheidungsprozessen verstärkt teilhaben zu können. Dieser Wunsch nach Teilhabe an der Gestaltung und damit an den Geschicken der Akademie der Wissenschaften ist ein sehr wertvolles Anliegen. Es soll von einer historisch gewachsenen „Kabinettspolitik“ zu einer Kultur der Partizipation und dadurch auch zu einem neuen Verständnis der Identifikation mit der Akademie führen.

Und auch wenn ich über die damit einhergehenden Schwierigkeiten Bescheid weiß, darf ich dennoch aus Überzeugung sagen: Ich halte diese Entwicklung für wertvoll und längerfristig unverzichtbar!

Ich möchte mich daher besonders bei Präsident Denk, Vizepräsident Suppan und den beiden Klassenpräsidenten Jalkozy-Deger und Stingl bedanken. Ich glaube zu wissen, dass die letzten Jahre für Sie schwierig und kräfteraubend waren. Ich hoffe aber, es war auch schön und erfüllend an wichtigen Veränderungen mitzuarbeiten.

Herzlichen Dank und alles Gute für Ihre persönliche Zukunft!

Herr Bundesminister!
Meine Damen und Herren!

Ein scheidendes Präsidium der Akademie hat zur Folge, dass ein neues gewählt wurde und darauf wartet, seine Arbeit zu beginnen.

Mit Professor Zeilinger wurde einer der angesehensten Wissenschafter Österreichs, ja Europas an die Spitze unserer Akademie gewählt. Ich gratuliere herzlich. Auch Sie und Ihre Mitarbeiter/innen werden sehr schwierige Aufgaben vorfinden. Und zwar deshalb weil der Reformprozess ja noch nicht abgeschlossen, sondern vielmehr an jenem Punkt angelangt ist, an dem viele freilegelegte Drähte noch darauf warten, zu einem neuen, stärkeren Ganzen wieder verbunden zu werden.

Für diese Aufgabe wünsche ich Ihnen, sehr geehrter Herr Professor Zeilinger, und Ihrem Team den besten Erfolg; und ich wünsche Ihnen darüber hinaus, dass das lebhafte und konstruktive Engagement zahlreicher Mitglieder dieser Akademie aufrecht bleiben möge.

Abschließend darf ich versichern, dass ich auch weiterhin die Tätigkeit unserer Akademie der Wissenschaften, ihre Erfolge und ihre Sorgen mit großer Aufmerksamkeit verfolgen werde.

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften möge mehr denn je jener Leuchtturm des Wissens und der Forschung sein, den ihre Gründer wohl vor Augen hatten und den Österreich dringend braucht.

Alles Gute!

Aktionen