Meine Damen und Herren!
Gerne habe ich die Einladung angenommen, die Innsbrucker
Festwochen der Alten Musik 2005 zu eröffnen. Diese Festwochen finden nunmehr
zum 29. Mal sehr erfolgreich statt, und haben sich ganz der Pflege dieser
Musikgattung verschrieben. Dieser Schwerpunkt ist gut gewählt und sinnvoll,
weil Innsbruck auf eine besonders reiche und lange zurück reichende kulturelle
Geschichte blicken kann, und weil es eine Vielzahl an historischen Bauten gibt,
die für solche Musikdarbietungen geeignet sind. Außerdem hat eines der
schönsten Lieder der Renaissance die Stadt Innsbruck zum Thema:
„Innsbruck, ich muss dich lassen, ich zieh dahin mein Straßen“
so heißt es in jenem schwermütigen Lied, dessen Text keinem Geringeren als Kaiser
Maximilian persönlich zugeschrieben wird. Es klingt in diesem Lied der
Schmerz desjenigen nach, der in die Fremde ziehen und Innsbruck hinter sich
lassen muss. Ich habe allen Grund, jetzt anders gestimmt zu sein, weil ich eben
erst den umgekehrten Weg zurückgelegt und hier in Innsbruck eingetroffen bin.
Meine Damen und Herren!
Es ist eine Erfahrung, die wohl jede Generation neu machen
muss oder kann, dass das Alte oft ganz zeitgemäß wirkt, dass Vergangenes wie
eine aktuelle Botschaft auftritt, wenn man sich ernsthaft damit beschäftigt.
Mit einem Mal wirkt, was vergessen war oder verstaubt schien, frisch und
kraftvoll. Man darf, glaube ich, dieses Phänomen nicht mit dem heute besonders
geschätzten „Retro-Kult“ verwechseln. Dieser wendet sich dem Vergangenen
spielerisch und manchmal aus provokativer Lust an scheinbar nicht zeitgemäßen Ausdrucksformen
zu; Renaissance hingegen empfindet und macht das Alte zeitgemäß. Gemeint ist,
dass Vergangenes seine Kraft und Faszination nicht eingebüßt hat und zur
Zeitgenossenschaft taugt. Gerade auf dem Feld der Alten Musik hat man lange
Zeit den Eindruck gewonnen, sie sei vergessen und in der Musikgeschichte von
der Wucht der später geborenen Tongiganten wie Mozart, Beethoven oder Wagner förmlich
erdrückt worden.
In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich aber die Alte
Musik als durchaus lebendig, ja in vielerlei Hinsicht vom Geheimtipp
zum Publikumsliebling entwickelt.
Ich denke etwa an Henri Purcell, dessen Musik von Stanley
Kubrik für den Film entdeckt wurde, und dessen schöne Arien aus „Dido und
Aeneas“ durch die Interpretation von Klaus Nomi sogar in der Rockmusik Einzug
hielten oder an die „Goldberg-Variationen“ von Bach, die durch Glenn Gould auch
Menschen begeistern konnten, die nicht zu den Stammgästen der Konzertsäle
zählen. Oder Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, die durch Nigel Kennedy auch in den
Pop-Charts zur Nummer 1 wurden.
Gleichzeitig hat auch die Arbeit an einer möglichst
originalgetreuen Wiedergabe alter Musik hohe Anerkennung und großer Verbreitung
gefunden. Denken wir an die wirklich einfühlsame und überzeugende Art der
Interpretation durch Harnoncourt, der sich ein großes Publikum geschaffen hat
und auch an die unglaublich starke und weiter wachsende Verbreitung alter Musik
durch moderne Tonträger. Mit Hilfe einer einzigen CD-Box kann man sich in die
Welt von Vivaldi, Bach, Corelli, Locartelli oder Geminiani versetzen und
vertiefen.
Damit wird alte Musik zeit-genössisch im besten Sinne des
Wortes. D.h. sie begleitet, beschäftigt und erfreut uns hier und jetzt.
Eine solche Gültigkeit kommt auch jenem Thema und jener
Person zu, die im Zentrum der diesjährigen Innsbrucker Festwochen stehen: Don
Quijote.
Vieles an dieser überragenden Romanfigur von Miguel de
Cervantes ist mittlerweile fester Bestandteil unserer Sprache und unseres
Denkens geworden. Wer gegen Windmühlen kämpft, erinnert an den Ritter von der
traurigen Gestalt, und literarisch beeinflusst zeigt sich auch jemand, der sein
Pferd als treue Rosinante bezeichnet.
Mit der Inszenierung der Barockoper von Francesco Conti „Don
Chiscotte“ haben die Innsbrucker Festwochen nicht nur ein „Event“ der Wiener
Hofoper des frühen 18. Jahrhunderts auf dem Spielplan des Sommers, sie gedenken
damit auch des mittlerweile bereits 400. Geburtstages, den der Roman von
Cervantes in diesem Jahr begeht.
Zu dieser „Wiener Hofoper“ hat man als Bundespräsident – ob
man will oder nicht – eine besondere Beziehung: Nicht nur, dass sich gerade die
Präsidentschaftskanzlei in den Räumen eines Habsburgerherrschers befindet, der
selbst als Komponist in Erscheinung trat, nämlich Leopold I., auch mein
Arbeitszimmer wird von einer Barockoper dominiert: an den Wänden befindet sich
eine große Darstellung einer Aufführung der Oper von Christoph Willibald Gluck
„Il Parnasso Confuso“, die anlässlich der Hochzeit von Kaiser Josef II.
komponiert und aufgeführt wurde.
Wenn ich also gesagt habe, dass die Alte Musik auch unsere
Gegenwart begleitet, dann habe ich das auch in Bezug auf meinen Alltag in
einem ganz konkreten Sinn gemeint.
Ich möchte abschließend den Verantwortlichen für die
Festwochen in Innsbruck für ihr Engagement und ihre Arbeit danken, den Mitwirkenden
an den Konzerten und anderen Veranstaltungen wünsche ich viel Erfolg und gutes
Gelingen. Ich bin sicher, dass den Besucherinnen und Besuchern künstlerisch
interessante und hochwertige Aufführungen geboten werden.
Der Eröffnung der Innsbrucker Festwochen steht nichts mehr im
Wege. Sie sind eröffnet.