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Eröffnung der Bregenzer Festspiele 2013 unter dem Motto "Dem Licht entgegen"

17.07.2013 | Reden

"Und wenn wir wollen, dass die Menschenwürde unantastbar bleibt, dann muss auch das soziale Gefüge unserer Gesellschaft darauf ausgerichtet sein", forderte der Bundespräsident in seiner Rede

Sehr geehrte Damen und Herren!

Sehr gerne habe ich auch heuer die Einladung zur Eröffnung der 68. Bregenzer Festspiele angenommen. Für mich ist damit auch ein Bekenntnis zu den Bregenzer Festspielen verbunden.

Das diesjährige Festspiel-Motto „Dem Licht entgegen“, aber auch die Programmwahl - wie z.B. Mozarts "Zauberflöte" - lassen erkennen, dass nicht zuletzt die Ideale der Aufklärung bei den Festspielen thematisiert werden sollen.

Aufklärung das ist auch ein Bekenntnis zu Menschenrechten und zur Wahrung der Menschenwürde.

Wie schwer sich aber auch demokratische Gesellschaften mit der Wahrung der Menschenrechte tun, wenn sie unter innerem oder äußerem Druck stehen, hat uns die Geschichte vielfach bewiesen, und das Thema hat an Aktualität nicht verloren.

Kann man z.B. in Vietnam die Prinzipien des Humanismus und der Demokratie gegen den Kommunismus verteidigen, wenn sich im Arsenal der Verteidiger Folter an Gefangenen, Brand- und Giftbomben sowie andere Methoden der Barbarei befinden? - habe ich vor mehr als 40 Jahren in einem Aufsatz gefragt. Wir wissen, man konnte es nicht.

Der Bombenhagel amerikanischer Flugzeuge tötete nicht nur Soldaten und Zivilisten, sondern verwundete nachhaltig gerade jene Prinzipien, die in diesem Krieg verteidigt werden sollten.

Die amerikanische Gesellschaft hat lange daran gelitten.

Heute, und in den letzten Jahren, ist es vor allem der Terrorismus, der auch führende Akteure demokratischer Staaten in die Sackgasse jenes Prinzips zu treiben droht, das da lautet: Der Zweck heiligt die Mittel.

Das Problem ist uralt, aber immer noch ungelöst.

Manche sagen, es ist überhaupt nict zu lösen.

„Niemand kann regieren ohne schuldig zu werden“ lautete die Formel, auf die Saint Just seine Erfahrung in der französischen Revolution brachte, wo besonders hehre Ziele zu besonders massenhaftem Blutvergießen führten.

Der 2009 in Oxford verstorbene polnische Philosoph Leszek Kolakowski meinte dazu in einem Essay, nicht das Fehlen von Werten sei das Problem, sondern die unheilbaren Gegensätze in der Welt der Werte, die deren Relativierung und Verletzung zur Folge haben.

Mag sein.

Aber der Weg in die andere Richtung, also der Versuch dem Wertepluralismus oder Werteantagonismus einen einzigen Wert überzuordnen führt uns schnurstracks in den Totalitarismus.

Wir erinnern uns: „Wer für den Kommunismus kämpft, hat von allen Tugenden nur eine: Dass er für den Kommunismus kämpft“ ließ Bert Brecht in seinem Lehrstück „Die Maßnahme“ einen Funktionär sagen. Ein gigantischer Irrtum, wie wir heute wissen.

Daher ist größte Vorsicht und Skepsis geboten, wenn wir heute manchmal Rechtfertigungen für eine Abkehr von Grundprinzipien des Rechtsstaates hören, die so ähnlich klingen wie:  „Wer gegen den Terrorismus kämpft hat von allen Tugenden nur eine“ usw., usw.

Der Rechtsstaat darf nicht zur Disposition gestellt werden – weder diesseits noch jenseits des Atlantik.

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

Leszek Kolakowski hat in dem schon zitierten Essay auch geschrieben „Niemand kann in den Lackschuhen privater Tugend durch den blutigen Sumpf der Geschichte schreiten“.

Vielleicht finden wir einen gangbaren Ansatz für die Zukunft, wenn wir Kolakowski zu Ende denken und sagen: Es geht gar nicht primär um die Lackschuhe privater Tugend oder um individuelle Rechtschaffenheit im Sumpf der Geschichte, sondern es geht um die Qualität unserer Gesellschaft, um die Überwindung von Zuständen, die es unvermeidlich machen, sich Schuhe oder Hände oder beides schmutzig zu machen.

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

Die Aufklärung hat mitgeholfen das Faustrecht durch rechtsstaatliche Strukturen im nationalen Bereich zu überwinden.

Vor uns steht die Aufgabe das moderne Faustrecht, zu dem vor allem der Terrorismus zählt, im nationalen und internationalen Bereich zu überwinden.

Aufklärung, Demokratie und Menschenrechte sind dabei unverzichtbare Bestandteile.

Und wenn wir wollen, dass die Menschenwürde unantastbar bleibt, dann muss auch das soziale Gefüge unserer Gesellschaft darauf ausgerichtet sein.

Dann muss auch die Menschenwürde von Flüchtlingen oder von Menschen im Gefängnis unantastbar sein.

Dann müssen Vorurteile gegen andere Nationalitäten oder eine andere Hautfarbe überwunden werden.

Dann müssen wir unsere Bereitschaft zu grenzüberschreitender Zusammenarbeit und Wertschätzung stärken und dabei den Weg von der guten Absicht zur konkreten Handlung zurücklegen.

 

Meine Damen und Herren,

Die Kunst ist international und die Musik ganz besonders.

"Unsere" Bregenzer Festspiele sind daher eine gute Gelegenheit, diese Probleme, die uns so intensiv beschäftigen, anzusprechen – dem Licht entgegen.

Ich erkläre die Bregenzer Festspiele 2013 "liebevoll" für eröffnet.

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