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"Der Marshallplan hatte nicht nur eine wirtschaftliche Dimension, sondern auch eine psychologische, weil er Zuversicht gegeben hat."

21.06.2017 | Reden

Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen beim Festakt zum 70. Jahrestag des Marshallplanes

Sehr geehrte Damen und Herren,

Die enorme Bedeutung des Marshallplanes liegt in verschiedenen Dimensionen, in wirtschaftlicher Hinsicht ist das unbestreitbar. Aber auch in psychologischer und in politischer Hinsicht war der Marschallplan, davon bin ich überzeugt, etwas ganz Wesentliches nicht nur für den Wiederaufbau Westeuropas, sondern auch dafür, dass sich dann etwas von selbst entwickelt hat. Dass die USA nämlich Hilfe zur Selbsthilfe gegeben haben. Diese psychologische Bedeutung würde ich mindestens so hoch einschätzen wie die wirtschaftliche. 

Ich habe ein Zitat gefunden von George Marshall aus seiner berühmten Rede vom 5. Juni 1947, wo er sagt, es sei notwendig, den "Glauben der europäischen Völker an die Zukunft ihres Landes sowie Europas in seiner Gesamtheit wiederherzustellen". Den „Glauben an die Zukunft“! Das ist nichts anderes als der Versuch, Mut und Zuversicht wieder in eine Region einzuimpfen, der es tatsächlich katastrophal schlecht ging zu diesem Zeitpunkt. 

Ich möchte noch eine Zahl in das richtige Licht rücken. Zwischen 1948 und 1952 sind rund 13 bis 14 Mrd. Dollar nach Westeuropa geflossen. Aber zur damaligen Zeit. Wenn man sich überlegt, was das heute wäre, dann wären das etwa 10 – 15 Mal so viel. Wenn Österreich damals eine Milliarde Dollar erhalten hat, dann wären das heute 10 bis 15 Milliarden Dollar. Das sind etliche Prozent des österreichischen Bruttosozialprodukts. Insbesondere in den Jahren 1948/49 hat das ERP-Programm für Österreich sicher ganz wesentlich zur Stabilisierung und Erhöhung des Volkseinkommens beigetragen. 

Darüber hinaus war es wichtig, dass aufgrund dieser wirtschaftlichen Stabilisierung auch eine politische Stabilisierung eingetreten ist und gefördert wurde. Eine Förderung der europäischen Demokratie oder eine Immunisierung gegenüber den damals vorhandenen totalitären Ideologien. 

Und wenn wir heute betrachten, was aus Österreich, aus Europa, das in Trümmern lag, geworden ist, dann verdanken wir das vor allem der Politik George Marshalls. 

Insofern ist es kein Wunder, dass George Marshall 1953 den Friedensnobelpreis für seine Tätigkeit nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten hat. 

Damals wurden die Grundlagen gelegt für eine tiefe transatlantische Freundschaft zwischen Österreich und den USA.. Die Präsidenten kommen und gehen, die Freundschaft wird bestehen bleiben. Das gilt natürlich auch für österreichische Präsidenten, nur damit das klar ist.
 

Sehr geehrte Damen und Herren, 

Wohin sind die Mittel geflossen? In Industrieunternehmen, in Tourismusunternehmen, in Infrastrukturprojekte – Kaprun ist das prominenteste Beispiel. 

Die ERP-Mittel flossen aber zumindest im Westen von Österreich wirklich in die kleinsten Dörfer und abgelegensten Winkel, insbesondere in Tirol und Vorarlberg. 

Ein ERP-Projekt trägt die Nummer 171, datiert aus dem Jahr 1948 und beschreibt die Errichtung und den Betrieb von ERP-Bewässerungsversuchsanlagen am Kaunerberg-Hang im Oktober 1950 - meiner Heimat! 

Falls Sie mal ins Kaunertal kommen: Sie können mit dem Auto auf die Falkauns-Alm fahren, das ist erlaubt. Der Bewässerungskanal beginnt eine Alm weiter, bei der Galrutt-Alm und zwischen den beiden Almen fließt er durch einen Stollen. Dieser Stollen ist auch für Touristen begehbar, außer er ist gerade sehr voll mit Wasser. 

Der ganze Kanal – in Tirol nennt man das Waal - war damals gedacht als Bewässerungsprojekt für Obstanlagen weiter unten. Der Waal funktioniert noch und dient heute zur Bewässerung von Wiesen. Warum? Dieser Hang ist Südwest und es ist einer der regenärmsten Hänge von Österreich. Das ist damals natürlich – heute hat fast jeder einen Zweitberuf dort - essentiell von Bedeutung gewesen: Wie bekommen wir Wasser, das wir für die Wiesen und für die Kühe brauchen? 

Auch dieses Beispiel zeigt, dass der Marshallplan nicht nur eine wirtschaftliche Dimension hatte, sondern auch eine psychologische, weil er Zuversicht gegeben hat: Selbst wenn es extrem trocken ist, kann ich meine Wiesen bewässern. 

Vielleicht eines noch, weil es Vizekanzler Brandstetter auch angeschnitten hat. Das ist mir auch aufgefallen: Wann immer irgendwo über eine größere Krisenregion gesprochen wird, wo Hunger, Vertreibung oder wirtschaftliche Zerstörung herrschen, früher oder später fällt der Satz „Wir brauchen einen Marshallplan“. Das ist so in den Sprachschatz übergegangen, weil das ein Programm war, dass hunderten Millionen von Menschen geholfen und bewirkt hat, dass uns das immer als erstes Stichwort einfällt, wenn es um solche Programme geht. Natürlich Mutatis mutandis. Es wäre absurd anzunehmen, dass das, was 1950 im damaligen Westeuropa funktioniert hat, jetzt ohne weiteres z.B. in Westafrika auch so funktionieren würde. Da müsste man sich überlegen, was man heute anders macht, damit es genau so wirkt. 

Ich denke, daraus folgt eine gewisse Verpflichtung, nämlich für uns, die wir heute in Westeuropa und in den USA leben, darüber nachzudenken, ob wir dieses Stichwort Marshallplan, für jene Länder, denen es offensichtlich nicht so gut geht wie uns, etwas ernster nehmen sollten. 

Dankeschön!

 

 

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