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"Das Gedenken ist nicht nur das Anliegen der Überlebenden der Verfolgung. Es ist das Anliegen Österreichs, das sich damals selber eines Teils seiner Menschen beraubte"

05.11.2017 | Reden

Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen anlässlich der feierlichen Eröffnung der Gedenkstätte "wir erinnern - Begegnung mit dem jüdischen Mattersburg"

 

Exzellenz! Sehr geehrte Frau Botschafterin des Staates Israel, Talya Lador-Fresher!

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann Hans Niessl!

Sehr geehrter Herr Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch!

Frau Bürgermeisterin Ingrid Salamon!

Sehr geehrter Oberrabbiner Isaac Ehrenfeld!

Liebe Frau Gerda Frey!

Sehr geehrter Herr KR Michael Feyer!

Herr Oberkantor Mag. Shmuel Barzilai!

Herr Dr. Gert Tschögl,

Liebes Klezmer Trio!

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

 

Wir sind heute zusammengekommen, weil uns ein gemeinsames, ehrliches Bedürfnis eint:

das Bedürfnis nach mitfühlender Erinnerung.

Ich möchte daher zunächst danken für die Einladung. Heute hier zu sein, ist für mich eine Selbstverständlichkeit.

Es ist berührend, an diesem Platz zu stehen, wo bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten eine über die Grenzen hinaus bekannte Synagoge stand. Hier wurde gemeinsam gebetet, hier wurde aus der Thora gelesen. Hier wurde gelebt, diskutiert und gefeiert.

Es kommen aber auch zutiefst bedrückende Gedanken, wenn wir – wie eben meine Vorrednerinnen und Vorredner – an das unfassbare Leid erinnern, das den Jüdinnen und Juden von Mattersburg angetan wurde.

Die jüdische Bevölkerung wurde förmlich über Nacht in einen Abgrund gestürzt. Ihrer Würde beraubt, ihrer Rechte, ihres Besitzes und ihrer Heimat.

Und viele von ihnen, in schrecklicher Weise, auch ihres Lebens. Nur mehr wenige können aus Altersgründen von diesen grausamen Ereignissen persönlich berichten.

Umso dankbarer bin ich, dass heute auch Sie, Frau Gerda Frey, gekommen sind. Sie wurden als Gerda Brandl in Mattersburg geboren, und von hier vertrieben.

Ich las über Ihre Lebensgeschichte und bin froh, dass Sie, Frau Frey, die Kraft haben, an diesen Ort zurückzukehren und auch immer wieder über Ihr Leben zu berichten.

Sie mussten schon als Kleinstkind erfahren, wie es ist, wenn von einem Moment auf den anderen, jegliche Form von Menschlichkeit nicht mehr gilt.

Und das Besondere hier in Mattersburg und in anderen kleinen Städten ist: Es gab gar keine Anonymität.

Sie alle kannten einander. Die Verfolgten und Vertriebenen, die Täter und die tatenlosen „Bystander“. Schon Ende September 1938 hisste der Bürgermeister von Mattersburg, Franz Giefing, die weiße Fahne. Nicht als Zeichen des Friedens. Er hisste sie und verkündete: „Mattersburg ist judenfrei!“

„Die Juden“ waren keine Fremden. Sie waren Schulkolleginnen und Schulkollegen, Geschäftspartnerinnen und Geschäftspartner, Nachbarinnen und Nachbarn. Freundinnen und Freunde.

Innerhalb weniger Monate waren sie „verschwunden“. Das jahrhundertealte jüdische Leben wurde einfach ausgelöscht.

 

Meine Damen und Herren!

Gibt man auf der Internetseite von Yad Vashem den Suchbegriff „Mattersburg“ oder „Mattersdorf“ ein, findet man 485 Datensätze zu einzelnen Personen, die einen Bezug zu diesem Ort haben. Die meisten wurden hier geboren, oder lebten zeitweise hier. Hinter jedem einzelnen Namen steht ein Schicksal, eine Geschichte, eine Tragödie.

So berichtet Zeev Blum über seine Mutter Irma Blum, geborene Kupel, die in Mattersburg lebte: Ermordet.1938 war sie 48 Jahre alt.

Bella Hönigsber wurde in Mattersburg geboren: Ermordet.1938 war sie sieben Jahre alt.

Karl Löb, wurde in Mattersburg geboren: Ermordet. 1938 war er 73 Jahre alt.

Kurze, kleine Datensätze, Zeugnisse einer gnadenlosen Hetze auf Jüdinnen und Juden, die niemanden verschonte.

Ich möchte daher heute auch meine Trauer und meinen Schmerz zum Ausdruck bringen:

Die Trauer über jedes einzelne jüdische Schicksal in dieser schrecklichen Zeit.

Die Trauer über eine einzigartige Kultur, die durch ein mörderisches Terrorregime und seine vielen Helfershelfer innerhalb kürzester Zeit zerstört wurde.

Meinen Schmerz, ausgelöst durch die Erinnerung an die dunkelste Seite unserer Geschichte. Und an die Tatsache, dass Österreicherinnen und Österreicher nicht nur zu den Opfern, sondern auch zu den Täterinnen und Tätern gehörten.

 

Verehrte Festgäste!

Orte des Gedenkens sind wichtig. Wichtig zur Erinnerung an Menschen, wichtig zur Erinnerung an Ereignisse.

Wenn wir heute gemeinsam gedenken, so tun wir dies in Verbundenheit mit den Jüdinnen und Juden von Mattersburg. Es ist ein Versuch, ihnen ihre Würde ein Stück zurückzugegeben.

Das Gedenken ist nicht nur das Anliegen der Überlebenden der Verfolgung. Es ist das Anliegen Österreichs, das sich damals selber eines Teils seiner Menschen beraubte.

Durch die Errichtung der Gedenkstätte wird deutlich – und nunmehr auch sichtbar - ausgesprochen, was in Mattersburg geschehen ist. Die Gedenkstätte enthält aber auch ein Versprechen:

Niemals vergessen!

Niemals werden wir das Vergangene vergessen!

Niemals darf sich so etwas wiederholen!

Das heißt aber auch: In unserem Land ist für jegliche Form, oder auch nur den Anflug von Antisemitismus, Rassismus, Hetze oder die gezielte Zerstörung der Würde von Menschen kein Platz! Hier nicht und auch sonst nirgendwo in Österreich.

Ich bin überzeugt, dass der Blick zurück uns hilft, den einzig richtigen Weg in die Zukunft weiterzugehen: klar, eindeutig, konsequent:

Aus vollster Überzeugung glaube ich: Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, für eine Kultur des friedlichen Miteinanders, der Freiheit und der Einhaltung der Menschen- und Minderheitenrechte einzutreten.

Die Zukunft Österreichs liegt in einem freien, demokratischen, toleranten, offenen Europa.

Europa ist ein Projekt des Friedens und der Versöhnung. Europa ist stolz auf seine Vielfalt der Kulturen.

Wir sind ein Kontinent, in dem ganz unterschiedliche Lebensentwürfe möglich sind, und selbstverständlich auch jüdisches Leben in allen Facetten gedeihen kann – und soll!

Jüdinnen und Juden sollen sich in unserem Land nie mehr fürchten müssen!

Ich danke abschließend allen, die sich für diese wichtige Gedenkstätte mit Kraft und Engagement eingesetzt haben. Allen voran Herrn KR Michael Feyer für seinen Entwurf und die Realisierung der Gedenkstätte.

Ich danke ebenso dem Verein „wir erinnern – Begegnung mit dem Jüdischen Mattersburg“ sowie Herrn Dr. Gert Tschögl und Frau Mag.a Gertraud Tometich, die diesen Tag leider nicht mehr erleben kann.

Ich wünsche der Gedenkstätte Mattersburg viele interessierte Besucherinnen und Besucher.

 

Ich danke Ihnen!

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